Balanchines "Jewels" am Bayerischen Staatsballett

Rubinrote Schönheit

von Isabel Winklbauer

Petipa-Reigen in glitzerndem Weiß: "Diamonds". Foto: Wilfried Hösl

Es war Historie zum Anfassen, als Patricia Neary und Elyse Borne auf die Bühne des Nationaltheaters traten. Die beiden Ballerinen hatten mit dem Bayerischen Staatsballett "Jewels" einstudiert, den berühmten dreiaktigen Abendfüller von George Balanchine, und nahmen mit modestem Frohsinn ihren Applaus entgegen. Neary zählte 1967 zur Uraufführungsbesetzung, und auch Borne ist eines dieser langbeinigen Balanchine-Geschöpfe, sie tanzte 13 Jahre lang am New York City Ballet und kennt das Repertoire von Mister B in und auswendig. Nach "Spartakus" bringt Ballettchef Igor Zelensky damit einen weiteren Welthit an die Isar – der allerdings auch ein Stück weit ein Schinken ist.

Pridca Zeisel, von Herren umringt, in "Rubies". Foto: W. Hösl

In drei Teile hat George Balanchine sein Werk geteilt, "Emeralds", "Rubies" und "Diamonds". Sie stehen für das französische, das amerikanische und das russische Ballett. Wobei der Zuschauer nicht den Fehler machen darf, Authentizität zu erwarten. Alle drei sind im Wesen amerikanisch, und deshalb ist auch "Rubies" seit jeher der erfolgreichste, weil ehrlichste Teil des Balletts.

In München tanzen das Rubies-Hauptpaar die neue Solistin Nancy Osbaldeston (sie kam vom Royal Ballet of Flanders nach München) und Osiel Gouneo: schnell, provokativ und strahlend fegen sie über die Bühne, wie feierwütige Schauspieler in einer Nacht am Broadway. Hier kommen die Hüften zum Einsatz! Sie wogen und schubsen, und immer landen die Damen im Kontrapost. Da hat Balanchine das klassische Ballett wirklich bereichert, was ist eigentlich mit den Hüften von Raymonda und Medora los? Die Ports-de-bras der roten Mädchen und Jungs sind erfrischend anders, oft sieht man Osbaldeston mit Katzenpfötchen, auch in der Pirouette. Charakteristisch ist die Angriffs-Arabeske nach vorne, natürlich so hoch, dass man den Himmel nicht mehr sieht vor Beinen. Prisca Zeisel, die in "Rubies" die Solorolle tanzt, macht das souverän und mit funkelnden Augen. Ganz klar, diese Art Frau regiert die Welt. Ihr Lächeln ist gleichzeitig spöttisch und bezaubernd, ihre Landungen atemberaubend, Mister B hat auf seiner Wolke gewiss Fieber bekommen. Diese Choreografie, in der sich Ballett und Erotik verbinden, ist etwas Besonderes. Es ist fast ein Wunder, dass sie im Weltdorf mit Herz angekommen ist, denkt man an den komplizierten Balanchine-Trust, nach dessen Bedingungen inszeniert werden muss (und den Zelensky anscheinend bändigen kann).

Romantik als reine Formsache: "Emeralds". Foto: W. Hösl

Auch Bühne und Kostüme haben Hüften. Die Originalentwürfe von Peter Harvey und Karinska wirken erstaunlich launig und frisch, wie eine glückliche Neuschöpfung im Zug der Retrowelle. Glitzernde Juwelenketten hängen von der Decke, die "Rubies"-Kostüme leuchten in den vier verschiedenen Rottönen Blutrot, Burgunderrot, dunklem Rosenrot und schließlich Rubinrot, das hemmungslos auf den Rockzipfeln, Dekolletés und Peplums der Herren glitzert. In Grün und Weiß sieht es nicht ärmer aus, und das ist wunderbar. Bald ist schließlich Weihnachten, also her mit dem Pomp!

Ksenia Ryzhkova, ein Feuerwerk an himmlischer Eleganz. Foto: W. Hösl

Doch zu "Emeralds" und "Diamonds". "Emeralds" ist ein Augenschmaus für alle, die Giselle, die Sylphiden und die endlosen Arabesken und Penchés aus dem Zeitalter Théophile Gautiers und Carlotta Grisis lieben. Die nur die Arabesken und Penchés lieben. Denn die Abwesenheit von Handlung lässt in Balanchines Stück nur ein eitles Schauspiel übrig. Was bewirken die herrlichsten Formationen von grün glänzenden Elfen, die strahlend in sich ruhende Prisca Zeisel, die ätherische Jeannette Kakareka mit ihren gedankenvollen Developés bis zum Mond, wenn keine Hindernisse, keine menschlichen Abgründe überwunden werden wollen? Schlimmer: Was bedeutet ein Fest der kunstvollsten Raumgestaltung, der wundervollsten Reigen von Tütüs in allen weißen Glitzertönen der Erde, wenn es nicht das glückliche Ende einer Erzählung ist? "Diamonds" ist nichts als eine Fälschung. Wenn auch eine ausgesprochen teure, schöne und von begnadeten Tänzern göttlichDargebotene.

Man muss "Jewels" also nicht gesehen haben. Denn vieles daran ist technisch nicht einmal überragender Ballettkitsch. Andererseits muss man "Jewels" gesehen haben. Denn es ist pure Schönheit. Wer ohne Erhabenheit leben kann, den hebt es zusammen mit dem Staatsballett in den siebten Balletthimmel.

Die einen Zuschauer lachten das Stück also aus, die anderen verschwanden schnell mit gelangweiltem Gesicht, wieder andere applaudierten tief bewegt, begeistert von der Kunst "ihrer" Tänzer oder zumindest wohlwollend für die geliebte und mit diesem Werk so reich beschenkte Kompanie. Die Reaktionen am Premierenabend waren ganz entschieden geteilt.

Veröffentlicht am: 29.10.2018

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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