Vivian Maier: Bilder aus dem fotografischen Nachlass eines Kindermädchens

von Achim Manthey

Straßenszene in New York (Foto: Vivian Maier/Maloof Collection)

Das, was da 2007 bei einer Zwangsversteigerung das Licht der Welt wieder erblickte, gilt als Sensation. Vivian Maier, ein unbekanntes Kindermädchen, hatte über Jahrzehnte vor allem in den Straßen von Chicago und New York fotografiert. In der Ausstellung "A Life Uncovered" zeigt das Amerika Haus in München nun Bilder aus dem Nachlass.

Der dicke Knabe, dem ein Wellensittich die Brust anknabbert, stemmt die Hände selbstbewusst in die Hüften und grinst ziemlich feist in die Kamera. Das Genage des Vogels stört ihn offensichtlich nicht. Die Aufnahme entstand im September 1959 in New York und ist neben dem Portrait einer Mutter mit ihrer Tochter eine der wenigen Innenraum-Aufnahmen, die in der Ausstellung zu sehen sind. Das Leben spielte sich für Vivian Maier auf der Straße ab. Portraits von Menschen auf der Straße und das Straßenleben sind die Sujets, mit denen sich die Fotografien befassen. Portraits mondäner Damen sind zu sehen und Penner, die an einer Hauswand kauern und mit leerem Blick in die Kamera starren. Da läuft ein wohl behütetes kleines Mädchen an den Händen von zwei Frauen, abgelenkt von etwas rechts außerhalb des Bildes, das im April 1954 in New York entstand. Daneben die beiden kleinen Würmer in abgerissenen Klamotten auf dem Kopfsteinpflaster, erschöpft, traurig, skeptisch.

Untitled (Foto: Vivian Maier/Maloof Collection)

Die Lebensgeschichte der Amateurfotografin liest sich, als habe Hans Christian Andersen eines seiner traurigen Märchen geschrieben. Die Lebensumstände sind bis heute nicht vollständig erforscht. Geboren wurde Vivian Maier am 1. Februar 1926 als Tochter einer französischen Mutter und eines österreichischen Vaters, vermutlich in New York. Sie wächst in Frankreich, der Heimat ihrer Mutter, auf. Anfang der 1950er Jahre kehrt sie nach New York zurück, arbeitet wohl schon als Kindermädchen - und beginnt mit dem Fotografieren. Sie siedelt nach Chicago um, wo sie - so viel ist bekannt - fast 40 Jahre lang als Kindermädchen arbeitet. Den größten Teil ihrer Freizeit verbringt sie in den Straßen von Chicago, ihre Kamera, eine zweiäugige Rolleiflex, immer dabei, und knipst auf Teufel komm raus. John Maloof, der spätere Entdecker der Bilder, schildert das nach den Erzählungen der Leute, die als Kinder von Maier betreut worden waren, so: " Sie war Sozialistin, Feministin, Filmkritikerin und 'gradeheraus'. Sie lernte Englisch, indem sie Theater besuchte, und sie liebte das Theater. Sie trug ein Herrenjackett, Herrenschuhe und meistens einen großen Hut. Sie machte ständig Fotos und zeigte sie niemandem." Immer größer wurde der Bestand, den sie von Arbeitgeber zu Arbeitgeber mitschleppte. 200 Kisten mit Negativen, Abzügen und nicht entwickelten Filmrollen sollen es zuletzt gewesen sein, die sie einlagerte. Gegen Ende ihres Lebens fällt sie in Armut, ist wohl eine Zeitlang obdachlos, bezieht Sozialhilfe. Am 21. April 2009 stirbt sie an den Folgen eines Sturzes.

New York September 1953 (Foto: Vivian Maier/Maloof Collection)

2007 kommt ein weiterer Amateur ins Spiel. Der Hobby-Stadthistoriker John Maloof sucht historische Stadtfotografien und wird bei einer Zwangsversteigerung fündig, bei der er eine Kiste mit Negativen und nicht entwickelten Firmrollen ersteigert. Ein Glücksfall! Über die Jahre gelingt es ihm, weit mehr als 100.000 Aufnahmen zu sichern und in das Vivian Maier Archiv, das er heute leitet, zu überführen. Der Bestand ist bis heute nicht vollständig ausgewertet.

In der Ausstellung ist ein im Oktober 1953 entstandenes Selbstportrait der Bildermacherin zu sehen. Die Aufnahme, durch die Spiegelung in einem Schafenster entstanden, zeigt eine hochgewachsene, schlanke Frau, deren Kontur durch ein eng geschnittenes Sakko unterstrichen wird. Der Halbschatten lässt das Gesicht nicht erkennen. Offenbar war sie sich selbst nicht so wichtig. Es ging ihr mehr um die Wechselwirkung von Licht und Schatten, wie auch auf einer zeitlich nicht einzuordnenden Fotografie eines Säulenganges in Chicago zu sehen ist.

Straßenszene (Foto: Vivian Maier/Maloof Collection)

Die in der Ausstellung gezeigten Bilder zeigen Straßenszenen und häufig Portraits von Personen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Sie machen die Widersprüche und Brüche städtischen Zusammenlebens deutlich. Je länger Maier fotografierte, umso mehr weisen die Bilder klare Strukturen auf. Unbewusst entstand klassische Straßenfotografie. Und fast scheint es, als würde sie sich an Vorbilder anlehnen und sie parodieren: Eine im Mai 1970 in Chicago entstandene Aufnahme zeigt eine Dicke, deren Pünktchenroch vom Wind aufgebläht wird und Teile des Unterrocks freigibt. Das erinnert an Elliot Erwitts berühmte Fotografie von Marilyn Monroe über dem U-Bahn-Schacht.

Kunst ist das nicht. Aber man sieht eine anrührende, beeindruckende und daher sehenswerte Dokumentation urbanen Lebens der 1950/60er Jahre in den USA.

 

Bis zum 9. Dezember 2011 im Amerika Haus, Karolinenplatz 3 in München, Mo-Fr. 12-17 Uhr, Mi 12-20 Uhr. Einritt frei. Bei Schirmer/Mosel erscheint der von John Maloof herausgegebene Bildband "Vivian Maier: Street Photographer".

 

Veröffentlicht am: 13.10.2011

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