Ballett "À Jour" im Prinzregententheater

Der Tod in Verkleidung

von Isabel Winklbauer

Wohin geht die Reise? Nijinskys ist vorüber, Polunin überlegt noch. Foto: S. Gherciu

Im Rahmen der Opernfestspiele feierte das Stück "Sacré" mit Sergei Polunin seine Deutschlandpremiere. Das Solo kreierte ihm Yuka Oishi auf den Leib – es bildete den soliden Mittelpunkt des dreiteiligen Abends "À Jour", der ganz der zeitgenössischen Choreografie gewidmet ist. Die Palme des Abends ging jedoch an Andrey Kaydanowskiy, der mit "Cecil Hotel" einen Volltreffer landete.

Um gleich die Hauptfrage zu klären: Polunins Putin-Tattoo war nicht zu sehen, er trug ein schwarzes T-Shirt. Ein neutrales Kostüm war auch angebracht, denn "Sacré" dreht sich um den Tänzer Vaslav Nijinsky. Nijinsky war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Star der Ballets Russes, er gilt heute noch als Genie in Sprunggeschick und Ausdruck, ein Jahrhunderttänzer. Er lieferte 1913 selbst eine Choreografie zu Strawinskys "Le Sacre du Printemps", die, ihrer Zeit voraus, jedoch als Skandal aufgenommen wurde. Gegen Ende seiner Karriere an Schizophrenie erkrankt, durchlitt er schreckliche emotionale Höhen und Tiefen. Die Tragik seines Lebens symbolisiert Oishi in einem Blätterkreis, unter dem im Lauf des Stücks ein verborgenes Seil zum Vorschein kommt – ein Gefängnis, das Polunin-Nijinsky nur einmal betritt und aus dem er nicht wieder entkommt.

Sergei Polunin in Sprung-Action. Foto: S. Gherciu

Voller Zitate ist Oishis Kreation. Man sieht die Hände aus Nijinskys Erfolg "L'Après-midi d'un faune", die Blumenszene aus "Giselle" und noch weitere Monumente der Tanzhistorie. Polunin interpretiert sie perfekt, wie überhaupt die klassische Technik im ersten Teil. Seine Jetés beherrscht er, Nijinsky würdig, in Zeitlupe, seine rasend schnellen Tendus versetzen Ballettschüler im Publikum in Begeisterung. Hingabe an den Tanz ist hier zu sehen, aber auch Überdruss und Verzweiflung. Und so windet sich der Protagonist im zweiten Teil wie gefoltert auf dem Boden. Erst jetzt entdeckt er sein Schicksal unter den Blättern und verfällt in wahnsinnige Versuche, mit oder ohne diesem Strick zu leben ... Die Abstraktion ist naiv, aber eben auch eingängig.

So ganz in Jahrhundertform schien Polunin aber nicht zu sein. Man hat ihn schon kraftvoller gesehen. Was jedoch beeindruckte, war seine Emotionalität. In klassischen Stücken als Solor oder Siegfried ist er manchmal etwas kühl, spielt sein Programm herausragend, aber innerlich unbeteiligt herunter. Hier nun war der komplette Sergei Polunin auf der Bühne, mit Hoffnung, Melancholie und Schrecken im Gesicht, und auch mit seinem strahlenden Jungen-Lachen, das man seinen ernsten Zügen erst gar nicht zutraut. Er ist voll bei der Sache in "Sacré". Was natürlich einen Grund hat: Man kann das Ganze auch als Polunins eigene Geschichte betrachten. Der Startänzer haderte in seinem Leben schon öfter damit, dass er nie die Wahl hatte, ob er überhaupt klassischer Ballettänzer sein will. Schon öfter äußerte er sich negativ über den klassischen Tanz, schmiss seine Stelle als Erster Solist am Royal Ballet hin, bezeugte aber auch immer wieder unendliche Dankbarkeit seiner Familie gegenüber, die sich für sein riesiges Talent und seine Karriere aufopferte. Sein ihn für immer umgebendes Seil ist vielleicht der Tanz. Mit einem dramatisch verstrickten Sprung, danach einer glücklichen Miene beim Verbeugen, entlässt er das Publikum in die Pause.

Henry Grey und Kristina Lind im Todes-Pas-de-deux. Foto: S. Gherciu

Niemand hat es vorher verraten, aber eigentlich drehen sich alle Stücke in "À Jour" um Tod und Untergang. Es beginnt schon mit Edwaard Liangs "Der Tod und das Mädchen". Zur Musik von Franz Schubert verführt Solist Henry Grey die zwei (!) Damen Prisca Zeisel und Kristina Lind. Das Stück setzt dort an, wo Matthias Claudius' Gedicht, das den Komponisten inspirierte, endet: dort, wo das Mädchen den Widerstand aufgibt und sich hingibt. Die beiden Tänzerinnen lassen sich recht willig führen, biegen und heben, treten bereitwillig in den Dialog mit dem Mann in Schwarz. Sogar ein kleines Corps de Ballet haben sie hinter sich, das sie aber nur halbherzig im Leben hält, sondern eher durch Hebungen und Armgriffe dem "Knochenmann" (der bei Liang doch sehr attraktiv ist) zuspielt. Nicht nur dies, auch die schwarzen Pagenköpfe der Mädchen und das schwarze Brustgeschirr des Tods lassen ein wenig an die Grauzonen der Erotik denken, in denen die Freude an Zwang und Unterwerfung regieren.

Elisa (Séverine Ferrolier) stirbt unter Wasser. Foto: S. Gherciu

In "Cecil Hotel" schließlich taucht Choreograf Andrey Kaydanowskiy tief ein in die Geschichte des gleichnamigen Hotels in Los Angeles. Das Haus ist durch Mordfälle in Verruf gekommen, und diese sehen die Zuschauer in Rückblenden voller schwarzem Humor. Ein Mädchen (geschockt vom eigenen Schicksal: Séverine Ferrolier) wird ertränkt und gesellt sich als "Neue" in einen furchtbaren Geisterreigen: Ein Serienmörder (Jinhao Zhang) schleift für immer sein Opfer (Carollina de Souza Bastos) im Teppich durch die Gänge, ein Perverser (Jonah Cook) ersticht und entsorgt auf dem Frühstückswagen bis in alle Ewigkeit eine Prostituierte (Ksenia Ryzhkova), ein Selbstmörder (Robin Strona) setzt zum hunderttausendsten Mal seinen Messerstich daneben und stürzt aus dem Fenster. Das alles geschieht in expressionistischen Choreografien mit viel verquerer Bodenarbeit und hohen Arabesken, Kaydanowskiy lässt keine Zweifel aufkommen dass hier ein Haufen kranker Seelen versammelt ist.

Jack (Jonah Cook) nimmt die Bordsteinschwalbe (Ksenia Ryzhkova) ins Mordvisier. Foto: S. Gherciu

Doch das Stück besticht auch durch Bühne (Karoline Hogl), Beleuchtung (Christian Kass) sowie die Perspektivenwechsel und Schockeffekte, die dadurch möglich sind. Urplötzlich steht die Ertränkte hinter einer Tür, die die ganze Zeit geöffnet war und jetzt geschlossen wird, unerwartet fällt jemand mit einem Schrei am Fenster vorbei – das Blut gefriert einem in den Adern. 2010 versuchte unter Ivan Liska schon einmal der Choreograf Terence Kohler etwas Ähnliches, er brachte, ebenfalls recht packend, die Krimi-Geistergeschichte "Série Noire" auf die Bühne des Prinzregententheaters. War dies damals der sanfte Horror, so lieferte Kaydanowskiy nun den köstlichen Terror – der jetzigen Zeit angemessen, die so viel Spaß an mit Humor garnierter Gewaltpornografie hat.

So spannend kann also ein dreiteiliger Abend über den Tod sein. Hätte man ihn als solchen angekündigt, wäre wahrscheinlich niemand gekommen. Nennt man es harmlos "À Jour", erlebt ein ausverkauftes Haus einen der besten Abende der Spielzeit.

 

Veröffentlicht am: 03.07.2019

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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