Eine Kurzgeschichte von Maria Levina
Ein entspanntes Gähnen

Zwischen Entspannung und Fremdscham: Ein Saunabesuch mit unerwarteter Wendung. Bild: Maria Levina mit ChatGPT 5
Ein Saunabesuch entwickelt sich zu einer ebenso komischen wie nachdenklichen Begegnung, die den Kontrast zwischen dem Wunsch nach Entspannung und den tatsächlichen Ereignissen in ihren Fokus rückt.
Von Maria Levina
Alles ist warm und riecht nach Kräutern. Die aufgeheizte Luft strömt durch meine Nasenlöcher und ich strecke meine Arme über dem Kopf aus, dehne mich ganz langsam. Erst die eine Seite, dann die andere.
Der Wind war heute so stark, dass ich zwei Kapuzen anziehen und den Schal um mein Gesicht wickeln musste. Am Ende waren nur noch Nase und Sonnenbrille zu sehen. Mein Hund, ein kleiner blonder Mischling, ist dabei einige Male fast weggeweht worden und ich musste ihn immer wieder heranziehen. Wie hätte es denn ausgesehen, wenn er wie ein Luftballon hinter mir hergeflogen wäre? Nun, es war vermutlich nicht der entspannteste Spaziergang für ihn. Aber gut, jetzt ist es warm und wohlig, später kuschele ich mich in meine Decke und schaue irgendeinen Film, trinke Wein…
Die Tür öffnet sich und ich mache meine Augen schnell zu. Gar nicht erst wahrnehmen.
„Hallo.”, sagt eine männliche Stimme.
„Hallo.“, antworte ich und versuche meine Augen nur einen Schlitzbreit zu öffnen. Vielleicht war er auch beim Frühstück? Eher nicht. Aber völlig sicher bin ich mir nicht. Zu lange kann man natürlich nicht hinschauen.
Die Situation kann also wie folgt beschrieben werden: Ich liege da, er sitzt, es ist heiß, riecht nach Eukalyptus und Pfefferminz, meine Augen sind immer wieder einen Millimeter geöffnet. Saunen sind schon ein eigenartiges Konzept: kleiner Raum, super heiß und viele fremde Menschen, die sich nackt gegenüber sitzen und versuchen, nicht allzu auffällig zu starren.
Insgeheim frage ich mich, ob er sich wohl über den Anblick meines Körpers freut?
Langsam gleite ich wieder in meine Welt zurück und fange an zu Tagträumen. Die Wärme umschließt mich, entspannt meine Muskeln, alles ist wieder wohlig.
Und dann: ein Gähnen. Aber kein normales Gähnen. Er wählt eine Variante, bei der noch ein geräuschvolles AHHHH mit einhergeht. So laut, dass vermutlich selbst die Leute in den anderen Saunen es hören. Das wiederholt er dann alle 30 Sekunden.
Ich presse meine Lippen fest aufeinander und atme schnell aus, um nicht laut loszulachen. Wie genial, dass er denkt, mich würde das nicht stören!
AHHHHHHHHHHHHHHHHHHH. Er bleibt dabei. AHHHHHHHHHHHHHH. Ein- bis zehnmal noch, dann sind die 15 Minuten empfohlene Saunazeit rum, und ich setze mich auf.
Sein Blick streift mich kurz, bleibt hängen und geht schließlich in ein Starren über, dem ich mit aller Mühe versuche zu entkommen. Ein paar Sekunden lang treffen sich unsere Augen und er verweilt weiterhin in derselben Position. Nicht einmal ein Zucken seinerseits.
Das vermittelt mir natürlich keineswegs ein unangenehmes Gefühl. Sehr gerne werde ich in diesem Moment genauestens analysiert. Das beantwortet allerdings meine Frage von vorhin.
Schnell wickele ich das Handtuch eng um mich und stehe auf. Wir verabschieden uns ganz höflich.

