Randerscheinungen

von kulturvollzug

Mit angespitzten Ohren aus dem Konzertsaal: Das Kammerkonzert der „Musica Viva“ mit dem Arditti-Quartett und der  Flöten-Solistin Carine Levine im Carl-Orff-Saal des Gasteig schaffte zumindest teilweise die Synthese von Geist und Gefühl.

Das Konzert begann im doppelten Sinne mit guten Nachrichten. Die  erste, kleinere, aber für München mit Vorfreuden verbunden: Das Münchener Neue-Musik-Ensemble piano possibile konnte seine Raumprobleme lösen, erfuhr man.

Die zweite „bonne nouvelle“ war das erste Stück. Obwohl James Dillons fünftes Streichquartett die vier Herren des Arditti-Quartetts herausforderte, war es das leichtfüßigste Werk des Abends. Wie er darin in neuem Gewande angeblich abgefrühstückte Dinge wie Motivwiederholungen, gar Pattern, weitere klare Spielfiguren in allen erdenklichen Extremen, selbst in tonalen Momenten kraftvoll insistierend kombinierte, weckte die Erwartungen.

"Sysiphus Redux" für Altflöte-Solo von Brian Ferneyhough war die erste Uraufführung. In seinem bisherigen Schaffen stellt er extreme 

Anforderungen. Dennoch kommt dabei intensive Musik heraus. Die Flötenvirtuosin Carine Levine legte mit dem Sysiphos-Stück eine perfekte Show hin. Sie präsentierte alle Arten von Hauchgeräuschen, Klappenpizzicati, Slapnotes und weiteren Effekten. Dennoch: Es wurde einerseits die im Programmheft angekündigte Absurdität im Sinne Albert Camus' vorgeführt. Weil sich beim einmaligen Hören kein Hauch emotionaler Erkenntnis einstellte, fragte man sich aber: wozu dieser Aufwand, wo doch Cage „Vergeblichkeit“ mit kargen Pinselstrichen viel nachvollziehbarer hervorzaubern konnte?

Es folgte die Uraufführung von "Azoth" (dies bedeutet „Stein der Weisen“) des Münchener Komponisten Klaus Hübler. Ende der achtzigerJahre galt er als der am komplexesten schreibende Komponist. Eine existenzbedrohende Krankheit beendete abrupt diese erste Phase. In den letzten Jahren trat er wieder vermehrt in Erscheinung, mit oft extrem reduzierten, knochenklaren Stücken. Er riss ein ähnliches„Warum“ wie Ferneyhough an, lieferte aber den dramaturgisch konsequenteren Auslöser. Er beginnt mit Minisoli von Fagott, Kornett, Trompete und Cembalo, wie Akteure einer Gerüchteküche, über deren Geplapper sich die Piccoloflöte masslos in einer riesigen Kadenz aufregt: Sehr genau ausgehört, penetriert sie zuerst mit höchsten Tönen, stabilisiert sich dann in gleichmässigen Pulsen einer  

atemlosen Melodie und verhaucht sich zuletzt atemlos erschöpft.

Die nächste Uraufführung war Pierluigi Billones "Muri IIIb" für Streichquartett. Das Arditti-Quartett erzeugte zuerst fast nur Geräusche: in deren Präzision am Rande des Unhörbaren zeigte sich der Mensch als Maschine. Allmählich stellten sich dennoch für jedes Instrument charakteristische Klänge ein, die wieder Raum für einzelne Soli gaben. Trotzig trat das Individuum wieder hervor. Diese dritte  

Art von Unmöglichkeit erzeugte mit ihrem eigenen Sog beim Publikum höchste Spannung, die selbst einzelne Handyklingeleien und die im Gasteig plötzlich wahrnehmbare S-Bahn-Rumpelei nicht störten: donnernder Applaus.

Hugues Dufourt ist als Spektralist bekannt. So hoffte man auf flauschige Naturtonmusik als versöhnlichen Abschluss. Dass er mit seinem Streichquartett Uneasiness nicht nur Trauer, Sehnsucht und Angst – all dies bedeutet dies – wecken wollte, sondern widerständige Kraft erzeugte, zeigte die unglaubliche Dichte und emotionale Schärfe seiner widerborstigen Klangextreme. Mit wahrlich frisch angespitzten  Ohren verliess man den Gasteig nach diesen letzten beiden Synthesen von Geist und Gefühl.

Alexander Strauch

Veröffentlicht am: 15.04.2011

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