Die Kraft der Bilder - World Press Photo-Ausstellung startet in München

von Achim Manthey

Ein Tölpel landet (Foto: Thomas P. Peschek, Germany/South Africa, Save our Seas Foundation

Der Ort ist ungewöhnlich. Zwischen Fahrplananzeigen und Fahrkartenautomaten in der Schalterhalle beginnt die Wanderausstellung "World Press Photo 2011"  im Münchner Hauptbahnhof ihre Deutschland-Tour.

Verdammt weiß-blaue Augen hat dieser Tölpel, der im Landeanflug dem Fotografen fast in die Linse zu rauschen scheint. Für sein Foto, das auf der Insel Malgas vor der Westküste Südafrikas entstand, erhielt der der deutsch-südafrikanische Fotograf Thomas P. Peschak den ersten Preis für Einzelfotos in der Kategorie "Natur".

Brutalität ist Realität hingegen in einer höchst umstrittenene Sportart: Im Mai 2010 wird der Matador Julio Aparicio bei einem Stierkampf in der Arena von Madrid aufgespießt und schwer verletzt. Nach einer Notoperation erholt er sich und steht im August wieder im Forum. Der Fotograf Gustavo Cuevas hat den Moment im Bild festgehalten, als der Stier seinem Widersacher ein Horn so durch Kehle und Mundboden jagt, dass die Spitze des Horns durch den Mund des Stierkämpfers wieder austritt. Das Foto erhielt den zweiten Preis für Einzelfotos in der Kategorie "Sport" des Wettbewerbs.

Ganz anders die Serie des irischen Fotografen Andrew McConnell:  In stillen, eindringlichen Aufnahmen portraitiert der Fotograf Saharauis, die in der Westsahara seit Jahrzehnten für ihre Unabhängigkeit kämpfen und von Marokko in einem in den 1980er Jahren errichteten verminten Sandwall,  weggesperrt und kontrolliert werden.

Drama in Haiti (Foto: Daniel Morel, Haiti)

Bereits zum 54. Mal hat die World Press Photo Foundation, die 1955 in den Niederlanden mit dem Ziel gegründet wurde, die Arbeit professioneller Pressefotografen zu unterstützen, ihren Award vergeben. Die 21-köpfige Jury, der Fotografen, Künstler und Bildredakteure aus aller Welt angehörten, hatte über 108000 Einsendungen von mehr als 5700 Fotografinnen und Fotografen aus 125 Ländern anzusehen, zu bewerten und schließlich 54 Fotografen für ihre Arbeit im Jahr 2010 auszuzeichnen. In neun Kategorien wurden Preise vergeben, in Sonderfällen gibt es eine spezielle Erwähnung, die 2010 unter anderem an eine aus zwölf Bildern bestehende Serie von Aufnahmen chilenischer Bergleute ging, die in der Mine San José in 700 Metern Tiefe verschüttet waren, bevor sie nach 69 Tagen gerettet wurden.

 

Das Gewinnerfoto

Das schöne Opfer (Foto: Jodi Bieber, South Africa, Institute for Artist Management, Goodman Gallery for Time Magazine)

Gewinnerin des World Press Photo des Jahres 2010 ist die südafrikanische Fotografin Jodi Bieber. Das Siegerfoto erregte Aufsehen. Es berührt und verstört. Afganistan: Bibi Aisha, 18 Jahre alt, war vor den Gewalttätigkeiten ihrer Schwiegereltern aus dem Haus ihres Ehemannes geflohen und von den Häschern der Taliban zur Bestrafung aus dem Haus ihrer Eltern verschleppt worden. Auf Befehl eines Taliban-Führers wurden ihr erst die Ohren, dann die Nase abgeschnitten. Brutalste Realität, denn in der Region sagt ein Sprichwort, dass ein Mann, der von seiner Frau entehrt worden sein soll, ohne Nase herumläuft. Als Jodi Bieber die junge Frau kennenlernte, legte sie erst einmal die Kamera beiseite, erzählt Jurre Jansson, Projektmanager von Word Press Photo, bei der Ausstellungseröffnung. In einem mehrstündigen Gespräch gelang es der Fotografin, Vertrauen und Nähe zum Opfer aufzubauen. Schließlich gab die verstümmelte Frau ihr Einverständnis zu Aufnahmen.   Im August 2010 erschien das Foto als Titel des Time Magazine. Nach Bekanntwerden der Preisträger Anfang 2011  kam es auch in Deutschland zu teilweise erregten Diskussionen darüber, ob  ein solches Bild gezeigt werden dürfe und preiswürdig sei. Die Antwort fiel eindeutig aus: Die Jury hat Recht. Die nähere Betrachtung des Fotos lässt den Verlust der Nase in den Hintergrund treten. Die dunklen Augen und der wohlgeformte Mund prägen das das Gesicht einer immer noch schönen jungen Frau. Bibi Aisha lebt heute behütet und abgeschirmt in den USA. Plastische Chirurgie soll ihr helfen, das Gesicht wieder herzustellen.

Was macht ein gutes Pressefoto aus?

Es muss aus sich heraus eine Geschichte erzählen. Es dokumentiert ein Stück Zeitgeschichte im Weltgeschehen. "Fotos werden somit zum kollektiven Gedächtnis unserer Welt", schreibt der Jury-Vorsitzende David Burnett im Vorwort zu dem zur Ausstellung erschienenen Buch. 177 Fotografien zeigt die Ausstellung. Obwohl nur gut zwanzig Prozent der Einsendungen Krieg, Katastrophen und Gewalt zum Thema hatten, wird die Ausstellung durch diese Themen geprägt. Zu Recht weisen Schilder an den Zugängen darauf hin, dass viele der gezeigten Aufnahmen "für Kinderaugen nicht geeignet" seien. In bestürzenden Aufnahmen dokumentierte Daniel Morel die Folgen des Erdbebens in Haiti Anfang 2010. Zu diesem Thema habe es die meisten Einsendungen gegeben, erzählte Jurre Janssen dem Kulturvollzug, "Die ganze Welt war auf Haiti". Die Jury habe sich bewusst für die Aufnahmen des haitianischen Fotografen entschieden, der in der Rubrik "Harte Fakten" mit den zweiten Preis für Einzelfotos ausgezeichnet wurde. Der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nähern sich die Aufnahmen des amerikanischen Fotografen Benjamin Lowy in völlig anderer Weise. Wie impressionistische Gemälde wirken die Detailaufnahmen angespülter Rohölflocken oder der Ströme von Rohöl im Golf.

Weitere deutsche Preisträger gibt es. Uwe Weber erhielt für sein schockierendes Bild von dem Menschenknäuel bei dem Gedränge auf der Duisburger Love Parade den dritten Preis für Einzelfotos in der Kategorie "Harte Fakten". Und in der Kategorie "Portrait" konnte der junge Berliner Fotograf Wolfram Hahn den zweiten Preis für Fotoserien einheimsen. Die Reihe zeigt Menschen, die ihre Selbsportraits bei MySpace eingestellt hatten. Der Fotograf bat sie, ihre Aufnahmen an gleicher Stelle zu wiederholen und und fotografierte sie dabei. Originell in Idee und Ausführung.

Straßenszene in Somalia (Foto Feisal Omar, Somalia, für Reuters)

Ach ja: und der Ausstellungsort im Bahnhof? Erstaunlicherweise funktioniert er. In seiner Begrüßung zog Heiko Hamann, der Leiter des Bahnhofsmanagements München, eine Parallele: Die Fotografen seinen auf der ganzen Welt unterwegs, um ihre Bilder zu machen. Auch die Fotografien hätten lange Reisen hinter sich, bevor sie nach München gefunden hätten. Da sei es fast zwingend, die Ausstellung in einem Bahnhof mit seinem Kommen und Gehen zu zeigen. Und tatsächlich stört das Umfeld nicht. Die Reisenden, die von den Geleisen dem Hauptausgang zustreben, werden durch drei großformatige Bilder begrüßt und neugierig gemacht. Die Stellwände, an denen die Fotografien gehängt sind, bilden einen Raum im Raum und schaffen die Ruhe, die nötig ist, sich eingehend mit dem Gezeigten zu befassen. Leider geht es zuweilen sehr beengt zu, was bei einem Teil der Aufnahmen die Wirkung schmälert. Für einen schnellen Durchgang zwischendurch ist das nichts. Der Besucher muss sich Zeit nehmen, inne halten, sich entschleunigen, um zu erfassen, was zu sehen ist.

Die Ausstellung bietet einen beeindruckenden Überblick über die gesamte Bandbreite der aktuellen Reportagefotografie. Wir empfehlen sie uneingeschränkt.

Bis zum 11. Juli in der Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofs. Eintritt frei. Die Ausstellung wird anschließend in sechs weiteren deutschen Bahnhöfen gezeigt. Das Buch zur Ausstellung ist für 24 Euro im Handel erhältlich.

Veröffentlicht am: 04.07.2011

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