Was Honecker einst vom Klassenfeind übernahm: "Polizeiruf 110" wird 40 Jahre alt

von Angelika Kahl

Die Dienstältesten: Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler als Schmücke und Schneider (Foto: MDR)

Das Aus war schon beschlossene Sache. Heute ist die Krimi-Reihe erfolgreicher denn je. Der "Polizeiruf 110" wird 40.

Verbrechen, Mord und Totschlag: Das gab es nur beim Klassenfeind im Westen. Und genau damit hatte Erich Honecker erstaunlicherweise ein Problem! Denn die im November 1970 gestartete ARD-Krimi-Reihe "Tatort" zog auch Millionen Bürger der DDR in ihren Bann. "Unterhaltsamere und spannendere Programmangebote", forderte der starke Mann der SED daraufhin gegen die "gewisse Langeweile" im DDR-Fernsehen. Der damalige Deutsche Fernsehfunk (DFF) reagierte prompt: Am 27. Juni 1971 flimmerte mit "Der Fall Lisa Murnau" der erste "Polizeiruf 110"-Krimi über die Bildschirme - auch an einem Sonntagabend, dem traditionellen "Tatort"-Tag.

Der Erfolg des DDR-Krimis war durchschlagend, selbst im Ausland liefen die Fälle von Oberleutnant Fuchs (Peter Borgelt) und Leutnant Arndt (Sigrid Göhler). In 35 Ländern konnte man sie verfolgen. Sogar in Afganistan, der Mongolei und Vietnam. Damals ahnte aber kaum jemand, dass das Format, entstanden aufgrund der Standpauke Honeckers, einmal seinen 40. Geburtstag feiern sollte. Insgesamt 320 Folgen sind bislang abgedreht, 109 Kommissarinnen und Kommissare verrichteten ihr Dienst. Und als besonderes Geburtstagsgeschenk gibts am Sonntag eine neue Ermittlerin oben drauf. Maria Simon tritt im Jubiläums-"Polizeiruf" ihren Dienst in Brandenburg an. Es ist bereits die vierte Chefin des dicken Dorfbullen Horst Krause.

Die Neue und der Dorfbulle: Maria Simon und Horst Krause (Foto: MDR)

Dabei war das Aus der Krimireihe vor Jahren schon einmal besiegelt. Denn nach der Wende war klar: Die ARD wird weiterhin auf ihre "Tatort"-Reihe setzen. Der "Polizeiruf" sollte wie auch die meisten anderen DDR-Sendungen aus dem gesamtdeutschen Programm verschwinden. Doch die Zuschauer probten den Aufstand. Jede Menge Protestschreiben erreichten den Sender. Da jubelt jetzt selbst ARD-Programmdirektor Volker Herres zum 40. Geburtstag: "Für uns ist dieses Jubiläum mehr als ein Grund zum Feiern: Der 'Polizeiruf 110' ist als einziges Format des Fernsehens der DDR im Ersten übernommen worden." Und hat sich bis heute als extrem erfolgreiche TV-Marke behauptet. Im vergangenen Jahr schalteten im Schnitt mehr als 7,3 Millionen Zuschauer die "Polizeiruf"-Fälle ein. Die Reihe konnte im Vergleich zum Jahr 2009 damit sogar noch kräftig zulegen - um mehr als eine Million Zuschauer.

Das Erfolgsrezept ist einfach: Eine gelungene Mischung aus modernen Teams und Traditionsermittlern. Die dienstältesten unter den aktuellen "Polizeiruf"-Kommissaren sind Schmücke und Schneider. Seit 1996 jagen Jaecki Schwarz (65) und Wolfgang Winkler (68) Verbrecher für den MDR - und werden sogar schon mal als "Schnarchkommissare" beschimpft. Doch solche Schmähungen perlen an den Schauspielern einfach ab. "Die Leute mögen nicht nur einen spannenden Krimi, sondern freuen sich auch über unsere Fetzereien", erklärt Jaecki Schwarz den großen Erfolg des kauzigen Duos mit mehr als acht Millionen Zuschauern.

Andere Sender dagegen versuchen mit ihren "Polizeiruf"-Teams immer wieder neue Grenzen auszuloten. Im NDR zum Beispiel ermittelt Katrin König (Anneke Kim Sarnau) im Auftrag des Bundeskriminalamts gegen den eigenen Partner (Charly Hübner). Und der BR schickt ein ganz neues Team an den Start. Ihren Einstand feiern Matthias Brandt (49) und Anna Maria Sturm (29) gleich mit zwei Fällen auf dem Münchner Filmfest am kommenden Freitag im Rio (16.30 und 19 Uhr). In der ARD lösen sie am 21. August mit "Cassandras Warnung" ihren ersten gemeinsamen Fall.

Mehr als 20 Jahre hat der "Polizeiruf" nun im wiedervereinigten Deutschland bereits zurückgelegt. Doch ans Aufhören denkt heute keiner mehr. ARD-Programmdirektor Herres schwärmt: "Besser geht öffentlich-rechtliches Fernsehen nicht: unterhaltend, spannend, bildend." Ein Freibrief für weitere 40 Jahre?

Angelika Kahl

"Polizeiruf 110: Die verlorene Tochter" Sonntag (26.6.11), 20.15 Uhr, ARD

Veröffentlicht am: 26.06.2011

Über den Autor

Angelika Kahl

Angelika Kahl ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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