Kini-Visionen im Orbit von Oberpfaffenhofen

von Michael Grill

Die verstehen sich: Gerd Hirzinger und Roboter Justin. Foto: As alin (Wikipedia) via CC BY-SA 3.0

Gerd Hirzinger vom Luft- und Raumfahrtzentrum ist einer der weltbesten Robotik-Spezialisten – jetzt hebt er die Traumwelten von König Ludwig II. in neue Dimensionen.

 

Hier geht es um den Mars, um sich selbst steuernde Autos, um künstliche Menschenherzen und um sogenannte Robonauten. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, eine andere Welt zu betreten, wenn man zu Gerd Hirzinger kommt. Es ist ein hellhöriger Zweckbau am Rande des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen mit braunen Funktionsmöbeln, grünen Türen und Blechlamellendecken. Allerdings behält der Sicherheitsdienst an der Pforte den Ausweis ein, und die Wände hinter der Eingangstür sind mit 44 Urkunden regelrecht gepflastert - vom Bundesverdienstkreuz bis zum Leibniz-Preis, der höchsten deutschen Auszeichnung für Wissenschaftler. Und über die Spüle in der Kaffeeküche hat jemand einen Zettel gehängt: „Wir sind nicht euere persönlichen Facility-Roboter. Jeder räumt seinen eigenen Dreck selber weg!“ So ist das, wenn man zu einem der Besten der Besten im Hightechland Bayern vordringt: Da öffnen sich extraterrestrische Dimensionen, doch die Erdung bleibt.

Virtuell sichtbar gemacht mit 3D-Technik: König Ludwig II. wollte mit einem Pfauenwagen über den Alpsee fliegen. Digitalbild: Prof. Dr. Gerd Hirzinger

Das DLR-Institut für Robotik und Mechatronik, dessen Chef Hirzinger seit 19 Jahren ist, wird derzeit von der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Bayern ausgebaut zu einem der dann weltweit größten Zentren seines Fachbereichs. „Das ist toll, eine Super-Entscheidung“, sagt Hirzinger. Denn: „Viele Technologien der Zukunft werden intelligente Mechanismen sein.“ Vor Jahren hat er sich einmal öffentlich mit dem damaligen Ministerpräsidenten Stoiber angelegt, weil der im Rahmen der „High-Tech-Offensive“ zunächst nicht auch auf die Mechatronik setzen wollte. „Einige Zeit später bekam ich einen erfreulichen Brief aus der Staatskanzlei: Man habe die Mechatronik unterschätzt und werde das korrigieren.“ An dieser Stelle lächelt Hirzinger, was er nicht so oft tut. Er ist ein freundlicher, ein aufmerksamer und angenehmer Gesprächspartner – aber er ist zugleich auf eine hochkonzentrierte Weise ernst und distanziert. Eine angestrengte Komplexität liegt über ihm, als ob in seinem Kopf permanent neue Schaltkreise entstehen zum Wohle der Mechatronik. Er scheint immer auf dem Weg von hier nach da zu sein, aber wenn man ihn auf dem Gang abpasst für das vereinbarte Gespräch, kommt er sofort zum Kaffee in einen Raum mit grünen Türen, Blechlamellendecken und braunen Funktionsmöblen. Aber seine Gedanken scheinen unermüdlich weiterzuwandern: vom Robomobil, einem neuartigen robotischen Elektrofahrzeug, über den Mars und dem Forschunggerät „Marsrover“, bis zu der in Oberpfaffenhofen von der DLR entwickelten HRSC (High Resolution Stereo Camera), die vom roten Planeten Bilder in nie gesehener Qualität liefert. Und bis zum Kini - doch vom Märchenkönig Ludwig II. gleich mehr.

Hirzinger ist sozusagen unser Mann im All, ein kühl planender Techniker mit der weltweit größten Erfahrung in der Entwicklung und im Einsatz von Robotern im Erdorbit: Der erste ferngesteuerte Roboter im Weltraum, „Rotex“ 1993 an Bord der Raumfähre Columbia, war sein Ding. Der heute 65 Jahre alte Honorarprofessor der TU München erzählt: „Ich bin in einem Dorf in der Oberpfalz aufgewachsen. Mit einem Freund habe ich damals oft im Altmetall herumgewühlt, weil wir Raketen bauen wollten. Ich erinnere mich, wie der Freund zu mir sagte: ,Du wirst sicher mal sowas wie Wernher von Braun.' Da haben wir beide gelacht.“ Hirzinger studierte Elektrotechnik, promovierte über Regelungstechnik und übernahm 1976 die Leitung der Automatisierungstechnik am DLR, 1992 das Robotik-Institut. Über das Abenteuer All sagt er: „Der Mensch sollte in der Lage sein, von der Erde aus im Weltraum zu agieren, aber er kann einfach nicht überall selbst hinfliegen.“ Und wenn man ihn fragt, ob auch die Astrophysik für ihn ein Thema sein könnte, also all die Fragen nach dem Ursprung, dem Raum-Zeit-Kontinuum aus der Relativitätstheorie, dem Werden und Vergehen von Galaxien oder überhaupt das kosmische Zusammenwirken von Gott, Geist und Materie im unendlichen Raum – dann sagt er deutlich und trocken: „Das hat mich nicht so interessiert.“ Er ist im Grunde viel weiter gekommen als der Raketenpionier Wernher von Braun, aber der Weltraum bleibt der Raum über Oberpfaffenhofen.

 

Schloss Falkenstein, geplant ab 1883 in der Nähe von Neuschwanstein. Heute animiert erlebbar durch die Firma Metamatix in Zusammenarbeit mit Gerd Hirzinger. Digitalbild: Prof. Dr. Gerd Hirzinger

Umso faszinierender ist Hirzingers Faszination für König Ludwig II., der vor 125 Jahren im Starnberger See ums Leben kam. Wenn heuer am 14. Mai auf Herrenchiemsee mit der Landesausstellung „Götterdämmerung – König Ludwig II.“ die größte Ludwig-Schau seit Jahrzehnten eröffnet wird, dann werden dort auch die berühmten „modernsten Mittel der Technik“ zum Einsatz kommen, wie es Direktor Richard Loibl vom Haus der Bayerischen Geschichte angekündigt hat – und damit sind vor allem die Mittel von Hirzinger gemeint. Denn der Mann vom Mars arbeitet seit Jahren daran, die Welt des Kini virtuell anschaulich und erlebbar zu machen. Mit Sensoren und Methoden der Robotik baut er im Computer Räume nach, die es zwar auch real gibt, die aber als Pixel gesichert und sozusagen für die Ewigkeit konserviert werden – zum Beispiel der Thronsaal in Schloss Neuschwanstein oder die Grotte nahe Schloss Linderhof. Noch spannender wird es, wenn Hirzinger mit Hilfe Münchner Grafikspezialisten einst vorhandene, aber später zerstörte Räume virtuell zugänglich macht, etwa den fantastischen Wintergarten des Königs auf dem Dach der Münchner Residenz. Und schließlich kann er sogar Gebäude errichten, die Ludwig planen ließ, von denen der Wittelsbacher aber nur träumen konnte, wie Schloss Falkenstein im Allgäu oder ein chinesischer Palast.

"Mich fasziniert Ludwig, weil er die Technik vorangetrieben hat beim Einsatz von Licht, Strom und Dampf. Er war nicht nur der Träumer und Schlosserbauer, als der er gerne dargestellt wird“, so Hirzinger. Einen besonders großen Spaß scheint er haben, wenn beim Thema Ludwig Technik und Spiel sich mischen lassen. So ist zum Beispiel in seinem Neuschwansteiner Thronsaal der real nicht vorhandene Thron quasi auf Knopfdruck zuschaltbar, und in die Badenburg im Nymphenburger Schlosspark kann man virtuelles Wasser einlassen, was die „echte“ Burg schon Ewigkeiten nicht mehr erlebt hat. Viele wissen auch nicht, dass es einst für Schloss Herrenchiemsee ein spezielles Konzept für die Beleuchtung von außen geben sollte – erst bei Hirzinger wird es digitale Realität. Und es ist, wie wenn der Bub Gerd wieder im Altmetall spielen würde, wenn der Professor Hirzinger sagt: „Und dazu lass' ich dann auch noch ein Feuerwerk abbrennen über dem Schloss.“

Die Themen Ludwig und Marsroboter sind für einen Weltraumspezialisten tatsächlich viel enger verzahnt als es auf den ersten Blick ausschaut: „Die Robotik braucht die dreidimensionale Modellierung der Welt. Selbst auf dem Mars braucht sie das. Denn ein Roboter, der sich orientieren soll, benötigt einen räumlichen Eindruck der Umgebung.“ Und so soll die Ludwig-Welt nach Möglichkeit nicht nur virtuell, sondern auch dreidimensional sein. Die erste größere Präsentation dieser Versuche vor einigen Jahren in der Allerheiligen-Hofkirche der Residenz war überaus beeindruckend, allerdings benötigte man eine Brille für den 3D-Effekt. „Ideal wären für die Visualisierung die neusten Formen der Autostereoskopie mit Bildschirmen, vor denen man keine Brille mehr braucht, und doch räumlich sieht. Ich dachte ursprünglich an Projektionen in der Größe von sechs auf acht Meter auf Herrenchiemsee“ - doch das war nicht umsetzbar, selbst im Ludwig-Jahr nicht. „Man muss auch immer sehen wie die Gegebenheiten sind, und dann passt man sich an“, weicht Hirzinger aus. Doch trotzdem darf man behaupten: Die Besucher auf Herrenchiemsee werden Ludwigs Welten so erleben können, wie man sie noch nie zuvor erleben konnte – nur eben etwas kleiner, als die Experten in Oberpfaffenhofen zu denken gewohnt sind.

Da Hirzinger das offizielle Rentenalter erreicht hat, wird bei der DLR ein Nachfolger gesucht. Er war ein Getriebener, findet daran aber auch etwas Gutes: „Ich habe mein Privatleben über Jahrzehnte sehr stark zurückgestellt, oft höchstens eine oder zwei Wochen Urlaub im Jahr gemacht. Ich war auch nach Feierabend nicht wirklich frei im Kopf. Und es klingt zwar wie ein Klischee, aber wenn meine Frau mir nicht immer den Rücken frei gehalten hätte, hätte ich das Institut so nicht leiten können.“ Da ist klar, wo er in Zukunft mehr Zeit verbringen will. „Vorträge machen mir großen Spaß“, sagt der verheiratete Vater von zwei erwachsenen Söhnen.

 

Der nie gebaute chinesische Traum. Kurz vor seinem Tod hatte Ludwig Pläne für einen Palast im Ammerwald unweit von Schloss Linderhof. Digitalbild: Prof. Dr. Gerd Hirzinger

Bemerkenswert ist, dass Hirzinger trotz größter Verlockungen Bayern immer treu geblieben ist – selbst einen Ruf an die ETH Zürich ließ er verhallen. „Da habe ich schon etwas länger nachgedacht, aber letztendlich war mir Oberpfaffenhofen wichtiger, wo die Verhältnisse für mich immer optimal gewesen sind. Und das Dorf Seefeld, wo ich wohne, ist mir wirklich eine zweite Heimat geworden.“ Auch mit „so einer privat motivierten Aktion“, wie er die Ludwig-Visualisierungen einmal nennt, „möchte ich dem Land, in dem ich lebe, etwas zurückgeben“. Er hat in das Projekt einiges an privatem Geld gesteckt.

Hirzinger träumt, wie Ludwig träumte, auch wenn der Professor das Wort träumen sicher zurückweisen würde. Er spricht von Visionen, wenn er über die Zukunft der Robotik nachdenkt. Er sieht dann Herzpatienten, die mit einem künstlichen Organ gerettet werden können, er sieht Autos, „die sich weigern, einen Unfall zu begehen“, und er sieht viele automatische Helferlein im Alltag oder in der Pflege alter Menschen, Maschine gewordene Heinzelmännchen sozusagen. Dazu Robonauten, also automatische Astronauten zur Erkundung des Weltalls. Sind diese Technik-Träume Hirzingers nicht eine schöne Parallele zu denen von Ludwig? „Kann man so sehen“, meint der Professor: „Ludwig träumte vom Fliegen, aber bei ihm blieb es dabei. Und sein Plan vom Schweben über dem Alpsee, den wir heute visualisiert haben, trug sogar zu seiner Entmündigung bei. Aber schon fünf Jahre nach seinem Tod machte Otto Lilienthal die ersten erfolgreichen Flugversuche. Heute ist Fliegen normal.“ Er muss weiter, ist in Gedanken offenbar wieder auf dem Weg durch den Instituts-Gang mit den grünen Türen. Und sagt noch: „Es geht einem im Leben vieles zu langsam. Aber man muss wissen, dass die eigene Vision irgendwann Realität sein wird.“

Die Bayerische Landesausstellung "Götterdämmerung - König Ludwig II." wird eröffnet am 14. Mai 2011 im Neuen Schloss Herrenchiemsee (bis 16. Oktober 2011, täglich 9 bis 18 Uhr)

 

Veröffentlicht am: 29.04.2011

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