Die Stadt, die niemals schläft: Fotos aus New York von den 1950ern bis heute

von Achim Manthey

New York from an approaching Ship, 1963 (Foto: Erich Hartmann, courtesy Galerie Clair)

Neun Fotografen aus ganz verschiedenen Generationen vermitteln in der Ausstellung "View York" in der Münchner Galerie °Clair mit ganz unterschiedlichen Ansätzen ein beeindruckendes Portrait dieser Stadt der Städte.

Kleopatra friert. Schneesturm in der 42. Straße. Leonard Freed hat diese Szene 1963 im Bild eingefangen vor einem Filmtheater, in dem gerade der berühmte Film dieses Titels mit Liz Taylor in der Hauptrolle gezeigt wurde. Inge Morath geht in zwei 1957 entstandenen Fotos - eines davon farbig, was selten war bei der Fotografin - der Frage nach, was das Lama auf dem Time Square zu suchen hat. Und wieso trägt Mrs. O. Kaletsch, deren Augen an die einer indischen Prinzessin erinnern, ihren Zwergpudel auf der Fivth Avenue spazieren, fragt die Aufnahme von 1958.

Aber es sind nicht nur Skurrilitäten, die der Big Apple in seinem täglichen Straßenbild zu bieten hat. Die Fotos von Andrew Lichtenstein vermitteln Licht und Schatten dieser Stadt: Einerseits der fröhliche, von grimmig dreinschauenden Polizisten gesicherte Tanzwettbewerb auf einer Straße in der Bronx, 1996 dokumentiert, andererseits der alte Obdachlose unter der Manhattan Bridge, der Zuwendung nur noch von seiner Katze erhält. Auch Gundula Friese zeigt in ihren 2005 entstandenen Farbaufnahmen aus der Reihe "Im September", auf denen regennasse Straßen eines Randbezirks zu sehen sind, wie verdammt einsam es sein kann in dieser pulsierenden Metropole an der Ostküste der Vereinigten Staaten.

A Llama at Time Square, 1957 (Foto: Inge Morath, courtesy Galerie Clair)

Die Ausstellung versammelt eine erstaunliche Anzahl hochkarätiger Fotografen aus Vergangenheit und Gegenwart. Neben den bereits Genannten ist der in München geborene Fotograf Erich Hartmann ebenso vertreten wie Guy Le Querrec, Hally Pancer, Klavdij Sluban und Patrick Zachmann. Die gezeigten Bilder entstanden zwischen 1954 und 2010. Das ist eine Zeitspanne, in der sich nicht nur die fotofrafisvche Technik, sondern auch die Sichtweise der Fotografen verändert hat. Von Erich Hartmann stammt die großartige, ganz klassische Aufnahme der Skyline von Manhattan, aufgenommen von einem in den Hafen einfahrenden Schiff mit der Führungscrew auf Lee, ebenso das mit "Selbstportrait" betitelte Foto, das seine Hand am Fenster eines Jets im Anflug auf New York zeigt - eine ganz stille, fast sentimentale Freude auf das Heimkommen. Ganz anders Klavdij Sluban: sieben Aufnahmen über der Stadt aus dem Winter 2008 symbolisieren die Kälte, die Unwirtlichkeit und Anonymität. Dokumentaristisch die Aufnahmen von Patrick Zachmann. "Little Italy" als Beispiel für den Melting pott, oder die Hommage an die Kollgen der Agentur Magnum anlässlich ihrer Jahrestagung 2010, Abbild der Medienmetropole dieser Welt.

Die Geschäftigkeit der Wall Street findet sich in einem Foto von Leonard Freed von 1956. Anrührend sind die schlafenden Paare auf einer Rolltreppe der Grand Central Station am Neujahrsmorgen 1969. Von Hally Pancer sind Portraits von New Yorker Menschen gezeigt, die "Beach Babies" von 1987 und Barszenen von 1988.

Twin Towers, 1987 (Foto: Patrick Zachmann, courtesy Galerie Clair)

Bleibt die Frage: Kommt die Ausstellung an 9/11 vorbei?  Lediglich drei der in der Ausstellung gezeigten Bilder beziehen die Twin Towers ein, eine Aufnahme von Erich Hartmann aus dem Jahr 1975 und zwei weitere von Patrick Zachmann von 1987. Die Antwort lautet also: Ja. Die Ausstellung  wird zwar im zehnten Jahr danach gezeigt, hat mit dem Ereignis aber nichts zu tun. Das beweisen gerade die in der Zeit danach entstandenen Aufnahmen, die völlig losgelöst sind von der schweren Wunde, die der Stadt geschlagen wurde. Jeder verbindet New York mit bestimmten Assoziationen und kommt mit diesen in die Ausstellung. Die Galeristin Anna-Patricia Kahn war gut betraten, deren weiteres Aufwallen in der Schau durch eine Anreicherung mit Katastrophenbildern zu vermeiden.

Die Ausstellung beeindruckt durch ihre Vielfalt, auch wenn sie letztlich Fragment bleiben muss angesichts des Facettenreichtums dieser Stadt der Städte. Selbst der, der noch nie da war, der den Rausch, die Dynamik, den dieser Metropolenzustand vermittelt, noch nie erlebt hat, fühlt sich dort hineinversetzt, daheim sogar. Viel mehr können Bilder nicht erreichen.

Bis zum 22. Oktober 2011 in der Galerie °Clair, Franz-Joseph-Str. 10 in München, Mi-Sa 15-19 Uhr. Eintritt frei. Zur Ausstellung ist im Kerber Verlag ein sehr sorgfältig gemachter Fotoband erhältlich, der allerdings mit 40 Euro das persönliche Budget belastet.

 

Veröffentlicht am: 08.10.2011

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