Zum Roman "Der Weg nach Repente" von Jürgen Drews

Staatsgewalt auf dem Olymp

von Isabel Winklbauer

Autor Jürgen Drews. Foto: Isabel Winklbauer

Autor Jürgen Drews (85) heißt wie der Schlagersänger, ist aber Professor der Medizin und verbrachte sein Leben als Forschungsleiter in der Pharmaindustrie. Drews weigert sich, Enthüllungsromane über seine Branche zu schreiben. Spannend ist sein aktueller Roman trotzdem. „Der Weg nach Repente“ schildert die gescheiterte Flucht und Rache eines DDR-Bürgers mit einer psychologischen Genauigkeit, die gerade DDR-Ignoranten fesseln sollte.

Die DDR, was war das schon für ein altmodischer Mief-Staat… Der Leser erfährt es klar und deutlich an der Seite von Hauptfigur Bernhard Mohr: eine Macht, die Menschen gegen Menschen aufhetzte und sich tief ins Leben ihrer Bürger hineinwühlte. Mohrs Maulwurf, unter dem er seit seiner Jugend leidet, ist der Funktionär Norbert Elze. Der Stasi-Spitzel macht ihm Ärger beim Schuldirektor, schwärzt ihn an, weil er nicht zur Wahl geht, versucht, ihm sein Chemie-Studium zu vermiesen und steht natürlich an erster Stelle, als Mohr und seine Familie 1983 in den Westen fliehen wollen. Er bringt Mohr ins Gefängnis, verordnet ihm Einzelhaft und Folter, steckt seine Kinder in ein Umerziehungsheim, zerstört mit Psychotricks seine Ehe und schleicht sich als Gönner bei der übrig gebliebenen Ehefrau ein. Doch die Wende kommt, Mohr beginnt ein neues Leben in Heidelberg. Eines Tages begegnet ihm dort Elze wieder, der eine neue Identität angenommen hat – und er schwört Rache.

"Abendstimmung am Schlachtensee" von Walter Leistikow. Hier spielt der Showdown. Foto: Wikimedia Commons

Warum haben alle mitgemacht, warum seid ihr nicht früher auf die Straße, warum seid ihr den Spitzeln auf den Leim gegangen? Drews erzählt die Geschichte seines Protagonisten aus mehreren Perspektiven, um die Wirkmechanismen des real (nicht) existierenden Sozialismus nachzuzeichnen. Wer sich fragt, wie Mohrs Frau, die Medizinerin Katharina, bloß Elze Eintritt in ihr Leben gewähren kann, erhält die Antwort: Sie ist schlicht und einfach einsam, von der Stasi isoliert und der Kinder beraubt. Eine Art Stockholm-Syndrom gegenüber Elze und seinem System ergreift sie, und man fragt sich, ob es nicht vielleicht damals dem ganzen Land so ergangen ist, das ja mit einer Mauer unter Arrest gestellt und durch staatliche Überwachung seiner Privatsphäre beraubt wurde.

Aber auch Elzes Geschichte wird erzählt. Sein mieses Verhalten ist nicht angeboren, es resultiert aus sich ständig reproduzierendem Unrecht. Zuneigung erwächst daraus nicht, aber immerhin Verständnis. Und so entwickelt sich der Showdown im Ost-Örtchen Repente, einem einsamen Jagdrevier, gar nicht so unspannend. Vergeben oder vernichten heißt die Frage für Mohr – Drews beantwortet sie mit klassischer Eleganz.

Manchmal wirkt der DDR-Mief ein bisschen skurril. Die Namen der Kinder, Achim und Konstanze, oder Sätze wie „Diese Frau hatte Klasse“ könnte sich kein Autor unter 70 ausdenken. Oder die Liebe: Mohr und Katharina kommen sich näher, weil er ihr im Studium alles erklärt, was sie nicht kapiert, worauf sie sich ihm aus Dankbarkeit verschreibt. Gleichzeitig eröffnet dieser Duktus, diese Sicht der Dinge, aber natürlich das Tor in die Vergangenheit. Abgesehen davon geht Drews mit der deutschen Sprache exzellent um. Seine Dialoge sind das Ergebnis von lebenslangem Beobachten und Zuhören. „Ich sehe, fünf Jahre im Kapitalismus gehen nicht spurlos an einem Menschen vorüber“, giftet Katharina beim Wiedersehen nach dem Mauerfall Mohr an. „Du vergisst die Untersuchungshaft, die Folter, meine Liebe, das Zuchthaus, alles Original-DDR“, kontert der. Diese Opfer, die streiten wie griechische Götter, sind schon eine Show.

Dass Jürgen Drews, der seinen Ruhestand in der Schweiz und in Feldafing genießt, immer wieder politische Themen wählt, ist zu begrüßen. Es erzählen in Deutschland viel zu wenige Männer mit Verve und Anstand aus den letzten 60 Jahren. Vielleicht kommt in Drews ja eines Tages doch noch das Verlangen auf, das Oeuvre zu vervollständigen und eine Erzählung aus der Pharmaforschung zu liefern.

Anm.d.Red. (7.10.18, 20.30 Uhr): Die Bildzeile "Abendstimmung" wurde korrigiert.

Veröffentlicht am: 05.10.2018

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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