Christopher Thomas und die Passion im Kirchensaal: Eine berührende Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum

von Achim Manthey

Passion 53, Jesus, Maria (c) Christopher Thomas, courtesy Bernheimer Fine Art Photography

Passionsspiele Oberammergau 2010. Durch die Unterstützung von Spielleiter Christian Stückl hatte der Fotograf Christopher Thomas Gelegenheit, die Proben mit der Kamera zu begleiten.  Die beeindruckenden Arbeiten sind nun im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen.

Barabbas schaut erstaut, verstört, schockiert, so, als könne er gar nicht fassen, was ihm da gerade eben widerfahren ist. Leben statt Kreuz. Das Foto zeigt den Darsteller am Boden liegend, das Haupt leicht erhoben, der Gesichtsausdruck gequält, so, als könne des Todesangst, die ihn noch bis vor ein paar Momenten gefangen gehalten hat, nicht aus ihm weichen. In stiller Andacht, die Augen niedergeschlagen, eine Chorsängerin. Ein Lichtstrahl nur ist es, der auf einen Hohen Rat im Kreise seiner ins Dunkel getauchten Kollegen fällt, nachdenklich, als fragte er sich, ob sie da gerade das Richtige tun.

Christopher Thomas, 1961 in München geboren, ausgebildet an der Bayerischen Staatsanstalt für Photographie, ist ein weltweit gefragter Werbefotograf. Auch seine Fotoreportagen in der Süddeutschen Zeitung, Geo, oder Stern wurden mehrfach ausgezeichnet. Als Fotokünstler wurde er insbesondere mit seinen Reihen Münchner Elegien (2005) und New York Sleeps (2009) bekannt.

Passion 01, Chorsängerin (c) Christopher Thomas, courtesy Bernheimer Fine Art Photography

Die Arbeiten an der in der aktuellen Ausstellung gezeigten Bildern waren ursprünglich ganz anders geplant. Thomas wollte die Proben zu den Passionsspielen 2010 in Oberammergau dokumentieren. Schnell kamen Zweifel auf, ob es einen Sinn ergeben würden, Jesus in Schlabberhosen oder Maria Magdalena in Jeans und Pulli zu zeigen. Irgendwann brach er das Projekt ab. Mit den Kostümproben kam so etwas, wie eine Erleuchtung. Die Ernsthaftigkeit der Darsteller bis hin zu den kleinsten Statistenrollen beeindruckte ihn. Nicht mehr die Handlung auf der Bühne stand im Mittelpunkt, sondern die Konzentration auf einzelne Personen: Jesus, Maria, Sängerinnen aus dem Chor, Händler, Soldaten, die exemplarisch stehen sollten für die mehr als 2000 Mitwirkenden. So entstand einer beeindruckende Portrait-Reihe, die zutiefst menschliche Gefühle ausdrückt, wie Freunde und Hoffnung, Innehalten und Erstaunen, aber auch Leid und Entsetzen. Gleichzeitig vermitteln die Bilder die Dynamik und Emotion des Passionsspiels.

Der malträtierte, der schreiende, der sterbende Jesus - es sind besonders beeindruckende Fotografien, die auch von den darstellerischen Fähigkeiten des Hauptdarstellers zeugen. Römische Soldaten fast im Dunkel, nur Helme, vereinzelt eine Gesichtspartie oder ein Ellenbogen werden von Lichtstrahlen erfaßt. Die Portraits sind in warmen Braun- und Schwarz-Grau-Tönen gehalten. Sie lehnen sich ganz bewusst an die Passionszyklen abendländischer Malerei, auch an die Gemälde von Rembrandt oder Caravaggio an.

Passion 11, Eine aus dem Volk (c) Christopher Thomas, courtesy Bernheimer Fine Art Photography

Die Ausstellung wird im Kirchensaal des Bayerischen Nationalmuseums gezeigt, ein Ambiente, das die Aussagekraft und Bedeutung der Fotografien unterstreicht. Um die ständigen Exponate des Saales nicht zu beeinträchtigen, wurden die Fotografien an Kuben gehängt, die am Durchgang aufgebaut sind. Dies ermöglicht eine thematische Konzentration und ein Nacherzählen der Passionsgeschichte. Einzelne Jünger werden an einem Kubus gezeigt, Soldaten, Fußvolk an anderen. In der Mitte das Leiden und Sterben Jesu. Und der von Ira Stehmann sorgsam kuratierten Ausstellung gelingt ein erzählerischer Clou, der sich vielleicht erst beim zweiten Hinsehen erschließt: Scheinbar endet der Bilderzyklus mit dem Foto, das die Beweinung des vom Kreuz abgehägten Jesu durch seine Mutter Maria zeigt. Dreht sich der Betrachter noch einmal um, übersieht er fast ein in in gebührendem Abstand zu den Kuben gehängtes Einzelbild, das die trauende Maria Magdalena zeigt. Erst dieses Bild, in dem sich nicht nur Glaube, Verehrung und Trauer, sondern die zutiefst menschliche Liebe zu dem gerade Gemordeten ausdrückt, schließt die Ausstellung schlüssig ab.

Bis zum 15. Januar 2012 im Bayerischen Nationalmuseum, Prinzregentenstr. 3 in München, Die - So 10.17 Uhr, Do 10 - 20 Uhr. Das Buch dazu ist im Prestel Verlag erschienen.

 

Veröffentlicht am: 17.10.2011

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