Willi Achtens Roman "Nichts bleibt"

Duell der Widrigkeiten und Widerlinge

von Isabel Winklbauer

"Nichts bleibt" ist im Februar 2017 erschienen. Autor Achten, ein Rheinländer, lebt im niederländischen Vaals. Foto: Pendragon

375 Seiten über Gewalt und menschliches Leid zu schreiben ist mutig. Insofern ist Willi Achtens Roman „Nichts bleibt“ eine Besonderheit in der Belletristik-Landschaft. Aus allen Richtungen stürzen Krieg, Aggression und sinnloses Walten roher Kräfte auf die Hauptfigur, den Fotografen Franz Mathys, ein. Als Lösung bietet der Autor ein Dilemma: Rache oder Wahnsinn. Erstaunlicherweise macht die Lektüre Spaß.

Unbekannte Täter quälen eines Nachts den Nachbarshund zu Tode und prügeln nebenbei auch noch Franz Mathys‘ Vater ins Koma. Von dem Moment an bricht dessen Welt zusammen. Schließlich ist er durch die Grausamkeit von Mensch und Natur bereits ausreichend traumatisiert. Aus dem Jugoslawienkrieg hat er von Folter und Massentötungen berichtet, eine Arbeit, die seine erste Ehe zerstört hat und ihn mit dem Sohn sowie seinem Vater in ein abgelegenes Haus im Wald getrieben hat. Eine Zeit lang funktioniert das Naturidyll gut, sogar eine neue Liebe kommt in Mathys‘ Leben. Doch Krankheit und ein schrecklicher Unfall stürzen die zerbrechliche Männerfamilie in neues Unglück. Der Angriff der Tierquäler auf den Vater ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Mathys schwenkt um vom gesunden Menschenverstand zu quälender Vergeltungssucht. Bosnische Kriegsverbrecher kamen davon, die Natur entzieht sich – doch nun sollen die Täter büßen.

Es ist Willi Achtens Erzählweise, die die tragische Geschichte zu etwas Größerem macht. Der Autor arbeitet fast ganz ohne den schonenden Mantel des Schweigens, er taucht ein in jeden Moment des Schmerzes und des Sterbens. Dies tut er jedoch auf verwirrend elegante Art. Es gibt kein überflüssiges Blut, keine Hysterie. Achtens Sprache ist geprägt von Respekt, geht immer vom Empfinden aus, nicht vom Effekt. „Vater hatte die Augen geschlossen“, schreibt er. „Sein Kopf lag in den Kissen. Sie hatten sein Haar gekämmt. Vater schlief auf dem Rücken, und ich ahnte, dass er sich niemals wieder aus eigener Kraft würde auf die Seite drehen können, nachts, wenn er erwachte, wenn er den Drang verspürte, die Liegeposition zu wechseln, so dass ihm auch noch das letzte geraubt würde, was ihm als Fluchtpunkt blieb: der Schlaf. In den man versinkt, der die Zeit von einem nimmt. Wer schlafen will, muss die Position wechseln können.“ Achtsamer Naturalismus kreiert schreckliche Situationen, nicht das Beklagen.

Es kann passieren, dass man einen zugefrorenen See niederbrennen muss, lernt der Leser. Foto: Pixabay

Manchmal wirkt die Handlung merkwürdig zusammengewürfelt. Erinnerungen an den Krieg schwirren wild durcheinander mit Liebesszenen in wilder Natur, man trifft Flugtaubenzüchter und exaltierte Leute aus der Kunst-Bloggerszene, eitle Landbarone und erstaunlich wenig moralisch integre Frauen. Und letztere machen die Welt nicht rücksichtsvoller. Aber warum auch nicht. Ein reales Menschenleben übertrifft solche Fiktion ja stets ums Vielfache. Vergleicht man „Nichts bleibt“ mit Schicksalen aus dem eigenen Umfeld, oder nur mit dem der eigenen Großeltern, so ist Mathys‘ Geschichte zwar reich beschrieben, doch überschaubar.

Mathys findet die Täter, die seinen Vater auf dem Gewissen haben. Es sind schlicht und einfach Widerlinge, von der Art, bei der man den Hinweis auf eine schwere Kindheit oder Unzurechnungsfähigkeit am liebsten mit einem Fausthieb quittieren würde. In einem surrealen Showdown opfert Mathys die missratenen Charaktere seinem anderen großen Gegner, den er nie besiegen wird – der Natur. Mathys führt sie direkt in den Schlund, sie werden praktisch von ihresgleichen vernichtet.

Doch passiert das alles auch wirklich? Mathys ist denen, die bisher sein Leben ausmachten, schon längst entfremdet, und vielleicht hat er ja auch den Bezug zur Realität verloren. Letztlich bleibt es die Entscheidung des Lesers, ob er den Protagonisten als edlen Rächer im Dienst des Vaters sehen will oder als einen nach zu vielen Gewalterfahrungen selbst dem Wahnsinn verfallenen Mörder. Es ist immer beides möglich.

„Nichts bleibt“ ist ein Krimi, ein Psychogramm und ein Porträt der menschlichen Natur in Extremsituationen. Das Buch liest sich schnell und ist doch ein sprachliches Mittel- bis Schwergewicht. Ein atmosphärisch eigenwilliges Werk, in das man trotz der Schwere der Thematik und trotz des leicht chaotischen Erzählgeflechts gerne eintaucht. Es trägt einen sicher bis zur Entscheidung auf dem Gipfel – und somit zur Entscheidung im eigenen Innern.

Willi Achten: „Nichts bleibt“. Pendragon Verlag 2017, 17 Euro.

Veröffentlicht am: 01.08.2017

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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