Die Ästhetik des Unscheinbaren - Fotos aus einer Abrissfabrik im Blauen Haus

von Achim Manthey

Sad Factory (Foto: Andreas Paul Schulz)

Der Fotograf Andreas Paul Schulz zeigt in der Ausstellung "Ausblick" in der Fotogalerie im Blauen Haus in München minimalistisch-ästhetische Bilder.

Gefallen sollten sie nie, funktionieren mussten sie immer. Nun sind sie abgeschaltet, warten auf den Tod durch die Abrissbirne, werden entsorgt. Erinnern wird sich niemand an sie, vermissen wird sie auch keiner.

Ein alter Lichtschalter auf kalkweiß verputzter Wand. Steckdosen, aus denen kein Strom mehr kommt. Kabel hängen beziehungslos aus der Wand heraus. Ein Schutzanstrich schält sich von einem Zinkrohr ab.  "Abschalten" hat Andreas Paul Schulz die Serie genannt, die in einer zum Abriss vorbereiteten Fabrik in München entstand. Herausgenommen aus ihrer Funktionalität offenbaren die Fotografien die Ästhetik des Kleinen, Unscheinbaren. Der Fotograf hat das Auge für das, womit wir täglich umgehen und doch nicht mehr sehen. Er nimmt in seinen Fotografien den Vanitas-Gedanken auf, die Vergänglichkeit und Verborgenheit des Irdischen.  Nur durch das Betrachten wird das Gesehene lebendig.

Der 52-jährige, nahe Berlin geborene Fotograf lebt und arbeitet in München-Sendling. Lange Jahre arbeitete der ausgebildete Tiefdruckretuscheur in Druckereien und Werbeagenturen - vertane Zeit, wie er es selbst sieht. Erst seit gut elf Jahren widmet er sich ganz der Fotografie, nebenbei der Lyrik. Im Bezirksausschuss war er aktiv, ist Landesvorsitzender der Fachgruppe Bildende Kunst bei ver.di Bayern, Mitinitiator von Kunst in Sendling und aktiv beteiligt im Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten in München.

Abschalten (Foto: Andreas Paul Schulz)

Auch die Bilderreihe "Zusammenstellung" zeigt Weggeworfenes. Achtlos heruntergerissene metallene Halter von Regalböden vermengen sich mit Kartonresten. Rot-weiße Absperrbänder zusammengeknüllt vor einer Wand. Zu Lumpen verkommene Folien, die sich wie eingefroren in einem Akt letzter Verzweiflung an ein Gitter zu klammern scheinen. Die Aufnahmen bilden morbide Szenen ab.

"Sad factory" ist die dritte in der Ausstellung gezeigte Bilderserie betitelt. Sie zeigt leere, aufgelassene Fabrikräume. Ein ölig-versiffter Schutzvorhang hängt bar jeder Aufgabe im Raum. Über einer Kachelwand hängt ein Paar grüner Gummihandschuhe, die niemand mehr tragen wird. Schmutz und Schimmel an den Wänden wird nicht mehr beseitigt. Das alles hat etwas von Tod und Verklärung.

Jeder sieht anders. Des einen Rot muss nicht zwingend das Rot des anderen sein. So versteht auch Andreas Paul Schulz das Sehen als aktive Tätigkeit. Nur so lassen sich die wirklich sehenswerten Geschichten erzählen oder aus Sicht des Betrachters der Aufnahmen begreifen. "Das Auge ist der beste Künstler", heißt es bei dem amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson. Dem Fotografen geht es um die "kreative Potenz des Sehens", wie Annemarie Zellner in einem zur Ausstellung erschienen Beitrag meint. Die Ästhetik der gezeigten Aufnahmen muss, kann, darf also jeder für sich entdecken.

Bis zum 6. August in der Fotogalerie im Blauen Haus, Schellingstr. 143/Ecke Schleißheimer Str. in München, Di-Fr. 15-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr.

 

Veröffentlicht am: 17.07.2011

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Sabine Münch
19.07.2011 09:11 Uhr

Der amerikanische Philosoph hieß Emerson. ;-)

Kulturvollzug
19.07.2011 17:03 Uhr

Firma dankt ;-) (am)

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