"Der eingebildete Kranke" und „Kassandra/ Prometheus. Recht auf Welt“ am Resi

Performer der eigenen Vergänglichkeit

von Michael Weiser

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"Mir geht's nich so gut": Argan (Florian von Manteuffel, rechts) leidet aber auch eindrucksvoll. Foto: Sandra Then

Es tut sich - eigentlich nichts. Das aber auf höchst unterhaltsame Weise: Die Uraufführung von "Der eingebildete Kranke oder das Klistier der reinen Vernunft" am Residenztheater ist als Hochgeschwindigkeitsperformance der Befindlichkeit einer der Höhepunkte der bisherigen Saison in München.

Ein Bühnenbild, so gewaltig und bewohnbar wie eines von Aleksandar Denic, gepaart mit grotesker Körperlichkeit wie bei Herbert Fritsch - die Spieluhr-Mechanik des Vaudeville, die auf Überschwang und Müdigkeit des Barock trifft. Und in all dem Treiben eine Hauptfigur wie eine Mischung aus Sonnenkönig und Showmaster, Ruby Rhod im „Fünften Element“: Wenn man das vor das innere Auge projiziert bekommt, dann kann man sich Claudia Bauers Inszenierung des „Eingebildeten Kranken“ am Residenztheater schon ganz gut vorstellen.

Es fehlt dann allerdings noch, was man nicht sehen, sondern nur hören kann, der Text und die Musik. Und weil Text und Musik von Peter Licht stammen, fehlte damit diese Mischung von ganz absurder Fröhlichkeit und Traurigkeit, die Peter Licht so gut verbreiten kann. Der ist nicht nur wegen seiner – mittlerweile vier – Molière-Überschreibungen bekannt, sondern auch als Indie-Pop-Musiker („Sonnendeck“); als Erfinder wahnsinnig schöner Melodien, auf die er Texte schreibt, die ihren Hintersinn oft erst offenbaren, wenn sie erinnert, vergessen und sozusagen kompostiert wurden, und auf ihnen etwas gewachsen ist. Ein neuer Gedanke etwa, abseits vom Zeitgeist.

Der „Eingebildete Kranke“ am Residenztheater ist ein prächtiges, ein großartiges Stück Theater, dessen Akteure die Steilvorlagen des Textes mit viel Spielfreude sicher verwandeln. Den Ton geben die ersten Minuten an. Da spielen Cornelius Borgolte und Henning Nierstenhöfer unter abenteuerlichen Barockperücken leichten Jazz, richtiggehend filigran und schick, wie man ihn sich in einer Bar vorstellen kann oder zum Vorspiel eines Showabends. Die beiden geben so etwas wie den Konversationston vor. Ja klar, Krankheit und Fäulnis. Aber lasst uns doch bitte schön locker plaudern.

Im Mittelpunkt steht Argan, der weiß, dass er krank ist. Oder vielmehr: Dass er krank sein muss, um zu leben. Die Krankheit ist Inhalt und Zentrum von Argans Leben, sie ist das Medium, über das er mit der Welt kommuniziert, sie ist die Geißel, mit der er seine Familie terrorisiert wie ein absoluter Herrscher seinen Hofstaat. So lange er leidet, lebt er. Vielmehr: So lange er sich sein Leiden einbilden kann, kann er sich ein Leben einbilden.

Ein Wohnturm auf der Bühne: Hinter den Kulissen von Argans Show. Foto: Sandra Then

In dieser seht flotten, sehr witzigen Inszenierung ist Florian von Manteuffel nicht einfach nur ein Hypochonder, er ist ein Top-Performer seiner selbst und seines Leidens an der Welt, auf hohen Touren, total durchgedreht zu Beginn, ziemlich resigniert am Ende.

Dargereicht wird das alles in einem Riesenzylinder (Andreas Auerbach). Das Innere des Zylinders ist Argans Welt, sein Gemach, beherrscht von einem Riesenbett, dahinter ein Trampolin, auf dem sich herumkasperln oder auch mal sterben lässt. Die  Außenwand besteht aus vier Stockwerken, in denen getrieben wird, was man sich hinter den Kulissen vorstellen kann: Man leidet an Lampenfieber oder Langeweile, drischt leeres Stroh oder intrigiert. Der Zylinder kreiselt um Argans Gemach als imposante leere Mitte. Vor allem aber  zwingt das Kreiseln dieses Zylinders die Figuren zu hektischer Bewegung treppauf,  treppab. Die Ähnlichkeit mit einem Hamsterrad ist nicht zufällig.

Der Text scheint ein Geschenk für Schauspieler zu sein, wie etwa die Auftritte von Christoph Franken als Arzt und "Darmgott" Purgon oder dievon Antonia Münchow als Angélique und Myriam Schröder als Privatsekretärin Toienette vermuten lassen. Das ist richtig krass und dick aufgetragen und nervt doch nicht.

Argan stirbt. Und dann folgt doch wieder ein großer Auftritt, ein ums andere Mal. Am Ende schwebt er vom Obergeschoss des Bühnenzylinders herab. Das Finale eines Showstars. Argan allerdings hängt schlaff in den Seilen, es scheint vorbei zu sein. Ist es das? Das Licht geht aus, richtig. Wir vermuten aber nicht zu Unrecht, das es das mit Argan nicht gewesen sein kann. Dazu steckt zu viel von ihm in uns. Und wir zumindest bewegen uns auf eigenen Füßen aus einem ziemlich guten Theaterabend.

Der Abend zuvor: "Kassandra/Prometheus. Recht auf Welt"

Viel gewollt hat auch Kevin Rittberger mit seinem Doppelabend "Kassandra/Prometheus. Recht auf Welt". Es fängt gut an, mit dem Blick auf ein Bühnenbild, das allerhand verspricht: ein großes Kassandra-Bild, spanische Reiter, eine Barriere, eine Bühne fürs Schattenspiel, Stühle, ein Übersetzertischchen, ein Wachturm, eine Videoleinwand über allem. Dicht gedrängt das alles, man ist fast erdrückt und doch gespannt: Was werden Autor Kevin Rittberger und Regisseur Peter Kastenmüller im Marstall, an diesem Doppelabend mit dem Titel „Kassandra/Prometheus. Recht auf Welt“, auf dieser vollen Bühne anstellen?

Sie stellen an: eine Reise durch die Welt und durch die Versprechen der Menschheit und wieder zurück. Oder auch: die Fortsetzung des Bühnenbilds mit den Mitteln des Theaters. Ein bisschen was von allem, und davon viel. Und am Ende ist man schier erdrückt.

Kevin Rittberger möchte, so schreibt er es im Programmheft, als ein Wahrheitssucher „dringend alle Geschichten auflesen, weil sie hier herumliegen, wie der buchstäbliche Sand am Meer“. Das tut er denn auch. Er liest auf und lässt lesen, beziehungsweise sprechen; es entfaltet sich nicht ganz knitterfrei ein Textteppich, der aus vielen Fäden gewoben ist. Das ist mitunter berührend, das ist oft verwirrend, es franst halt oft ziemlich aus. Und der Grund, auf dem der Autor steht, lässt sich unter diesem Teppich nur erahnen.

Dass Geflüchtete den Mythos der europäischen Wertegemeinschaft „jeden Tag aufs neue herausfordern“, wie Rittberger schreibt, mag ja stimmen. Doch dieser Mythos ist eher der von „Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit“, und der ist eben nur ganz am Anfang universell. Letztendlich steht er am Anfang der Erfindung des Nationalstaats, der harte Grenzen und damit das Elend von Flüchtlingen erst schafft. Kassandra ist ein Archetyp, der der europäischen Kultur zugrunde liegt. Denkt jemand an die unerhörte Warnerin im Angesicht der Katastrophe im Mittelmeer? Da denkt Rittberger möglicherweise um einige Ecken zuviel herum. Was Kassandra mit Rittbergers Anliegen zu tun hat - es bleibt nach der längeren ersten Hälfte des Abends einigermaßen schleierhaft. Trotz Chors, trotz vieler Geschichten.  Trotz umkreiselnden Wachturms. Trotz des Ariadnefadens - ausgelegt durch die Geschichte eines Paares aus Nigeria - irrt man im Labyrinth von Rittbergers Denkgebäude.

In Rittbergers Version der Conditio Humana mag Prometheus eher passen. Gilt sein Versprechen der Technik, der Fähigkeit zur Erfindung, für alle Menschen? Oder doch nur für die reichen Gesellschaften, die mit ihren Errungenschaften ihre Position festigen?

In der zweiten Hälfte des Doppelabends gibt Max Mayer, in der ersten Hälfte ein so hipper wie desinteressierter, offenbar auf Koks gesetzter und damit hinreichend witziger Moderator einer Preisverleihung, den Prometheus nach langen Jahren der Fesselung an den Kaukasus.

Das ist nicht ganz so witzig wie in der ersten Hälfte, aber interessanter. Er ist da verrückter Wissenschaftler, ein bisschen aber auch ein hilfloser Jesus, und da taucht auf einmal eine interessante Möglichkeit der Deutung auf, die so vielleicht gar nicht beabsichtigt war. Ja, zum europäischen Weltbeglückungsmythos gehört auch Christus, an dessen Versprechen sich das Versagen der europäischen Wertegemeinschaft klar genug ablesen lässt.

Hat das der Autor beabsichtigt? Zweifelhaft. Rittberger trägt mit Kassandra und Prometheus, zwei der ganz Großen der Mythenwelt, richtig dick auf. Und übersättigt die Zuschauer mit jelineksch anmutenden Textflächen. Mit dem Ergebnis, dass man erst so richtig die alten Griechen zu schätzen weiß: Die haben in ihren Dramen eigentlich schon alles beschrieben, was uns heute noch umtreibt. Und das sogar in mitreißende Geschichten verpackt.

Veröffentlicht am: 04.01.2020

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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