Karl Stankiewitz zum Mythos der Goldenen Zwanziger

Münchens Misere vor 100 Jahren

von Karl Stankiewitz

Erster Kampfbund Hitlers 1.Mai 1923 (aus: "Deutschland erwacht", 1935).

Das Jahrzehnt, das man später als „Goldene Zwanziger“ verklärte, begann in München ausgesprochen düster. Vier Jahre Weltkrieg, militärischer und politischer Zusammenbruch, zwei Räterepubliken, Anarchie und Rechtsruck hatten Wirtschaft und Lebenskraft zerrüttet.

Die 675.000 Einwohner von Deutschlands viertgrößter Stadt litten im ausgehenden Winter des Jahres 1920 bitterste Not. Kriegsheimkehrer vermehrten das Heer der gemeldeten Arbeitslosen auf über 40.000, sie vergrößerten auch den ohnehin enormen Mangel an Nahrung und Obdach. Bauern der Umgebung weigerten sich, den „Saustall München“ zu beliefern. Der Magistrat unter Oberbürgermeister Eduard Schmid, einem früheren Redakteur der sozialdemokratischen „Münchner Post“, ergriff verzweifelte Maßnahmen. Weiterer Zuzug nach München wurde verboten. In Kasernen, Dachgeschossen, Gasthöfen und Hotels („Deutsche Kaiser“,  „Oberpollinger“) wurden Notquartiere eingerichtet. In der Hochstraße und der Kolosseumstraße, ausgerechnet neben dem einst größten Vergnügungspalast der Stadt, entstanden sogenannte Kabinenwohnungen, so dass schließlich 8500 neue Massenquartiere verfügbar waren. In 21 städtischen Volksküchen und 28 Suppenanstalten wurden Hungernde verköstigt. Auch kirchliche und private Organisationen boten, nicht immer uneigennützig, warmes Essen und Betätigung an. Darunter rechtsradikale oder militante Vereinigungen, die plötzlich aus dem Boden schossen. Offiziell geduldet wurden die Einwohnerwehren, die in München nicht weniger als 25.000 Mitglieder zählten. Am 7. Januar 1920 rief ein „Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund“ zu einer ersten antisemitischen Großkundgebung in den Münchner-Kindl-Keller.

Hitler 1921 (aus "Deutschland erwacht", 1935).

Der Antisemitismus, der bis dahin nur vereinzelt in erzkatholischen Polemiken aufgeflackert war, brach aus wie eine Seuche. Die Schriftstellerin Anette Kolb zitierte einen Droschkenkutscher: „Es werd erst besser, wenn der Jud für vogelfrei erklärt werd...“ Am 24. Februar – ein Jahr nach der Ermordung des jüdischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner – drängten sich etwa 2000 Münchner im Hofbräuhaus, wo eine gerade gegründete „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ ihr 25-Punkte-Programm verkündete. Hauptredner war ein 30jähriger Kriegsheimkehrer und Reichswehr-Spitzel namens Adolf Hitler, der gegen das jüdische „Parasitenvolk“ giftete. Am 16. Januar wurde der 22jährige Eisner-Mörder Anton Graf Arco auf Valley, ein antisemitischer Leutnant, zum Tode verurteilt. An der Universität demonstrierten Studenten (ehemalige Offiziere gaben den Ton an) gegen die Verurteilung des Attentäters. Der Graf wurde denn auch bald begnadigt - vom neuen Ministerrat (der nach dem Rücktritt des Sozialdemokraten Johannes Hoffmann im März unter Druck der Reichswehr von dem Monarchisten Gustav von Kahr geführt wurde).

Ein Vortrag des längst weltweit angesehenen Naturwissenschaftlers Albert Einstein, der einmal in der Isarvorstadt gelebt hatte, wurde im selben Jahr 1920 abgesagt – laut Stadtchronik wegen „judenfeindlicher Auftritte in der Studentenschaft“. Wenn dieses erste Nachkriegsjahr nachträglich „vergoldet“ wurde, dann kann das allenfalls für Teile des Münchner Kulturlebens gelten. Angeschlagen war allerdings die Malerei. 1920 starben die Altmeister August von Kaulbach und Albert von Keller, bald danach auch Franz Defregger, Eduard Grützner und Franz von Stuck. Die Pioniere des Blauen Reiter waren im Krieg gefallen (Marc und Macke) oder in ihre Heimat zurückgekehrt (Kandinsky), Paul Klee war hier aber noch sehr aktiv. Die Neue Sachlichkeit wurde  in München durch Georg Schrimpf, Alexander Kanoldt oder Adolf Erbslöh hervorragend eingeführt. Architekten von Rang (Fischer, Grässel, Meitinger, Leitensdorfer, Vorhoelzer) entwarfen markante Büro-, Technik- und Sportanlagen. Der „Simplicissimus“ machte sich übers restliche Militär, über bigotte Bürger, naive Bauern und über die Preißen lustig, während Ludwig Thoma im „Miesbacher Anzeiger“ anonym gegen Preußen sowie Juden hetzte und die „Münchner Neuesten Nachrichten“ nach Aufkauf durch die rheinische Stahlindustrie zur „langweiligsten Zeitung der Erde“ (Karl Kraus) verkommen sollten. In Geiselgasteig drehte Peter Ostermayer den ersten Spielfilm: „Der Ochsenkrieg“ nach Ludwig Ganghofer, der in der Steinsdorfstraße einen Salon unterhielt.

Eine neue Blüte erlebte vor genau hundert Jahren die Literatur. Bert Brecht schrieb in der Akademiestraße sein erstes Stück, den „Baal“. Sein Mentor Lion Feuchtwanger, zuhause am St.Anna-Platz, veröffentlichte 1920 das Drama „Thomas Wendt, die Geschichte eines „Zivilisationsliteraten“, und beobachtete die Gesellschaft für seine spätere München-Satire „Erfolg“. Thomas Mann arbeitete in seiner Villa am Herzogpark an einem Essay „zur jüdischen Frage“, das die Judenfeindlichkeit anprangerte. Bruder Heinrich schrieb „Die Ehrgeizige“. Ricarda Huch gab „Alte und neue Gedichte“ heraus. Oswald Spengler vollendete in der Widenmayerstraße, wo man ihn immer nur griesgrämig und mit Regenschirm spazieren sah, den mehrbändigen „Untergang des Abendlandes“. Oskar Maria Graf, der die 20er-Jahre später biografisch ausleuchtete, übernahm 1920 die „Neue Bühne“ in der Senefelderstraße, die dem Proletariat anspruchsvolle Schauspielkunst nahe bringen wollte. Und seine Genossen, die verurteilten Revolutions-Dichter Ernst Toller und Erich Mühsam, schrieben in der Festungshaft zunächst ungebrochen weiter.

Der Beitrag stützt sich unter anderem auf die Stadtchronik, den Katalog „Die Zwanziger Jahre in München“ sowie die Bücher „München in den Zwanziger Jahren“ von Ludwig Hollweck und „Aus is und gar is“ von Karl Stankiewitz. Bilder aus dem Katalog beim Stadtmuseum verfügbar.

Veröffentlicht am: 21.01.2020

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