SeitenWände im Stadtmuseum München: Intim oder an der Wand? (Folge 1)

von Achim Manthey

around heaven and men, 2011 (c) Karin Jobst

Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung, wenn man einen Fotoband daheim in aller Ruhe durchblättert oder wenn man die Bilder in einer Ausstellung an der Wand sieht? Dieser Frage geht das Stadtmuseum München in einer mehrteiligen Ausstellungsreihe mit dem Titel "SeitenWände. Fotografie im Buch und im Raum" nach, die in Kooperation mit der Hochschule für bildende Künste Hamburg entstanden ist. Der erste Teil des Projekts ist nun zu sehen.

Ganz so neu ist der Gedanke nicht. Ausstellungen jedenfalls der großen Häuser werden in der Regel durch sorgsam aufbereitete Kataloge begleitet, die in den Räumen zur Ansicht ausliegen und käuflich erworben werden können. Das Buch als Beiwerk zum Nachvollziehen daheim. Was aber passiert, wenn Fotografien gleichrangig nebeneinander an der Wand und im Buch präsentiert werden? Verändert sich die Wahrnehmung, ergibt sich ein Dialog zwischen dem eher intimen Blättern in einem Fotoband und der Öffentlichkeit des Besuchs in einer Ausstellung, in der der Besucher zwar für sich, aber selten allein ist? Das Ausstellungsprojekt untersucht diese Fragen - und kann sie nicht beantworten.

Ein Lied, 2011 (c) Hyeyeon Park

Im ohnehin beengten Raum des Forum 025 der Sammlung Fotografie des Stadtmuseums München werden in der ersten Ausstellung Arbeiten von vier Studierenden der Hochschule für bildende Kunst Hamburg gezeigt. Ein Teil der Arbeiten hängt an der Wand. Kombiniert damit ist dies mit den dazu passenden, in einer Art Regal plazierten Fotobüchern, die im Rahmen der "edition fotografie" im Materialverlag der Hochschule produziert wurden. Ausstellungserfahren widmet sich der Betrachter zunächst dem, was an der Wand hängt. Karin Jobsts "around Heaven and men", wohl die Nahaufnahme eines Rolltreppenfragments, die durch Unschärfe Wärme, sonst aber auch nichts erzeugt. Ein weiteres Bild, unbetitelt, ist aus vielen kleinen Einzelfotografien zusammengesetzt und ergibt eine unruhige Fotolandschaft. Sabine Keller zeigt aus transparenten Kunststoffverpackungen aus dem Supermarkt errichtete Skulpturen, die auf den Bildern vor schwarzem oder weißem Hintergrund bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst werden. Gegenständlicher die Arbeiten von Nadine Otto, die Lebenswelten abwesender Menschen in Südschweden anhand ihrer Habseligkeiten portraitiert, oder von Hyeyeon Park mit durchaus spannenden Einblicken in Schluchten.

Nun muss, soll, kann der Besucher in den Büchern blättern. Er stellt fest, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen dem, was er an der Wand zu sehen bekommt und dem, was im Buch angeschaut werden kann, besteht. Augenfällig ist die Wahrnehmungsdifferenz besonders bei den Bildern von Sabine Keller, die im Buch schlicht deutlicher erkennbar sind. Bei den Arbeiten von Karin Jobst ist Variabilität in den Präsentationsformen erkennbar, statisch im Buch,  flexibel an der Wand.

Der mit dem Projekt angestrebte Dialog und die Hoffnung, "vielschichtige, neue Bilderfahrungen" - so die Besucherinformation -  zu eröffnen, stellt sich nicht ein. Beides, Buch und Wand, steht gleichwertig nebeneinander. Die Kommunikation zwischen beiden Präsentationsformen in einer Ausstellung funktioniert eher nicht.

Die aktuelle Ausstellung ist bis zum 30.Oktober 2011 im Forum 025 der Sammlung Fotografie des Stadtmuseums München, St.-Jakobs-Platz 1 zu sehen. Bis zum 12. Februar 2012 schließen sich im Rahmen dieses Ausstellungsprojekts drei weitere Ausstellungen an. Der Eintritt hierzu ist frei. Nähere Informationen unter www.stadtmuseum-online.de

 

Veröffentlicht am: 16.10.2011

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