Saisonauftakt im Staatsschauspiel mit Halali und Ernüchterung

von Jan Stöpel

Peilstein, Moretti, Lacher, Pichler, Melzel (c) Hans Jörg Michel

Leichte Ernüchterung nach dem Startwochenende: Die vorher geweckten hohen Erwartungen konnte das Bayerische Staatsschauspiel unter seinem neuen Intendanten Martin Kusej in den ersten vier Premieren der neuen Spielzeit nur zum Teil erfüllen. Höhepunkt war Neil LaButes "Zur Mittagsstunde" - eine spannende Geschichte, konventionell und damit überzeugend erzählt.

Man kann das Rad nicht neu erfinden, und Ähnliches gilt wohl für das Theater. Jedoch: Neue Impulse geben, das geht. Das Theater als freien Spielplatz der Weltentwürfe und Kommunikationsmittel zum Stadtgespräch machen – auch das ist möglich. Das Residenztheater, so die neue Markenbezeichnung unter dem neuen Intendanten Martin Kusej, hat zumindest Letzteres geschafft, und das lange bevor sich der Vorhang zum ersten Mal hob. Ein neuer Internetauftritt, ein neues Design für Programmheft und Booklets, sodann die Ankündigung des neuen Leiters, mit einem runderneuerten Ensemble und lauter neuen Inszenierungen frischen Wind über die drei ehrwürdigen Bühnen wehen zu lassen: Das alles hatte die Erwartungen steigen lassen.

Die Bilanz nach dem ersten Wochenende mit vier (!) Premieren fällt gleichwohl durchwachsen aus. Martin Kusej persönlich eröffnete die Saison mit Schnitzlers "Das weite Land" konventionell: Weitgehend statisches Aufsagetheater mit einigen Längen, und das trotz eines mit großer Spannung erwarteten Tobias Moretti.

Kleinheinz, Rupperti, Cuciuffo, Pätzold (c) Pam Schlesinger

Am Freitag dann eine grelle Farce, Albert Ostermaiers "Halali" in einer Uraufführung: Das Cuvilliés-Theater als Irrenhaus, in dem ein von Depressionen geplagter Strauß-Sohn und ein von Größenwahn getragener eingebildeter Strauß in einem bunten Reigen bayerische Befindlichkeiten spazierenführen. Ein schönes Bühnenbild (Robert Schweer), ein gespiegeltes Cuvilliés, womit wir, das Publikum, mittendrin wären im schönen Bayernland, dessen Berge Strauß vermutlich eigenhändig aufgetürmt hat. Einen furiosen Jörg Ratjen als eingebildeten Strauß darf man erleben, einen, dem das souveräne Komödiantentum noch durch dicke Brillengläser funkelt. Überhaupt überzeugte das Ensemble, Sibylle Canonica und Rene Dumont als Ärzte und Oliver Nägele als Straußsohn Max. Und doch mag sich das skurrile Treiben in der Regie von Stephan Rottkamp nicht zu einem Ganzen fügen. Ein bisserl arg barock, verspielt und hin und her mäandernd kommt das Stück daher, nach starkem Beginn - vier in blutige Schürzen gewandete Männer mit Hirschgeweih, die die Kunst des waidgerechten Aufbrechens erklären - fehlt beim Halali der finale Schuss an erzählerischer Süffigkeit. Nach dem "Alpsegen" an den Kammerspielen vertärkt dieses Stück den Eindruck, als ob gerade die Münchner Häuser zum bayerischen Wesen nichts wesentliches zu sagen hätten.

Konanke, Scheibe (c) Jörg Koopma

Ähnlich ratlos verließen viele Zuschauer wohl den Marstall nach "Eyjafallajökull-tam-tam". Wo der Autor Helmut Krausser auf einem Flughafen, lahmgelegt durch einen Vulkansbruch, einen Reigen böser Episoden komponiert, in denen sich Aggression immer wüster Bahn bricht, da regiert im Marstall in der Regie Formlosigkeit. Es marschieren Publikum und Schauspieler - Krausser schrieb das Stück fürs gesamte Ensemble des Resi - durch als Wartehalle dekorierte Theater, man spricht - auch mit Schauspielern -, und fühlt die bleierne Müdigkeit angesichts immer aufs neue verschobener Flüge irgendwann in die eigenen Knochen sickern. Die wachsende Aggressivität erfährt man nur ausschnittsweise, je nachdem, wo man sich gerade befindet. Manch einer mag sogar den Mord an einer Schwangeren verpasst haben. Live gespielte Szenen, eine Band dazwischen, immer wieder Videoclips mit vielleicht gerade abwesenden Schauspielern: Da kann man schon mal die Übersicht verlieren. Immerhin hat diese Inszenierung von Robert Lehniger etwas von Lebenswirklichkeit: Am normalerweise perfekt funktionierenden Schnittpunkt unserer temposüchtigen Welt verlieren wir die Koordinaten - und stehen fassungslos vor dem Einbruch der Natur in unsere sonst so geordnete Lebensumwelt. Wohin nur mag unsere Reise gehen?

Wie ein Arschloch zu Gott findet, weil sonst schon gar nicht mehr Ordnung ins brutalstmögliche Chaos zu bringen ist, davon erzählt Neil LaButes Drama "Zur Mittagsstunde". Ein Mann überlebt den Amoklauf eines Mitarbeiters, den er selbst gefeuert hat, und nimmt sein wunderbares Überleben als Startschuss zu seiner persönlichen Mission. Altmeister Wilfried Minks zeichnet nicht nur für das reduzierte, konsequente Bühnenbild verantwortlich, sondern auch für die Regie. Minks lässt LaButes spannende Geschichte einfach gelten, ohne Schnickschnack,  schnörkelloses Theater nach alter Schule. Mit Norman Hacker hat er auch noch einen formidablen Hauptdarsteller gefunden. Was also soll da schiefgehen? Nichts. Da zeigt Theater, was es kann. Weswegen wir dieses Stück auch zum Hauptgewinn der Saisonstartslotterie küren.

Veröffentlicht am: 11.10.2011

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