Debil wie nie: Die Ärzte alias Laternen Joe beim Geheimkonzert in Fürstenfeldbruck

von Michael Grill

Lichtzeichen in FFB am 19. April 2011. Foto: gr.

Die Aufregung war riesig, doch der Wahnsinn fand vor allem vor dem Konzert statt: Die Ärzte, Deutschlands erfolgreichste und beste Punkrock-Band, sind unter dem Namen Laternen Joe auf geheimer Tour durch kleinere Hallen. Tausende Fans balgten sich im Internet um die wenigen und nur personenbezogen verkauften Tickets, auch das Fürstenfeldbrucker Veranstaltungsforum mit Platz für gut 1500 Besucher war in Minuten ausverkauft. Und dazu noch ein kleiner Eklat beim Tourauftakt am Vortag in Zwickau: Einige Fans rasteten aus, weil ihnen 90 Minuten Konzert nicht genügten, im Internet begann daraufhin ein regelrechter Cyber-War zwischen Enttäuschten und Verteidigern der Band. Eingedenk dessen verlief das Konzert in Fürstenfeld sehr entspannt und harmonisch. (Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Der Kulturvollzug hat seit dem 26. Aprill 2011 ein "Rod-Spezial" mit bislang unveröffentlichten Fotos des Ärzte-Bassisten online.)

Das hatte auch damit zu tun, dass die Laternen-Ärzte auf der Bühne immer wieder durchblicken ließen, wie sehr sie die ungewohnt aggressiven Fan-Aufwallungen beschäftigen. Sie machten es auf ihre typische ironische Weise, doch die Botschaft kam an: „Ihr wisst schon, dass es bald wieder vorbei ist, oder lest ihr etwa kein Internet?“ - „Morgen werden wieder 40 Leute posten, wie scheiße Farin drauf war, und dass er das ja alles nur noch wegen der Kohle macht.“ - „Gefällt's euch wirklich, oder sagt ihr das nur, damit ihr bald wieder an die Rechner könnt?“

Ihnen gehts prima. Foto: Laternen Joe

Aber es gab ja auch noch Musik, insgesamt diesmal zwei Stunden, und die war sehr speziell. Zunächst sang das Publikum das Kinderlied „Ich geh' mit meiner Laterne“, ein schönes Entree in den Satire-Ironie-Kosmos der Band. Die spielte erst mal einige neue Laternen-Joe-Songs zum Aufwärmen. Und dann wurde das komplette (!) erste Ärzte-Album, „Debil“ von 1984 im originalen frühen Rockabilly-Punk Sound aufgeführt, „zum ersten und vielleicht letzten Mal“, wie es hieß. 38 Minuten Laufzeit hat die Uraltscheibe, damit ließ sich das sonst vielleicht wirklich etwas zu kurze Konzert sinnvoll verlängern. Die ungewöhnliche Uraufführung nach 27 Jahren brachte mehrere Erkenntnisse: Auch bei den Ärzten ist nicht alles Gold, was nach so langer Zeit den Glanz der Vergangenheit trägt. Andererseits: „Paul“, „Claudia hat nen Schäferhund“, „Zu spät“ oder „Mädchen“ so dermaßen „pur“ aufgeführt zu hören, war für alle, die persönliche Erinnerungen an diese Zeit haben, zum Heulen schön. Sogar das „Schlaflied“ war dabei, das mit seinem absurd-abgründigen Horror-Text wirklich grenzwertig ist. Ebenso wie bei „Claudia“ war die Aufführung jahrelang von der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ verboten worden. Erst 2004 kamen die Titel vom Index, so dass Laternen Joe sie heute wieder legal spielen können.

Erst dann kamen einige Songs aus Zeiten, die ein Großteil des Publikums bewusst erlebt haben dürfte, etwa „Deine Schuld“, „Rebell“, „Am Ende meines Körpers“ oder „Schrei nach Liebe“. Das machte Spaß, das ging gut ab, das war – natürlich – in diesem intimen Rahmen ein Erlebnis. Und dennoch hat man auf Ärzte-Konzerten schon deutlich größere Stürme der Begeisterung erlebt, denn eine echte Rock-Dramaturgie sieht anders aus. Farin Urlaub alias Jealousy Laterne brachte es auf den Punkt: „Ich habe das Gefühl, dass ihr noch nicht so gerockt seid, wie uns das lieb wäre.“ Sein Gefühl trog nicht, aber es war doch auch gar nicht der Sinn des Abends, einfach nur ein Ärzte-Konzert mit weniger Publikum zu spielen, oder?

Der Sound in der Halle war gut, aber nicht überragend, das Licht den reduzierten Verhältnissen angepasst. Dass das Management die Halle trotz des riesigen Ansturms nicht überverkauft hatte, war sehr angenehm, vor allem als gegen Ende mit den Pogo-Ritualen der große Spaß begann. Die besonderen Umstände dieser Clubtour ließen Farin bis zum Ende nicht los: „Guck mal, hättest Du gedacht, dass die alle Kreditkarten haben?“, meinte er zu Bela B. und Rod mit Blick aufs Publikum, und schlug vor „am Ausgang nochmal Geld zu nehmen“, da man ja schon länger als 90 Minuten spiele. Das war natürlich wieder ein Ironie-Ventil, aber eines, das deutlich machte, wie sehr die Band sich damit beschäftigt, mit dem ungebrochenen Erfolg irgendwie konstruktiv umzugehen.

Mit dem Laternen-Joe-Konzept gehen die Ärzte durchaus ein Risiko ein: Sie irritieren ihr Publikum, weil sie keine typische Show bieten und Experimente wie das mit „Debil“ wagen. Manchmal rumpelt es wie im Proberaum, da die Band offenbar hin und wieder auch nach musikalischer Ursprünglichkeit sucht. Wer eine perfekte Show erleben will, dürfte mit dieser Identitätssuche vor zahlendem Publikum ein Problem haben. Wer weiß, dass die Ärzte in ihren bald 30 Jahren Bandgeschichte niemals künstlerisch stehen bleiben wollten, kann auch dieses Experiment namens Laternen Joe verstehen.

So gesehen, war dieser Abend in Fürstenfeldbruck in mehrfacher Hinsicht nicht für die breite Masse der Ärzte-Fans gedacht. Aber genau das war der Reiz.

Nicht verboten: Ein Blick auf den Eingang. Foto: gr.

Eine Anmerkung zu den Fotos zum Konzert von Laternen Joe: Der Kulturvollzug hätte gerne die in der Redaktion vorhandenen Bilder vom Auftritt selbst gezeigt. Auf Anfrage beim Management der Ärzte in Berlin wurde uns aber erklärt, dass man dies "leider nicht gestatten" könne. Die Verwendung werde "nur für private Zwecke" genehmigt, nicht jedoch für redaktionelle. Der Kulturvollzug respektiert diese Entscheidung des Managements der Ärzte. Wir bedauern aber diese für uns nicht nachvollziehbare Benachteiligung journalistischer Webseiten, in der wir einen Widerspruch zu dem Bemühen der Ärzte und von Laternen Joe um eine aufgeklärte, gut informierte Öffentlichkeit sehen.

Anmerkung, Teil II (21. April 2011): In der Süddeutschen Zeitung und auf sueddeutsche.de werden heute je ein Bild vom Auftritt von Laternen Joe in FFB gezeigt. Wir bedauern, dass es beim Thema Fotogenehmigung - auf welcher Seite auch immer - offenbar unterschiedliche Maßstäbe gibt. Wir würden es begrüßen, wenn hier doch noch eine Gleichbehandlung möglich wäre.

Veröffentlicht am: 20.04.2011

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