Eine Zunge aus Potonchán

von Michael Weiser

EigenArten nennt sich eine neue Plattform der Theaterakademie August Everding am Prinzregententheater, „für Projekte, die in studentischer Eigeninitiative entstehen und experimentelle Formen interdisziplinärer Theaterarbeit erproben“. Hehrer Anspruch, sehr gelungener Auftakt: Mit „Malinche“ liefert die Gruppe „Fake(To)Pretend“ einen vielschichtigen, facettenreichen, schwierigen und dennoch sehr unterhaltsamen Einstand ab.

Hernan Cortés hatte nicht mal einen Namen und überhaupt nur wenige Worte für sie: „Die Zunge, die ich habe, ist eine eingeborene India aus Potonchán.“ Andere Chronisten überlieferten um so mehr über die Indianerin, die als Dolmetscherin und Gefährtin die Spanier durch die Conquista Mexikos führte.

Noch heute ist sie heiß diskutiert, die Frau namens Malinche, die sogar in die Umganssprache und Alltagskultur Mittelamerikas Eingang gefunden hat, als Hexe und Hure, als Verräterin, Kriegsgewinnlerin, Karrierefrau, Pionierfrau der Globalisierung, Verkaufte und Verkäuferin, ein kulturelles Hybridwesen. Ob man sie negativ oder mit mildernden Umständen sieht, hängt von der Herkunft ab: als Opfer sehen sie viele Indianer, als ihre eigene schmutzige Urmutter die Mestizen; viele Chicanas, mexianische Frauen in den USA, nehmen sie als Wegbereiterin aller Frauen zwischen zwei Kulturen und Sprachen zum Vorbild.

Die Geschichte einer solchen Figur objektiv zu erzählen, ist schlicht nicht möglich. Ihres Bildes hat sich ja schon die historische Malinche begeben; erst recht hat sich die Nachwelt ihrer bemächtigt, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt schwankt ihr Bild im Streit zwischen den Parteien.

Die Gruppe „Fake(To)Pretend“ macht denn auch gar nicht erst den Versuch, ein Abbild abzuliefern. Sie zerschlägt den Spiegel – und fügt aus den Splittern einen faszinierenden Abend, der vor allem davon berichtet: wie wenig Abstand wir noch nach einem halben Jahrtausend von jener Persönlichkeit gewonnen haben, wie wir noch heute Gewalt ausüben: Nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Worten, nicht nur im Krieg, auch in der Kultur, Gesellschaft gegen Gesellschaft, Geschlecht gegen Geschlecht: Auch eine Invasion ist schließlich nichts anderes als ein Eindringen. Aber auch jede Übersetzung, erst recht jede Auslegung, jede Erklärung, ist mit Gewalt verbunden. Viel Spanisch wird gesprochen. Wie seltsam Übersetzungen geraten können, davon bekommen wir im Akademietheater einen Eindruck.

In diesem großen Bild der Gewalt, des Eindringens, des Streits über Deutungshoheit, kommt Malinche seltsamerweise zur Ruhe: Sie ist das Auge im Sturm. Persönlich taucht sie gar nicht auf; Männer reden über sie, in verschiedenen Formaten, im Latino-Song, im reisserisch aufgemachten Bildungsfernsehen.

Globalisierung, Deutungshoheit, Gewalt, das niemals wirklich einklagbare Recht an der eigenen Persönlichkeit, der Clash of Civilisations, lange vor Samuel Huntington: Hört sich nach einem echt anstrengenden Abend an. Ist es aber nicht, das sei hier wiederholt. Weil Regisseurin Daphne Ebner, die für Text und Konzept mitverantwortliche Simone Niehoff und die drei wirklich hervorragenden Darsteller Nahuel Häfliger, Benno Heisel und Jaime Villalba-Sánchez einen Zugriff finden, wie er nur in seltenen Augenblicken des Einklangs und der gegenseitigen Sympathie funktionieren kann, mit einer Verwegenheit, wie sie wohl nur jungen Leuten eigen ist, die sich um Correctness und Vorbilder so gar nicht scheren.

So gelingen "Fake(To)Pretend" wunderbare Bilder. Ein Chronist schreibt von Goldgeschenken an die spanischen Eroberer. „Aber das war gar nichts im Vergleich zu den zwanzig Jungfrauen, die sie uns außerdem schenkten. Cortés gab ihnen dafür ein Andachtsbild der Mutter Gottes.“ Sex gegen Religion, zwanzig Bettgenossinnen gegen eine Maria: Wie Jaime Villalba-Sánchez in dem projizierten Madonnenbild verschwindet, aufgeht – das gehört zu den ganz stimmigen und also schönen Bildern dieses insgesamt sehr empfehlenswerten Abends. Hielten die Indianer Maria nicht für die Urmutter aller Spanier? Da treffen einander die dunkle und die helle Madonna.

So sind Frauen eben, sind sich die drei männlichen Hauptdarsteller am Ende einig. So einfach ist es natürlich nicht und doch wieder schon, das wissen wir nun erst recht und gehen darob mit viel Stoff zum Nachdenken nach Hause. Ein unterhaltsamer, aber kein leichter Abend eben, so wie Theater eigentlich sein soll. Diese "Malinche" wäre vermutlich eine Empfehlung für „Radikal Jung“, das Festival der jungen Regisseure am Volkstheater, gehörte die Theaterakademie nicht zum Arbeitsplatz von Jurymitglied C. Bernd Sucher. Und Eigenlob stinkt zwar nicht immer, wird aber dennoch nur selten goutiert.

Am Mo, 16.05.,  kann man sich die Produktion abends nochmals ansehen. Vorher aber unter (089) 21852899 anrufen - kann sein, dass dieser Geheimtipp so geheim nicht mehr ist.

Da hat der Fehlerteufel zugeschlagen, und zwar zweimal: Aus unerfindlichen Gründen kam Malinche in der ersten Fassung aus Portachan und nicht - wie es richtig gewesen wäre - aus Potonchán. Und statt Fake(To)Pretend war bei uns die Rede von Face(To)Pretend gemacht.  Wir haben's ausgebessert und bitten um Nachsicht.

 

Veröffentlicht am: 16.05.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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