Zitterndes Titan - Bewegte Metall-Skulpturen an der Maximilianstraße in München

von Achim Manthey

Kubusmembran 2008/2009, Chrom-Nickel-Federstahlfolie (Bild: Martin Willing, Courtesy Galerie Gudrun Spielvogel)

In der Ausstellung mit dem etwas altväterlich klingenden Titel "Schwingung und Bewegung" zeigt die Galerie Gudrun Spielvogel eine Werkschau der Arbeiten des Metall-Bildhauers Martin Willing.

Noch am Tag nach der Vernissage - es war die Wochenendöffnung anlässlich der Open Art - ist der leise, bescheidene Künstler nervös, drückt dort, biegt da. Die kleinste Unebenheit kann alles kaputt machen. Schließlich passt es. Ein kleiner Tick genügt, und die Kubusmembran, eine Wand- Konstruktion aus Chrom-Nickel-Federstahlfolie, gelasert, gekantet, vorgespannt, setzt sich in Bewegung, vibriert, krümmt, biegt sich, um allmählich in ihre Ursprungsform zurückzukehren. In der Entstehung wird die Metallplatte gestaucht und über einer Schablone gekanntet, wodurch kleine Kuben entstehen. Auch der gestreckte Hyperboloid, mehr als zwei Meter hoch, aus gebogenem und geschnittenen Duraluminium, auf einer Edelstahlplatte, setzt sich durch leichtes Antippen in Berührung, schwingt, bebt und neigt sich. Ein Antippen hier, ein Hauch dort, und der Besucher sieht sich in einem Raum mit filigranen Kunstwerken, die wippen, sich wellenartig bewegen, drehen. Das allein macht schon Spaß, weil der Betrachter aktiv eingreifen kann in den Augenblick, in dem er den Ausstellungsraum in Bewegung bringt.

Martin Willing, 1958 in Bochold geboren, hat Kunst und Physik studiert. Mit wissenschaftlicher Genauigkeit konstruiert er seine Objekte aus unterschiedlichen Metallen, bevorzugt Titan, Stahl und Duraluminium. Das Material wird entgegen der Schwerkraft vorgespannt, gebogen, geschmiedet und gekantet, wenn erforderlich auch über mehrere Achsen geschnitten. Es entstehen ebenso schlichte und formschöne wie technisch anspruchsvolle, filigrane Kunstobjekte, die nicht geschlossen, sondern leicht und offen wirken.

Die Ergebnisse dieser technisch hoch komplizierten Vorgänge faszinieren. Wellenschwinger und Wellen-Doppelschwinger aus Duraluminium sind zu sehen und in Bewegung zu setzen, ebenso ein auf einer Edelstahlplatte aufrecht stehender Lamellenring von immerhin 87 Zentimeter Durchmesser aus Chrom-Nickel-Federstahlband, gebogen, vorgespannt und lasergeschweißt.

Die 16 in der Ausstellung gezeigten Arbeiten sind zwischen 1984 und 2011 entstanden, darunter einige Unikate und Künstlerexemplare. Sie zeigen einen Überblick über das Schaffen Martin Willings, verdeutlichen auch die Fortschritte in den Verfahren. Die Möglichkeit, durch einen kurzen Impuls Bewegung zu erzeugen, weckt zunächst einmal den Spieltrieb, der dem Menschen innewohnt. Die nähere Beobachtung der Phase zwischen den Schwingungen, Drehungen der Objekte und der allmählichen Rückkehr in ihren ursprünglichen, vermeindlich statischen Zustand hat jedoch auch meditativen Charakter. Die vermittelte Leichtigkeit wirkt labil, verletzlich und führt den Betrachter zu ganz neuen, auch sentimentalen Wahrnehmungen.

Bis zum 26. November 2011 in der Galerie Gudrun Spielvogel, Maximilianstraße 45 in München, Di-Fr 13-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr. Eintritt frei.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 20.09.2011

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