Neo Rauch und Rosa Loy erzählen Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen dunkel-romantisch

Das Märchen vom Ritter Blaumann

von Christa Sigg

Piotr Beczala als Lohengrin. Foto: Enrico Nawrath

Blau ist die Sehnsucht. Und irgendwie haben sie alle Sehnsucht in diesem „Lohengrin“: Elsa will aus ihrer misslich engen Rolle ausbrechen und braucht auch noch dringend einen Retter, der sie vom Verdacht des Brudermords befreit. Ihre Gegenspieler Ortrud und Telramund gieren nach Macht und würden es sich so gerne auf dem Brabanter Thron bequem machen. Der Titelheld aber verzehrt sich förmlich nach einem „süßen Weib“, an dessen Seite er sich ein Jahr lang vom keuschen Gralsjob erholen könnte.

Und überhaupt ist Richard Wagners Musik ein einziges Sehnen, schon Friedrich Nietzsche war der Meinung, sie sei „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“. Das beginnt gleich mit dem himmelblauen A-Dur des Vorspiels.

Wenn das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy die Bayreuther Festspielbühne also in kühles Blau taucht, dann ergibt das in mehrerlei Hinsicht Sinn. Und so genau weiß man ja auch nicht, wer hier schlechterdings die Lichtgestalt ist in diesem Taumel zwischen (Alb)Traum und Wirklichkeit, niederländischer Gildenwelt und Gründerzeitaufbruch. Sicher ist nur, dass das alte Brabant mit seinen mottenhaft beflügelten Bewohnern ziemlich erstarrt ist und mehr noch der Erlösung bedarf als die gar nicht so hilflose Elsa. Ein Energiewerker kommt da gerade recht, also funkt Lohengrin bald dazwischen und bringt die Leitungen im nostalgischen Umspannwerk zum zeitweisen Glühen.

Im Blaumann mit Blitz statt Schwert ist er in seinem Stromerelement und schaut dabei aus, als sei er dem Ufa-Klassiker „Wir drei von der Tankstelle“ enthüpft. Mit der Dynamik ist es dann aber doch nicht weit her in dieser überdimensionalen Nachtwache, die sich zwischendurch zum mysteriös-romantischen See- und Küstenstück wandelt – passend dazu steht die Malerstaffelei am Bühnenrand. Seelenlandschaften breiten sich hier aus, für den theatralischen Feuerzauber ist Neo Rauch jedenfalls mit seiner van Dyckschen Noblesse und der Tendenz zur Innerlichkeit nicht zu haben.

Yuval Sharon, der an Stelle des vor zwei Jahren abgesprungenen Alvis Hermanis die Regie übernommen hat, wollte das allzu schöne Gemälde auf keinen Fall stören und es gleich noch allen recht machen. Der Musik natürlich, deshalb dürfen sich die Sänger auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Lohengrin und Telramund werden beim ungewollt komisch geratenen Schwertkampf in der Luft – Luke Skywalker trifft auf Karlson vom Dach – sogar gedoubelt. Deshalb geht keinem so schnell die Puste aus, am wenigsten Bassbariton Tomasz Konieczny, der aufdreht, als müsse er das Haus mit seinen gepressten Tönen mindestens dreimal füllen. Da hat dann selbst seine Anstachlerin Ortrud ihre liebe Not. Doch Waltraud Meier, die es nach 18 Jahren Hügel-Absenz noch einmal wissen will, ist klug genug, jedes Wetteifern zu vermeiden.

Man hätte sich eine dämonischere Strippenzieherin gewünscht, dafür auch ein paar Schräglagen in Kauf genommen, aber im steifen Kragen gilt es durchzuhalten. Und der August ist lang. Dass es der letzte Bayreuther Sommer dieser einst so sensationellen Kundry sein wird, treibt das Publikum zu berührenden Begeisterungsstürmen für ein außergewöhnliches Lebenswerk. Und ihr sanft-mädchenhaftes Gegenüber? Ist eine Frau, die manches hinter sich hat und so gar nicht das vom Ritter verzückte Hascherl gibt.

Ganz im Gegenteil. Anja Harteros‘ Elsa geht mit beträchtlichem Widerstand in diese Ehe, von Dankbarkeit keine Spur. Deshalb muss Lohengrin sie im Brautgemach dann auch an die Leine, sprich: ans Kabel nehmen. Doch das hilft alles nichts, die bibliophile Dame drängt nach Aufklärung im doppelten Wortsinn, mit einem Frageverbot braucht ihr dieser Zwangsgatte sowieso nicht zu kommen. Dass sich solche durchaus imponierende Härte auch auf Harteros‘ Stimme überträgt, ist bisweilen irritierend. Wenngleich die Sopranistin so überaus präzise und mit Bedacht gestaltet, hört man wenig vom samtigen Glanz, den sie sonst durch sämtliche Register leuchten lässt. Wobei der gefühlvoll strahlende Piotr Beczala als Lohengrin zwischendurch genauso an seine Grenzen stößt – bei aller Strahlkraft, durchsetzt mit einnehmender Wärme und diesem herrlichen Schuss Italianità im Timbre.

Die rekordverdächtigen Temperaturen mögen ihren Teil dazu beigetragen haben. Durchgehend auf hohem Niveau halten sich da nur Georg Zeppenfeld als König Heinrich, die eh unschlagbaren Chöre – und in jeder Hinsicht das Festspielorchester, das unten im Graben quasi in der Sauna sitzt. Wie es Christian Thielemann mit seinen Musikern gelingt, das Publikum über drei Aufzüge hinweg dauernd ins Elysium zu katapultieren, darf gerne sein Gralsgeheimnis bleiben. Es funktioniert ja, und besser denn je. Die lange Erfahrung mit Partitur und Akustik lässt ihn noch lässiger werden, die Musik entfaltet sich so organisch, so selbstverständlich, als könnte sie gar nicht anders gespielt werden. Und doch klingt dieser „Lohengrin“ mit seinen betörenden Vor- und Zwischenspielen immer wieder frappierend neu, entdeckt man noch im Spektrum orgiastischer Farbenfülle Schattierungen, die subtil das missliche Ende einer unmöglichen Beziehung ankündigen.

Wer genau zuhört, wundert sich über gar nichts. Selbst das aufgekratzte Orange, das die nie so recht gelingende Szene der Hochzeitsnacht dominiert und schließlich ins Kostüm einer über ihre Bestimmung weit hinausgewachsenen Elsa übergeht, ist, wenn man so will, in den Noten angelegt. Der überholte Traum muss platzen, will diese Frau nicht im Schlepptau verkommen. Nur das grasgrüne Ampelmännchen Gottfried, das als neuer Herzog von Brabant in eine dubiose Regierungsrealität marschiert, kommt wie ein vergeigter Gag daher. Aber Märchen müssen ja nicht unbedingt aufgehen. Und zu viel grell vernünftiges Licht vertragen sie auch nicht.

„Lohengrin“, 29. Juli, 2., 6. und 10. August 2018, www.bayreuther-festspiele.de.

Veröffentlicht am: 07.08.2018

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