Alice im Internet

von Michael Weiser

Alice findet diesmal nicht mehr aus dem Wunderland: Mit „reset : life“ hat der belgische Regisseur Fabrice Murgia ein düsteres Stück über Einsamkeit in die Münchner Reithalle gestellt. Die Produktion des Theatre National Brüssel verstörte nicht wenige Besucher des Festivals „Radikal jung“.

 

Regisseur Fabrice Murgia hat das Bild nicht beabsichtigt. So sagte er selber hinterher im Publikumsgespräch. Doch kam man bei der Schlussszene von „life : reset“ kaum umhin, an Jacques Louis David und seinen Marat zu denken, der in der Badewanne sein Leben aushaucht. Und man dachte sich, sieh an, der moderne Mensch: Mordanschläge braucht es gar nicht mehr, er richtet sich selbst zugrunde. Die Internetrevolution stürzt bei uns keine Obrigkeit, sondern wendet sich gegen uns selbst. Und dann gehen wir verloren in Facebook, dem in „life : reset“ aus dramatischen und poetischen Gründen allerdings die Maske von „Second life“ vorgehalten wird: Ein wortloses Stück, das um den Totalverlust der Kommunikationsfähigkeit kreist.

Die Bilder, die Murgia mit Unterstützung des von Yannick Franck gestalteten düsteren Klanguntergrunds und der Videobegleitung von Arié van Egmond auf die Bühne zaubert, sind mitunter so gewaltig wie gewalttätig. Uns empfängt ein Dröhnen, von dem wir nicht wissen, ob das der Verkehrslärm der Großstadt oder das Rauschen im Kopf der jungen Frau auf der Bühne ist. Die plötzlich eintretende Stille schockt, bevor wieder düstere Klänge durch die Halle wabern. Wir sehen die junge Frau (Olivia Carrère) in ihrer Wohnung, deren Bad, Schlafzimmer, Küche wie Lichtinseln durch eine Gazewand durchschimmern, als würden wir Zuschauer durch die Mattscheibe eines Laptops blicken.

Wir beobachten die Frau bei alltäglichen Verrichtungen, deren Radius immer enger wird. Sie hat sich in den virtuellen Raum geflüchtet, und ihr Fixpunkt ist das Spiel „Second chance“ (soll heißen: Second life), in dem ihr Avatar erregende Rendezvous mit einem anderen, hasenköpfigen Avatar erlebt – das einzige Wesen, mit dem sie sich noch austauscht. Sie ist eine moderne Alice, die in ein Internet-Albtraumland gezogen wird.

Sie findet nicht mehr heraus. Am Ende vertauschen Avatar und Mensch ihre Plätze. Der Avatar schneidet sich die Pulsadern auf. Für ihn der Beginn eines neuen Lebens zusammen mit dem Hasen-Avatar, die zweite Chance eben. Für den ausgebrannten Menschen in der nächtlichen Stadtwohnung aber heißt es: Game over! Ein beklemmendes, mit metallischer Wucht hingestelltes Stück über Einsamkeit.

Veröffentlicht am: 15.04.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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