Fotografien von Jie Liu: Die Geometrie von Baustellen und mehr

von Achim Manthey

square succession V, 2010 (c) Jie Liu

In der Ausstellung "Square Succession & Ephemeral Efflorescence" zeigt die Henn Galerie zwei Bilderreihen des chinesischen Fotografen Jie Liu.

Mächtig wie die Kaaba kommt dieses scheinbar vom urbanen Raum völlig losgelöste Gebäude daher, schwarz, die Fassade symmetrisch geteilt durch rechteckige und quadratische Rahmen in orange-rot. Nur wenn der Betrachter ganz nah herantritt an das Bild, erkennt er feine, fast verborgen bleibende Landschaftsspiegelungen, als wäre die Welt hinter dem Bild Natur. Ebenfalls in der Pampa scheint das Glashaus im Glaskasten zu stehen. Das vollständig verglaste Gebäude ist von einer weiteren Glasfassade umgeben. Kalt, einsam, verlassen.

Die Architekturfotografien von Jie Liu, meist vor monochromen Hintergrund, stellen die architektonischen Formen und Strukturen der Bauwerke und Baustellen klar heraus und offenbaren einen ausgeprägten Blick für geometrische Muster, mit denen er bei aller Sachlichkeit, mit der er seine Abbildungen fertigt, doch spielt. Deutlich wird das an dem Foto "square succession VIII" von 2010, das eine Glaswand mit über Kreuz und vertikal gestellten Metallverstrebungen abbildet, die zugleich die ohnehin verzerrten Spiegelungen einer urbanen Landschaft durchbrechen. Alle Spuren, die auf den Standort oder die Identität der Gebäude sind weitgehend beseitigt. Sie wirken wie im Photoshop freigestellt, was sie nicht sind.

Jie Liu wurde 1977 in Xi'an, China, geboren. Seit 2003 lebt er in Deutschland, wo er bis 2006 Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel und Fotografie bei Bernhard Prinz studierte. Er lebt und arbeitet in München.

Baustellen von Großbauten sind ein besonders dankbares Motiv. Dieses Gewirr von Gerüsten, horizontal und vertikal verlaufenden Stahlträgern, die Verspannung mit Stahlseilen ergibt Bilder, die an abstrakte Malerei erinnert. Auch hiermeist Menschenleere, und wenn zwei Bauarbeiter wie Playmobil-Figuren im Miniformat zu sehen sind, prägen sie nicht. Da sich kein Ortsbezug herstellen lässt, entsteht eine verwirrende Anonymität, die den Betrachter der Bilder einbezieht, förmlich isoliert.

Dem gegenüber stehen in der Ausstellung drei Pflanzenbilder, die mit den Architekturfotografien auf den ersten Blick nicht korrespondieren. Üppig wuchernde, subtropische Pflanzen, aufgenommen in Gewächshäusern, in denen der Fotograf durch den Einsatz von Schärfe und Unschärfe optische Schwerpunkte setzt. Doppelungen von Ästen und Zweigen vermitteln eine Unruhe, die zu dieser Inszenierung einer Natürlichkeit der Pflanzen nicht zu passen scheint. Und natürlich ergibt sich die Korrespondenz zu den Architekturbildern, denn die Pflanzen überwuchern nur, was der Mensch geschaffen hat, um sie zu erhalten.

Die monochromen Hintergründe und das unwirkliche Licht ist allen Aufnahmen gemeinsam. Bei aller Künstlichkeit, Strenge und Verlassenheit, die sie ausstrahlen: Die Fotografien wirken wie der Versuch, eine einvernehmliche Lösung zu suchen im Widerspruch zwischen Natur und der sogenannten Zivilisation.

Bis zum 28. Januar 2012 in der Henn Galerie, Augustenstraße 54 in München, D-Fr 13-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Freier Eintritt.

 

 

Veröffentlicht am: 25.10.2011

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