Ärger schon vor dem Start: BR verlegt Sendeplatz für neuen Münchner "Polizeiruf 110"

von Angelika Kahl

Szenenfoto aus "Denn sie wissen nicht, was sie tun" (c) BR/Bella Halben

Noch bevor das neue Münchner "Polizeiruf 110"-Ermittlerteam Matthias Brandt und Anna Maria Sturm überhaupt seinen Einstand auf dem TV-Bildschirm feiert, gab es schon jede Menge Ärger. Die BR-Jugendschutzbeauftragte Sabine Mader sieht in seinem zweiten Fall mit dem Titel "Denn sie wissen nicht, was sie tun" das "Risiko einer nachhaltigen Angsterzeugung" bei Kindern unter 14 Jahren.

Ja, der Krimi ist hart: Ein religiös motivierter Selbstmordattentäter zündet nach einem Fußballspiel in einer U-Bahn-Unterführung eine Bombe. Der junge Mann liegt im Sterben und nur er weiß, wo sein Komplize eine zweite Bombe hoch gehen lassen will. Der Zuschauer steigt mit Kommissar Hanns von Meuffels (Brandt) in eine Achterbahn voller düsterer Gefühle. Regisseur Hans Steinbichler aber verteidigt seinen Film: "Genau hier erfüllt das Fernsehen für mein Empfinden seinen Kulturauftrag", sagt er. "Mutig ein Thema anzupacken, das die Gesellschaft bewegt und damit ins Gespräch zu kommen: mit den Zuschauern, mit der Politik und mit der Gesellschaft."

Szenenfoto aus "Denn sie wissen nicht, was sie tun (c) BR/Claussen-Wölbe-Putz Fernsehproduktion GmbH

Dass BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs nun der Empfehlung der Jugendschutzbeauftragten folgt und "Denn sie wissen nicht, was sie tun" statt am angestammten Sendeplatz sonntags um 20.15 Uhr nun am Freitag, den 23. September 2011 um 22 Uhr zeigt, mutet tatsächlich mehr als seltsam an. Denn der Münchner "Polizeiruf 110" und seine zuständige Redakteurin Cornelia Ackers stehen seit jeher für mutige und außergewöhnliche Filme. Erinnert sei nur an den Krimi "Der scharlachrote Engel" von 2005. Heftig wurde die darin enthaltene Vergewaltigungsszene kritisiert. Verschoben wurde der Film deshalb aber noch lange nicht - und später sogar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Dominik Graf hatte damals den umstrittenen Film "Der scharlachrote Engel" mit Nina Kunzendorf inszeniert. Beim Auftakt-Krimi des neuen "Polizeiruf 110"-Gespanns führte er nun wieder Regie. Und empfindliche Menschen seien gewarnt: "Cassandras Warnung" ist ein Paukenschlag. Grelle Schockeffekte und die drastische Sprache könnten am Sonntag so manchen Fan der gemütlichen MDR-Ermittler Schmücke und Schneider vom Sofa hauen. So wundert es auch kaum, dass das Erste "Cassandras Warnung" im Sommerloch zeigt, ausgerechnet dann, wenn die Bayern noch mitten in den Sommerferien stecken.

Matthias Brandt in "Cassandras Warnung" (c) BR/Walter Wehner

Weniger zart besaitete Gemüter aber dürften begeistert sein von Hanns von Meuffels erstem Fall. Der zurückhaltende, etwas altmodisch elegant wirkende Mann sucht den Mörder von Diana Vogt (Alma Leiberg), Ehefrau seines Kollegen Gerry (Ronald Zehrfeld). Schnell stellt sich heraus, das Opfer ist nicht Diana, sondern deren Freundin, die überraschend zu Besuch kam. Verdächtig ist Cassandra, die verschmähte Affäre des Polizisten-Gatten. Und auch die scheint den Irrtum schon bemerkt zu haben. Wird sie noch einmal zuschlagen? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der mit einer großen Überraschung endet.

Mit dem Auftaktfilm des neuen "Polizeiruf 110"-Gespanns Matthias Brandt (49) und Anna Maria Sturm (30) gehen Autor Günter Schütter und Regisseur Dominik Graf gleich in die Vollen. Sie halten sich gar nicht erst damit auf, die Zuschauer mit den neuen Ermittlern langatmig bekannt zu machen. Anna Burnhauser (Sturm), eine junge Polizistin auf dem Land, ist ohnehin noch weit davon entfernt, durch von Meuffels als künftige Assistentin erkannt zu werden. Der Fall ist, wenngleich komplex, extrem packend. Und erinnert in manchem Moment an Dominik Grafs Mafia-Saga "Im Angesicht des Verbrechens" - und nicht nur weil Ronald Zehrfeld wieder eine Hauptrolle spielt.

Dass man zunächst nicht allzu viel über den Mann, den es aus Bremen an die Isar verschlagen hat, erfährt, gefällt Brandt sehr gut: "Ich frage Menschen, die mich interessieren, auch nicht als Erstes nach ihrem Lebenslauf." Für ihn würde von Meuffels von Mal zu Mal mehr zu einem Bekannten werden, sagt er dem Kulturvollzug. "Und so soll es auch sein: Mich hätte es nicht gereizt, wenn ich einen konzeptionell durchgeplante Figur vorgefunden hätte. Dann hätte man mir einen Fahrplan in die Hand gedrückt, in dem genau steht, was in Folge zehn und was in Folge 20 zu passieren hat."

Das neue Ermittlerteam: Anna Maria Sturm u. Matthias Brandt (c) BR/Martina Bogdahn

Auf jeden Fall aber will das Nordlicht in den nächsten Folgen versuchen, seine neue Ermittler-Stadt zu erobern. "Das Ankommen in München wird eine relativ lange Zeit in Anspruch nehmen", sagt der jüngste Sohn von Willy Brandt. Er selbst kenne "die ganzen Fremdheiten, mit denen ein Nicht-Bayer in München umzugehen hat". Des Öfteren schon hat er hier gedreht. "Die Stadt heißt einen durchaus Willkommen", erzählt er. "Bietet einem aber auch große Möglichkeiten, sich nicht dazugehörig zu fühlen. Für mein Empfinden schauen sich die Leute in München erst einmal sehr genau an, mit wem sie es zu tun bekommen. Man muss erst mal ein paar Runden laufen, um akzeptiert zu werden."

Der neue Münchner "Polizeiruf 110" jedenfalls überzeugt bereits in der ersten Runde. Ein weiterer Krimi vom Autoren-/Regisseurs-Gespann Schütter und Graf ist bereits in Planung, erzählt BR-Redakteurin Cornelia Ackers. Beim dritten Fall darf allerdings noch einmal Hans Steinbichler ran. "Ich schütze diese aussterbende Gattung, wo ich nur kann", sagt Ackers und nimmt damit den außergewöhnlichen Charakter der Reihe, die sich gegen das übliche Formatdenken sperren darf, in Schutz. "Es gibt keine Papiere, an die wir uns halten müssen", erklärt sie. Nicht einmal eine Leiche müsse es geben. Bleibt jetzt allerdings zu hoffen, dass mit der Umprogrammierung des zweiten Falls kein Präzedenzfall geschaffen wurde.

"Polizeiruf 110: Cassandras Warnung" am Sonntag, den 21. August 2011, 20.15 Uhr in der ARD.

Veröffentlicht am: 20.08.2011

Über den Autor

Angelika Kahl

Angelika Kahl ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

Weitere Artikel von Angelika Kahl:
Andere Artikel aus der Kategorie

Artikel kommentieren...






Reload Image