Saguaros - Eine stachelige Liebe

von Achim Manthey

Kaktus in der Stadt (Foto: Nick Hermanns)

In der Ausstellung "Domesticated Cacti" zeigt der Fotograf Nick Hermanns in seiner Galerie Bilder von Kakteen in urbanem Umfeld.

Zwischen den Grabsteinen eines kleinen Friedhofs steigt einer auf wie eine grüne, stachelige Seele, die gen Himmel fährt - ein Saguaro. Das Foto zeigt, wie sich dieser mächtige Kaktus seinen Platz erobert hat auf dem Gottesacker dort vor der kleinen Kirche, die er weit überragt. Ein anderes Foto bildet ein arg ramponiertes Exemplar neben einem feuerroten Hydranten auf dem Platz vor einem modernen Kommunikationszentrum ab. Ein zwei Jahre zuvor an gleicher Stelle entstandenes Bild dokumentiert anhand des Schattenwurfs der Pflanze, dass sie damals noch weitgehend erhalten war. Welche Dramen muss der Saguaro in den 24 Monaten, die zwischen den beiden Aufnahmen liegen, erlebt, erlitten haben?

Kaktus und Hydrant (Foto: Nick Hermanns)

Bis zu 200 Jahre alt können Saguaros werden, bis zu 20 Meter hoch und um die acht Tonnen schwer. Sie wachsen langsam. Nach zehn Jahren sind sie erst knapp fünf Zentimeter hoch, nach etwa 40 Jahren blühen sie zum ersten Mal und erst nach 75 Jahren bilden sich die ersten Seitentriebe. Sie sind nur im Südwesten der USA, in Kalifornien, Sonoma und der Baja California in Old Mexico, vor allem aber in Arizona zu finden. Dem Saguaro-Nationalpark nahe Tuscon gaben sie seinen Namen. Und: sie durften natürlich in keinem Western-Film fehlen, und sei es als Opfer von Schussübungen.

1986 war es, als der 61-jährige Grafik-Designer und Fotograf Nick Hermanns mit seinem alten Pickup im Südwesten der USA unterwegs war und seine Liebe zu den Landschaften zwischen New Mexico und Los Angeles entdeckte, vor allem zu den Kakteen, den Saguaros, diesen mächtigen, stacheligen Ureinwohnern der Wüste. Immer wieder reiste er seither dort hin und entdeckte, dass sich die Pflanzen auch in den Dörfern und Städten ansiedelten und in den seltsamsten Umgebungen, an den kuriosesten Plätzen und unter den widrigsten Umständen leben, langsam vor sich hin wachsen, durch Natur und Mensch beschädigt werden, sich regenerieren und ihre Würde zu bewahren versuchen, wie es scheint. Ihnen widmet Nick Hermanns seine Bilder.

Dasselbe Motiv zwei Jahre später (Foto: Nick Hermanns)

Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien entstanden zwischen 2005 und 2010. Saguaros, aber auch andere Kakteenarten wie der kuschelig wirkende, in Wahrheit mörderisch piekende Choalla, werden an allen möglichen und unmöglichen Orten gezeigt. Sie durchbohren den Vorbau einer Trinkbude oder haben sich einem Sheriff gleich an der Highway-Kreuzung neben der Ampel positioniert. Sie haben sich vor einem verschrottenen Panzer aufgebaut oder verstecken sich hinter rot blühendem Hibiskus. Wie sie einst dorthin gelangten oder ob sie vor den Menschen und ihren Bauten schon dort waren und überlebten, bleibt ungewiss, ist unbedeutend.

Es sind analoge Farbaufnahmen, die der "Straight Photography" zuzuordnen sind. Nichts ist gekünstelt, nichts retuschiert oder hinzugefügt. "Keine Szenen stellen, sondern versuchen, sie zu finden", schrieb Nick Hermanns einmal. Das ist hier gelungen.

Bis zum 25. Juni in der Fotogalerie im Blauen Haus, Schellingstr. 143/Ecke Schleißheimer Str. in München, Di-Fr. 15-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Buch in limitierter Auflage.

Veröffentlicht am: 08.06.2011

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