Geschichten aus Berlinistan

von Michael Weiser

Ey, isch mag disch: Tanya Erartsin als Mariam, Inka Löwendorf als Lena, Sascha Ö. Soydan als Ercan. Foto: Milan Benak

Ein Land, zwei Welten: Mit „Arabqueen“ bringt Nicole Oder vom Heimathafen Neukölln eine furiose Studie übers Migrantenmillieu auf die kargen Bretter des „Nachtkasterls“ im Volkstheater.

Man weiß ein paar Sachen über muslimische Einwanderer, beziehungsweise: Man hat von ihnen gehört, und das so oft, dass man sie schon als Klischee abtun möchte. Kopftuch, Zwangsheirat, g’schlampertes Deutsch (so genanntes Kanakisch) Gewalt – ja, hat man alles schon vernommen, wie oft soll man denn noch, und überhaupt, ist er denn wirklich so, der Moslem an und für sich?

Insofern hört sich die Geschichte von „Arabqueen“, von Regisseurin Nicole Oder nach dem Roman von Güner Yasemin Balci auf die Bühne gebracht, nach einer öden Immigranten-Soap an. Denn natürlich geht es darum, welche Probleme junge Musliminnen in Deutschland haben, wie schwierig sich der Drahtseilakt zwischen Tradition und Moderne gestaltet. Natürlich geht es um Gewalt in der Familie, ums Patriarchat und die Unterdrückung der Frau. Und natürlich ist die Sprache nuschelig und aggressiv: Man kennt sich noch gar nicht und schmäht einander schon als „Opfer“ und „Behindi“. In Almanya nichts Neues...

Die Geschichte fesselt dennoch. Ein klares Bühnenbild, wenige Requisiten (Julia von Schacky), scharf konturierte Szenen – man folgt der Geschichte von Mariam mit wenig Ballast. Die junge Araberin kann und darf ihre Eltern nicht enttäuschen. Jeden Flirt mit der Außenwelt erkauft sie sich mit Lügen. Mehr und mehr verflüchtigt sich der Klischeeverdacht. Schließlich besitzen zwei der Schauspielerinnen, Tanya Erartsin und Sascha Ö. Soydan, und Autorin Balci sammelte Erfahrung an sozialen Brennpunkten. Andere Theaterbesucher, die sich in der Szene von Neukölln besser auskennen als der durchschnittliche Münchner Radikaljugendliche, bestätigten im Gespräch nach dem Stück die Eindrücke. „Arabqueen“ ist, Aufatmen! dennoch kein Betroffenheitsdrama, sondern überzeugt mit Witz und Tempo.

[caption id="attachment_7348" align="alignleft" width="205" caption="Mutter erzählt von alten Zeiten: Sascha Ö. Soydan als Hayat. Foto: Milan Benak "][/caption] Das größte Pfund hat diese gefeierte Inszenierung vom Heimathafen Neukölln Berlin aber in ihren drei Darstellerinnen: Tanya Erartsin als Mariam sowie -  in einer ganzen Reihe von Rollen - Sascha Ö. Soydan und Inka Löwendorf wirkten nicht einfach echt. Sie sind es vermutlich. Oder doch nicht?

Am Ende flüchtet Mariam von allen Plänen, die andere für sie geschmiedet haben. Die Hochzeit ist schon arrangiert, die Feierlichkeiten haben begonnen - da verlässt sie ihre Familie. Die Tür fällt hinter ihr zu, alles Weitere bleibt ungewiss – nicht viel anders als für viele arabische und türkische Frauen in Deutschland, die Traditionen ihrer Altvorderen nicht mehr ungefragt übernehmen möchten.

Veröffentlicht am: 12.04.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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