Was Frauen und Männer so treibt - nicht nur in München: Säuische Kleinkunst von Bronder und Weinzierl

von Achim Manthey

Ute Bronder u. Barbara Weinzierl (v.l.) (Foto: Achim Manthey)

Frivol, erotisch, sommerlich leicht - die Schauspielerinnen Ute Bronder und Barbara Weinzierl sind mit ihrem Programm "Titten Tresen Temperamente reloaded" unterwegs. Was lag näher, als sich das am internationalen Tag des Kusses anzusehen?

Wie nennt man das Ding denn nun eigentlich, das da baumelt, zuweilen steht und - so war zu hören - ab 60 nur noch klein geschrieben wird? Und wie das Pendant? Diesen und anderen Fragen rund um das, was die Geschlechter so treiben und treibt, gehen die beiden Schauspielerinnen in ihren Lesungen auf den Grund. Wer eine Hardcore-Session erwartet hatte an diesem Abend im Café kukuk, war da verkehrt. Geboten wird in dem Programm eine Reise quer durch die Welt der erotischen Literatur, von Ovid über Goethe und die berühmte Wiener Hure Josefine Mutzenbacher bis hin zu Charles Bukowski - von sinnlich bis schamlos, gewürzt mit Fundstücken aus Zeitungen, gesammelten SMS-Nachrichten und immer häufiger auch auch mit eigenen Texten.

Die Münchner Schauspielerin und Autorin Ute Bronder war unter anderem am Nationaltheater Mannheim, dem Teamtheater Tankstelle in München, am Theater "Die Färbe" in Singen und am Torturmtheater Sommerhausen engagiert. Sie wirkte in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mit und ist als Synchronsprecherin tätig. Barbara Weinzierl kennt man vom Staatstheater Wiesbaden, dem Theater an der Brienner Straße in München sowie aus zahlreichen Kleintheatern Münchens, vor allem aber als Mitbegründerin des Münchner Hinterhoftheaters. Erste kabarettistische Erfahrungen machte sie bei ihren Auftritten in "Machtschattengewächse" gemeinsam mit Ottfried Fischer.

Die zwei Vorleserinnen (Foto: Achim Manthey)

Die Bühne der zwei Vorleserinnen ist nicht das Theater, sondern die Kneipe, der Tresen. Nur wenige Requisiten sind erforderlich, ein Herz auf der Theke, zwei Leselampen, eine Federboa da, lange Handschuhe dort oder ein Kopfschmuck in Penisform, wenn eine Dame den Herrn gibt. Die Stimmen ausdrucksstark, einfühlsam, sinnlich, auch prollig, wenn es gefragt ist.

Den Text "Das Handbuch für die gute Ehefrau", erschienen am 13. Mai 1955 in der britischen Zeitschrift "Housekeeping Monthly", ein skurilles Sittenbild von Partnerschaft in den 1950er Jahren, lesen sie mit der heute erforderlichen Ironie. Frivol kommt ein fiktives Interview daher: Josefine Mutzenbacher gibt Tipps für das Münchner Publikum preis. "Wer sein Vergnügen haben will, soll selber budern!" Kabarettistisch die eigenen Texte von Barbara Weinzierl wie "Herr Zwerg" oder das vorgelesene "Möhrenrezept", das Appetit macht auf  die "Würstl im Schlafrock", die folgen sollen. Die Texte Ute Bronders entlarven schon einmal die Beziehungsstrukturen von Paaren, wie in der Geschichte von der wundersamen Wandlung eines als Geschenk gedachten Rasiermessers zum Befreiungsinstrument.

Das alles ist charmant, witzig, unterhaltsam, aufregend - und durchaus anregend. Dass sich da ab und zu ein abschmackter Alt-Herren-Witz einschleicht - geschenkt. Manche Texte und Darbietungen bewegen sich an der Grenze, unterschreiten sie aber nicht, selbst bei dem Stück nicht, in dem eine Porno-Synchronisation nachgespielt wird. Das ist eher so komisch wie in der Realität.

Das Vorstellung entlässt das Publikum angemessen mit Goethe: "Sei reinlich bei Tage und säuisch bei Nacht. So habt ihrs auf Erden am weitsten gebracht."

Zwei kurzweilige Stunden reinlicher und säuischer Kleinkunst in schwüler Sommernacht. Was will man mehr.

Weitere Informationen und nächste Termine unter http://www.die2vorleserinnen.de/

 

 

Veröffentlicht am: 09.07.2011

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