Kamera-Heroen einer Sammlerin: Fotografien aus Sammlung Goetz in Villa Stuck

von Roberta De Righi

Stan Douglas "Michigan Theatre" (1997/98). Courtesy Sammlung Goetz / © Raimund Koch, New York

Sogar auf dem Friedhof herrscht Leere in Detroit, als hätten selbst die Toten die Stadt verlassen. Stan Douglas hielt den Niedergang der einstigen Motor-Metropole in einer Foto-Serie fest. Seine Aufnahmen haben die Kunstsammlerin Ingvild Goetz beeindruckt, weil die Architektur darin Geschichte erzählt. Und so bildet das Werk des Künstlers aus Vancouver einen wichtigen Komplex in der berückend-bedrückenden Ausstellung „Street Life and Home Stories“ in der Villa Stuck, die nun Fotografien aus der Münchner Sammlung Goetz in einer klug und sensibel getroffenen Auswahl von 25 Künstlern präsentiert.

 

Öffentliche Orte und privater Raum sind die konträren Schauplätze; Intimität, (De-)Maskierung und Zurschaustellung die Extreme, zwischen denen die etwas anderen Veduten, Interieurs und Porträts dieser Schau oszillieren. Nicht immer sind sie als direkte Sozialkritik, jedoch stets als reflektierende Dokumentation zu begreifen.

Tobias Zielony "Lighter" aus der Serie "Trona – Armpit of America" (2008). Foto: Courtesy Sammlung Goetz

Neben Francis Alys, Wolfgang Tillmans, Thomas Struth und Jeff Wall findet man kaum bekannte, aber ebenso bemerkenswerte Fotografen wie den jungen Deutschen Sven Johne oder die Mexikanerin Daniela Rossell. Man begegnet Hans-Peter Feldmanns unaufgeregtem Voyeurismus („11 Betten“) und Candida Höfers Frühwerk, als ihre Räume noch von Menschen bevölkert waren („Türken in Deutschland“). Dass manche Künstler wie Laurie Simmons mit frühen (1978/79) und aktuellen Serien (2004) vertreten sind, so dass eine Weiterentwicklung deutlich wird, macht „Street Life and Home Stories“ noch spannender: Waren Simmons’ Hausfrauen-Puppen anfangs immerhin Akteurinnen in ihren Haushalts-Käfigen, gehen sie zuletzt fast als Teil der Möblierung in der Umgebung auf.

Darüber hinaus begann Goetz Kamera-Heroen wie Diane Arbus, Walker Evans, William Eggleston und Evelyn Hofer als Referenzgrößen zu sammeln.

Nan Goldin "Misty + Jimmy Paulette in the Taxi, N.Y.C." (1991). Courtesy Sammlung Goetz, Foto © Barbara Deller-Leppert, München

Francis Alÿs "Sleepers III" (2003). Foto: Courtesy Sammlung Goetz

Man muss sehr stark sein, um solche Bilder auszuhalten. Diane Arbus ist daran zerbrochen“, beschreibt Goetz die emotionale Nähe manches Fotografen zu seinem Sujet, etwa auch bei Nan Goldin (zu ihrer sterbenskranken Freundin „Cookie“) und Nobuyoshi Araki ( zu seiner sterbenden Frau in „Winter Journey“).

Distanzierter blickt Tobias Zielony auf die Bewohner der kalifornischen Kleinstadt Trona (2008), die als Crystal-Meth-Drogenhölle traurig berühmt wurde. Seine trostlosen Ansichten des „Armpit of America“ stehen in Evans’ Tradition.

Dagegen bieten Cindy Shermans Selbstinszenierungen beinahe eine Erholung: Ihre bösen Foto-Karikaturen von „kunst-affinen Damen“ (2008) machen in Franz von Stucks Atelier, in Sichtweite der „Sünde“ eine beklemmend gute Figur.

 

"Street Life & Home Stories - Fotografien aus der Sammlung Goetz", bis 11. September 2011.

Veröffentlicht am: 08.06.2011

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Hören Sie sich hier die Audioausgabe des Artikels an, gesprochen von Christian Weiß:

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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