Kunstlerportrait Ugo Dossi

Kaleidoskop des Trismegistos

von Michael Wüst

burning man woman, sept 2019, Botanikum. Foto: Ugo Dossi

Ugo Dossi, der Münchner mit den italienischen Wurzeln, der 1996 in den ersten Tagen des Kunstpark Ost, dem heutigen Werksviertel, sein Atelier bezog, war bereits 1977 von Manfred Schneckenburger zur documenta 6 gerufen worden.

Der Bildertaucher, wie ihn der künstlerische Leiter in Kassel später bezeichnete, fand früh geometrische Formen der Passage wie den sich in sich selbst erschaffenden Kreisel, den (Doppel)Vortex, den Strudel ins Bodenlose, den Abyss (Abyssos), Interferenzen, Spiralen und komplexe fraktale Strukturen. Eleganz und Tiefe der Arbeiten bezeugen, Dossi ist der kosmischen Schönheit ergeben wie ein Schüler Giordano Brunos.

1997 im Kunstpark Ost. Foto: Ugo Dossi

Dabei hat er etwas von einem Magus, so wie er Theologen, Poeten und Astronomen zusammenschaut, ihre Aussagen vernetzt und figuriert und codiert, mal assoziativ, mal logisch. Sein ästhetischer Universalimus hat die Elastizität einer Welle, die eingespannt ist zwischen Antike und Moderne, dem Zentralfeuer des Ptolemäus und der dunklen Materie der Astrophysik. Die leuchtende Klarheit seiner Bilder ist geprägt vom Bewusstsein über den Doppelcharakter, das Oszillieren von Logos und Chiffre. - Ein geschichtlich durchgängiges Thema, hier verfransten sich bereits Theologen des 13. Jahrhunderts im sogenannten Universalienstreit. Der Streit großer Denker wie Anselm von Canterbury und Meister Eckart bestand in aristotelischer Rigidität darin, sich zum einen oder anderen bekennen - zu müssen: Zum Wort als göttlichem Logos, althergebrachter Standpunkt, oder zum Wort als Zeichen für das Ding in der Welt, damals moderner Standpunkt. 700 Jahre später kam man in der Welt des Allerkleinsten Photonen bei einem äußerst schillernden Verhalten auf die Spur. Die Lichtbringer kennen nämlich kein Weder-Noch, sie bevorzugen eher ein Mal so - Mal so. Alternativlos alterieren sie. Die Entdeckung des Licht-Doppelcharakters von Welle und Materie, bereits von Newton vermutet, müsste an sich ein schwerer Schlag für die Anwälte des Unverrückbaren sein. Aber da haben wir wohl noch Zeit. Runde 400 Jahre vergingen doch bis der Vatikan Galilei rehabilitiert hatte, der zusammen mit Kopernikus den Herren, die die Welt aufteilten, das dicke Brett der Geozentrik von der Stirn genommen hatte. Ugo Dossi, Gnostiker im ursprünglichen Sinn, fühlt sich bestätigt und aufgefordert. Wie Bruder Umberto Eco arbeitet er an der Dekonstruktion der Geschichte, kratzt an den Klitterungen, ist eben auch ein Worttaucher. Von jeher glaubt er, dass die Entwicklung der Humanität sich in ihren Chiffrierungen und Codes selbst vorausahnt, vorausschreibt, ja vorausplant. Das Unbewusste, als offenes System, soll in seiner Unbestimmtheit notwendig sein für die eigenständige Kombinatorik der Elemente, für Selbstorganisation, ihr freies Codierungsspiel - um die Emergenz des Neuen zu provozieren. Eines Neuen, das Dossi im Alten bestätigt findet.

2nd life (2010) whiteBOX, Foto: Ugo Dossi

So reift ein langjährig angepeiltes Projekt. 2011 stellt er die 22 Trümpfe des Tarot, die großen Arkana, in der whiteBOX aus. 2012, aus Anlass der documenta 13 werden 13 dieser Motive in nahezu lebensgroßen Leuchtkästen in einem hermetisch anmutendem Turm, im Rondell an der Schlagd mit dem Titel "Second Life, Allegorien und Archetypen" ausgestellt. Die Gestaltung folgt grundsätzlich dem Marseiller Tarot, der im 18. Jahrhundert europaweit bekannt wurde. Die Figuren daraus, die Päpstin, der Tod, der Magier, der Turm, die Welt usw., werden kommentiert, paraphrasiert und weitergelenkt mithilfe Dossis eigenem über die Jahre erworbenen Zeichensystem: Symmetrische Körper, Automatisches Zeichnen, Strudel, Abgründe und Himmelsfahrten. Statt Zahlen verwendet Dossi sehr körperliche Punkte, Kugeln wie mesmerische Kraftzentren. Die Bilder sind in den Leuchtkästen übereinander gelegt im Wechsel von transparent und opak. Die Gesichter des Marseiller Tarots raunen Alter in leichter Verblichenheit. In vertikaler und horizontaler Anordnung und in Triaden angeordnet, ermuntern die Bild-Meditationen zur Kombination wie beim Karten legen. In den Kästen, in denen die Bildelemente wie Prospekte eingeschoben scheinen, wirkt jede Ausstellung wie der momentan erstarrte Moment eines Maschinentheaters. Oder eines Kaleidoskops des Trismegistos. Als Künstler-Magus, der linearen Chronologie kritisch gegenüberstehend, reizen Dossi Durchschüsse durch die offiziellen Sedimente der Geschichte. In den Neuplatonikern Marsilio Ficino und Pico de Mirandola, führenden Köpfen der Renaissance im 15. Jahrhundert, in Diensten der Medici, entdeckt er den Umgang mit den Archetypen des urzeitlichen Corpus Hermeticum.

2nd life (2011) Kassel. Foto: Ugo Dossi

Das Werk des mythischen Demiurgen Hermes Trismegistos hat Ficino gegen 1463 übersetzt, nachdem es aus Byzanz, das an die Osmanen verloren gegangen war, nach Italien heraus gekommen war. Ficino hat auch mehrere Werke Platons übersetzt wie den Phaidros und das Gastmahl oder Trinkgelage des Trimalchio. Der Liebes-Dualismus Platons wird bei Ficino und später Giordano Bruno erweitert zu einer erotologischen Tiefenpsychologie des Universums. Aber die Einflüsse des Corpus Hermeticum und des kosmopolitisch gefärbten Neuplatonismus werden der Kirche gefährlich, mit der Verbrennung von Giordano Bruno am 17. Februar 1600 in Rom vollzieht die Kirche den höchstmöglich brutalen Akt. Es ist die Hinrichtung des vielleicht größten Geistes der Renaissance. Im folgenden Chaos der Reformationskriege, schließlich des 30jährigen Krieges, gehen Gnostiker und Neuplatoniker in Deckung, tarnen sich. Gnostik verwildert ins Ekstatische, Sexualmagische. Die Verdunklung der ursprünglich universellen Geistigkeit nennt sich nun Okkultismus und wird gesellschaftlich attraktiv im Salon der Madame Blavatsky im Paris des 19. Jahrhunderts. Es entstehen Geheimgesellschaften, Rosenkreutzer, Freimaurer, verschiedene OTO's (Ordo Templis Orientalis) und führen in ein 20. Jahrhundert des "Tu was du willst, sei das einzige Gesetz". - Ein langer Weg vom Spiritualismus der Spätantike zur Sexualmagie und zum Sadismus des selbsternannten Antichristen Aleister Crowley.

Burning Woman (2019) Botanikum. Foto: Ugo Dossi

Ugo Dossi kam 1996 als erster Künstler von der Praterinsel in den Kunstpark Ost, den KPO. Auf die Frage nach dem Grund für den Wechsel, sagte er, er wolle nicht als Spitzweg enden. Von dem neuen Gelände ging damals schon etwas aus, was man heute gewohnheitsmäßig mit dem unscharfen Begriff urban bezeichnet. (Man fragt sich nur, wann sich die Stadtwerke in Urbanwerke umtaufen.) Wir haben uns jedenfalls schnell angefreundet, meine Besuche in seinem großen Atelier im alten WERK3 wurden immer zu einem großen Vergnügen: Hier atmete man die Freiheit der Kreativität, geschöpft aus einem Pool von Szientismus, Mystizismus, Theologie, Philosophie und Kosmologie. Großformatige Arbeiten aus einer Serie Automatisches Zeichnen standen dort neben düster faradayischen Röhrengebilden, mesmerischen Apparaten nach Franz Anton Mesmer, dem heute teilweise rehabilitierter Begründer des Animalischen Magnetismus. Das Automatische Zeichnen Ugo Dossis steht in der Tradition der Écriture automatique", einer psychotherapeutischen Methode unter Hypnose, die Kontrollen und Blockaden des Ichs zu überwinden. In den 1920er Jahren experimentierten Surrealisten um André Breton und Philippe Soupault mit dieser Methode. In Trance-Seancen entstehen bei Dossi mit einem speziell kugelgelagerten Stift so zarte Figuren und Bewegungen, die eine Fülle von Assoziationen bereit halten. Die neuen Arbeiten sind von einer herrlich neuronal-kosmischen Eleganz.

Oracle Februar 2019. Foto: Ugo Dossi

Sie sind als ORAcles als monatliche Orakel auch auf Instagramm zu sehen. Bei all dem Vergnügen angesichts der dekadenten Absonderlichkeiten okkulter Prominenter, Hochstapler und alchemistischer Roßtäuscher, namens Graf von St. Germain, dem Unsterblichen, Casanova oder Cagliostro, der adligen Schickeria der Grausamen um den Marquis de Sade - steht Ugo Dossi im Mittelpunkt eines Schaffens, den Bogen erneut zu spannen von einem Meister Eckart, Marsilio Ficino, einem Giordano Bruno, ihrer Universalität zu den Fragen der Astrophysik im Lichte von Geist und Materie. William Blake: “If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite."

Tipps:

http://ugo-dossi.com

https://www.instagram.com/ugo_dossi_oracle

https://www.werksviertel-mitte.de/2018/11/16/homegrown-3-in-der-whitebox/

 

Veröffentlicht am: 24.10.2019

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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