Appetit kommt und vergeht - In Dachau beschäftigen sich zwei Ausstellungen mit dem Thema Essen und Kunst

von Achim Manthey

Harald Duwe, Bitte mit Sahne, 1975 (Foto Galerie)

Essen und Trinken sind seit jeher wesentlicher Bestandteil der menschlichen Kultur. Kein Wunder also, dass sich auch die bildende Kunst dieses Themas immer wieder intensiv angenommen hat. Im Rahmen der Reihe Essen + Trinken der Arbeitsgemeinschaft Landpartie - Museen rund um München 2011 zeigen zwei Ausstellungen in Dachau ganz unterschiedliche Ansätze der künstlerischen Umsetzung.

Kaffeeklatsch! Die Gemäldegalerie Dachau zeigt das 1975 entstandene Gemälde "Bitte mit Sahne" von Harald Duwe in der Ausstellung Kunst + Essen. Sahnetorten, Cremeschnittchen, Kaffeetassen mit Goldrand, dazu die "Neue Post" als Tratschgrundlage. Fünf Damen unterschiedlichen Alters und Aussehens, aufgereiht, als bildeten sie ein abgespecktes Abendmahl, betreiben Fettlebe. Die Ulknudel in der Mitte lacht exaltiert. Völlerei. Aufgesetzt scheinende Harmonie, die fast abstößt.

Das Motiv taucht in der parallel gezeigten Ausstellung Esskunst-EatArt heute, ein paar Häuser weiter in der Neuen Galerie mobil noch einmal in anderer Weise auf. In ihrer Installation "Kaffeeklatsch" (2010) nimmt Regina Pemsl die sozialen Aspekte derartiger Treffen unter die Lupe. Friede, Freude, Eierkuchen auf den ersten Blick. Doch Skepsis ist angebracht. Jeder der Plätze an der Tafel ist bezeichnet: Berechnung, Harmonie, Arroganz, Begeisterung, Naivität. Dass bei dieser Zusammensetzung die gefüllte Kaffeekanne irgendwann an der Wand landet und am Boden zerschellt, ist zwangsläufig.

Regina Pemsl, Kaffeeklatsch, 2010 (Foto: Galerie)

Die Ausstellung Kunst + Essen zeigt mit Gemälden, Graphiken und Zeichnungen überwiegend Stilleben, die zwischen 1880 und 1980 entstanden sind. Die bis ins 18.Jahrhundert hinein  vorherrschende Unterwerfung der Motive unter historische oder religiöse Zusammenhänge spielt keine Rolle mehr. Spätenstens seit den Arbeiten Cezannes ließen sich die Künstler auch von Blumen, frischem Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch zu farbenfrohen, appetitlichen, sinnlichen Stilleben inspirieren. Die Ausstellung zeigt ein beeindruckende Fülle solcher Werke. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von George Grozs, Gabriele Münter, Thomas Schnitte, Daniel Spoerri, Max Beckmann, und Georg Baselitz. Besonders interessant ist eine Gegenüberstellung von Werken Willi und Rupprecht Geigers: Sohn Rupprecht Geiger hatte 1943 ein Aquarell auf Papier geschaffen, das einen grünen Kürbis darstellt. Nahezu identisch taucht dasselbe Motiv in einem 1958 geschaffenen Ölgemälde Willi Geigers, seines Vaters, wieder auf. Ein familiäres Plagiat mit anderen Mitteln, das sich beide wohl nicht übel nahmen.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt die Ausstellung Esskunst-EatArt heute. Die Verwendung von Lebensmitteln als Grundstoff für die Entstehung von Kunst, die in den 1960er Jahren, als die Schweizer Künstler Dieter Roth und Daniel Spoerri damit anfingen, noch für breite Empörung sorgte, ist heute in der bildenden Kunst etabliert.

Andreas Oehlert, Foodies (Foto: Andreas Oehlert)

In dieser Ausstelung nehmen sich zeitgenössische Künstler des Themas Essen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln an. Pizzen, das italienische Lieblingsgericht der Deutschen, besteht in den Arbeiten von Dorothea Frigo nicht aus natürlichen Materialen, sondern aus künstlichen Federn, Folie und Pappe. Null Kalorien, viel frisches Grün und leckere kleine Farbportionen. Kein Nährwert ist garantiert. Durch den Raum gespannte Spaghetti. Die Mahlzeit verliert sich im Raum in der Installation von Dieter Kunz. Andreas Oehlert zeigt in Foodies Fotografien von aus Lebensmitteln geformten Gesichtern, die an den Manierismus, an die Werke von Archimboldo erinnern. Sehr witzig ist die Arbeit von Angela Dorrer. Promicoookies. Von 2001 bis 2003 war die Künstlerin in Deutschland und Hollywood unterwegs, in der Tasche ein Stück Teig, in das Prominente hineinbeißen, es lutschen oder mit dem Mund formen sollten. Sandra Maischberger, Nina Ruge, Alice Cooper, Jürgen Prochnow und Elke Sommer haben sich unter anderem auf diese Weise verewigt. Patricia Wich zeigt in einer 32-minütigen Videoinstallation die Vergänglichkeit der Dinge. Eine künstliche Torte ist in einem paradiesischen Garten irgendwo in Südamerika über mehrere Tage der Natur und der Witterung ausgeliefert. Sie wird Bühne der unterschiedlichsten Schauspiele, bis ihr wahrer Kern zum Vorschein kommt.

Gut gemacht sind beide Ausstellungen. Konventionell, wohl bedeutender das, was in der Gemäldegalerie Dachau gezeigt wird. Spannender, anregender ist die Ausstellung in der Neuen Galerie mobil. Ein Ausflug in die ohnehin sehenswerte Dachauer Altstadt unterhalb des Schlosses lohnt sich.

Kunst + Essen in der Gemäldegalerie Dachau, Konrad-Adenauer-Str.3 in Dachau, bis zum 3. Oktober, Di.-Fr. 11-17 Uhr, Sa., So. und Fei. 13-17 Uhr. Sonderführungen am 3. Juli, 7. August, 4. September und 2. Oktober durch alle Ausstellungen dieser Reihe.

Esskunst-EatArt heute in der Neue Galerie mobil, Konrad-Adenauer-Str. 20 in Dachau, bis zum 10.  Juli, Di.-So. 13-17 Uhr. Sonderführung am 3. Juli zusammen mit der Ausstellung Kunst und Essen.

Weitere Informationen zu beiden Ausstellungen unter www.dachauer-galerien-museen.de

 

 

 

Veröffentlicht am: 22.06.2011

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