Sagen Sie jetzt nichts - Loriot lebt nicht mehr

von Achim Manthey

Vicco von Bülow (Foto: Isolde Ohlbaum, courtesy Diogenes Verlag)

Er tanzte mit der Steinlaus, hob Möpse und Buchsbäume aufs Podest, lehrte das Jodeln, damit der Mensch etwas Bleibendes mitnimmt. Am 22. August 2011 ist Vicco von Bülow alias Loriot im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ammerland am Starnberger See gestorben.

"Gestern starb der Humor in Deutschland - jetzt gibt es nur noch Comedy". Ein Fünkchen Wahrheit könnte dran sein an diesem Kommentar eines Bloggers. Diese Anglizismen wären dem Sprachfanatiker, von dem wir uns heute verabschieden,  ein Greuel gewesen. Vicco von Bülow war ein Universalgenie: Zeichner, Schauspieler, Regisseur, Moderator, auf internationaler Bühne nur mit Peter Ustinov vergleichbar. Unvergessen die Herren Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner in der Badewanne. "Die Ente bleibt draußen". Machtspiele, die angesichts zusammengezogener Schniedel nur lächerlich wirken und ausschließlich als Trickfilm funktionieren konnten. Das ganz und gar zwangsläufige, unvermeidbare Chaos bei dem Versuch, ein Bild gerade zu rücken. Die über das Gesicht wandernde Nudel beim natürlich erfolglos bleibenden Liebesgeständnis. "Sie haben da was!" Und der Kosakenzipfel, der am unrühmlichen Ende einer nie wirklich bestandenen Urlaubsfreundschaft maßgeblichen Anteil hat. Die Unzulänglichkeiten menschlicher Kommunikation sind zentrales Thema der Arbeiten Loriots. "Szenen einer Ehe", die Trilogie von Zeichentrickfilmen, aus der "Das Frühstücksei" besonders beliebt ist. Allein der verbal gemachte Gedanke "Morgen bring' ich sie um" ist ebenso realitätsnah wie genial, weil wir das alle schon einmal so gedacht haben.

Vicco von Bülow wird am 12. November 1923 als Sohn einer Offiziersfamilie in Brandenburg an der Havel geboren. Notabitur 1941 und aus Familientraditon Eintritt in eine Offizierslaufbahn, die ihn bis zum Oberleutnant und für drei Jahre nach Russland brachte. Keine gute Zeit. "... für den schauerlichsten deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende", gestand er in einem 2002 erschienenen Interview mit dem SZ-Magazin. Nach dem Krieg auf Drängen des Vaters Besuch der Kunstschule in Hamburg. Erste Karikaturen erscheine in Stern, Weltbild und Quick. Der Künstlername Loriot entsteht, abgeleitet vom Wappentier der Familie, dem Pirol. 1954 erscheint bei Diogenes das erste Buch "Auf den Hund gekommen", die Einführung des Mopses in die deutsche Litaratur. Einem noch breiteres Publikum wir er durch das Fernsehen bekannt. 1967 zunächst mit Cartoon, einer Sendung, der er als Moderator zunehmend seinen eigenen Stempel aufdrückte, später die von Radio Bremen produzierte Reihe Loriot mit der kongenialen Partnerin Evelyn Hamann und dem oft verkannten Heinz Meier, dem Mann mit dem Schurrbart, der entweder schlecht gelaunt war oder das perfekte Opfer gab, an seiner Seite. Wum und Wendelin für die Fernsehsendungen der "Aktion Sorgenkind" ab 1971 nicht zu vergessen.

Die Sketche sind unvergessen, Passagen daraus haben lange Eingang in die Umgangssprache gefunden. "Moooment", "Ach was", "Sagen Sie jetzt nichts" und das unvergessene "Ein Klavier, ein Klavier" sind Teil des täglichen Sprachgebrauchs geworden. Wie, bitte, verhalten Sie sich beim Kauf eines neuen Bettes, das Probegelegen sein will? Ernst bleiben könne Sie jedenfalls nicht. Auch Piloten, die den entsprechenden Weg nehmen, sagen schon Mal "Auf der linken Seite sehen Sie Kassel", entnommen einem Sketch über Flugreisen. Zwei Spielfilme bleiben: "Ödipussi" von 1988 - das "fröhliche Mausgrau" bleibt ewig - und "Pappa ante Portas" von 1991. Ab 2002 zieht sich Loriot weitgehend zurück, moderiert zuweilen noch ein Konzert, nimmt da teil, wo er sich nicht entziehen kann und verwaltet ansonsten sein Werk und geht spazieren mit seinen Möpsen.

Was macht den anhaltenden Erfolg aus? Es ist wohl dieses immer ein wenig Rückwärts gewandte, dieser Rest bürgerlicher Romantik verbunden mit genauester Beobachtung, die dem Betrachter den Spiegel vorhält. Sketche, die vor 30 Jahre entstanden sind, behalten ihre Gültigkeit und Aktualität, weil sich Unzeitgemäßes länger hält, wie er es einmal ausdrückte.

An Tagen wie diesen ist gern und oft von einem großen Verlust die Rede. Das stimmt gar nicht. Das, was am Menschen endlich ist, geht eines Tages. Loriot hinterlässt uns viel, unglaublich viel, was bleibt und wofür wir dankbar bleiben werden. Adieu, und bringen Sie die da oben, wo Sie sicher landen werden, so zum Lachen, wie uns hier unten über Jahrzehnte.

 

 

 

Veröffentlicht am: 24.08.2011

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Hören Sie sich hier die Audioausgabe des Artikels an, gesprochen von Christian Weiß:

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