Das Tier in uns

von Michael Weiser

Denn die im Dunkeln sieht man - schon: "tier. Man wird doch bitte Unterschicht" im Akademietheater am Prinze. Foto: Hilda Lobinger

Griechische Tragödie trifft Österreich: In „tier. Man wird doch bitte Unterschicht“ schildert Ewald Palmetshofer ein beklemmendes Drama, das von der Theaterakademie August Everding nun eindrucksvoll auf die Bühne des Akademietheaters gebracht wurde.

Man kennt sie von Thomas Bernhard, diese Orte, die in Österreich und anderswo das jwd bilden, ganz weit weg von der Stadt, von der Entwicklung. Die still daliegen wie ein Tümpel mit fauligem Wasser, unter dessen Oberfläche Unaussprechliches gärt. In einen dieser Orte kommen Wissenschaftler, ausgezogen, die Gesellschaft zu analysieren. Sie reden nicht von Ober- oder Unterschicht, sie reden politisch korrekt von einem Schalenmodell, mit dem Kern als wichtigstem Element.

Dort, im Kern, im Zentrum von allem, wähnen sie sich selber. Und nun sind sie an den Rand gereist, um zu sehen, welche Bedrohung von diesem Rand ausgeht. Was kann schief laufen, wie breitet sich die Fäulnis in der Gesellschaft aus, kann sie die Stabilität des Kerns bedrohen? Man betreibe ja letztlich irgendwie Kernphysik im Sozialen, behaupten die Wissenschaftler, die ansonsten ihre Ratlosigkeit nur wortreich verbrämen. Ihren Wissenschaftler-Slang halten sie aber auch nicht immer ein, womit sich der eine Teil des rätselhaften Titels erklärt: „Man wird doch bitte Unterschicht...“, heischt eine Wissenschaftlerin um Anerkennung bei ihren Kollegen, bevor sie sich doch lieber auf die Zunge beißt.

Etwas länger braucht der Zuschauer im Akademietheater des Prinzregententheaters, um dem „Tier“ auf die Spur zu kommen. In immer neuen Versuchsanordnungen versuchen die Experten, dem Unbegreifbaren in ihrem kargen Gesellschaftslabor (Bühne: Jörg Brombacher) auf die Spur zu kommen. Es ist die Geschichte einer Gruppe von Schülern. Alle im Dorf wissen von ihrer Untat. Sie haben im Keller der Schule Erika vergewaltigt. Viele Jahre später sind die meisten noch da: Erika pflegt den ehemaligen Schuldirektor, dessen Sohn Reinhard auch dabei war. Die anderen treffen einander dort, wo sie immer einander treffen: In der Kneipe, in der Erika kellnert. Sie kommunizieren nicht miteinander, sie fallen höchstens mal gemeinsam ein in den Schmähchor auf die Asylanten im Ort. Das Tier ist die Sprachlosigkeit, der Hass, das Unbewältigte in den Figuren. Erika strebt nach Wärme, um nach der Schockstarre des Erlebten den Mensch in ihr wieder aufzutauen. Ihre Sehnsucht mündet in der Katastrophe.

Wie die Sprachlosigkeit in Gewalt mündet, erzählt der gefeierte österreichische Jungdramatiker Ewald Palmetshofer in „tier. Man wird doch bitte unterschicht“ weniger sperrig oder vielmehr kompakter als in einigen anderen seiner Texte. Hoch musikalisch wie immer, verwebt Palmetshofer die Charakterlinien in einer stark rhythmischen Sprache in einen faszinierendes Theaterstoff. Der muss freilich, in einem ähnlichen Schwierigkeitsgrad wie bei Texten von Jelinek, erstmal gemeistert werden. Und da ist den sieben Akteuren der Theaterakademie unter der Regie von Mario Andersen (Gesamtleitung: Jochen Schölch) ein Gemeinschaftskompliment zu machen.

Agnes Kiyomi Decker, Sebastian Fritz, Lilly Gropper, Genija A. Rykova, Georg Stephan, Fabian Stromberger und Benedikt Zimmermann spielten im schnellen Reigen der Rollen einfach beeindruckend und – bei der Konzentration, die vor allem der Textpingpong des Wissenschaftler erfordert – mit bemerkenswerter Ausstrahlung. Palmetshofers Reload des Sozialdramas ist kurz, knapp, beklemmend inszeniert – ein Tipp.

Donnerstag, 14.04., Freitag, 15.04. Weitere Termine im Juni: Dienstag, 07.06. Mittwoch, 08.06. Donnerstag, 09.06., Dienstag, 14.06., Mittwoch, 15.06.

Veröffentlicht am: 15.04.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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