Zur Eröffnung der Dance-Biennale

Vor dem Tanz sind alle gleich unterschiedlich

von Isabel Winklbauer

Claudia Ortiz Arraiza und Ensemble in "BoD". Foto: Ray Demski

Zum ersten Mal präsentiert sich Richard Siegals Ballet of Difference dem großen Publikum: Mit dem Selbstporträt "BoD" sowie Szenen aus einem zukünftigen Stück über Chelsae Manning eröffnet er das Dance-Festival in der Muffathalle. Abgerundet durch das bereits existierende, aber transformierte "Pop HD" lässt der Liebling der Münchner Tanzszene einen nicht ganz fertigen, aber fantasievoll-dynamischen dreiteiligen Abend vom Stapel. "My Generation" heißt die Triple-Bill.

Die Zusammenstellung der Charaktere in Siegals neuer Kompanie ist schon eine Kreation für sich. Klassisch gebildete europäische Tänzer stehen neben New Yorker Individualisten, durchtrainierte Athletenkörper treffen auf ätherische Ballettstaturen und hie und da sogar auf ein Wohlstandsbäuchlein, Afrozöpfe fliegen neben blonden Kränzen und langen Irokesen nebst Undercut. Fast alle Hautfarben sind vertreten. Hier lebt auf attraktive Weise wirklich das Prinzip der "Difference". Wenn nur nicht manche mehr different wären als andere – Tänzerin Ebony Williams lässt sich im Programmheft als "Special Guest" aufführen. Was überhaupt nicht nötig wäre, die Afro-Amerikanerin fällt auf wie eine rosa Giraffe.

Matthew Rich (vorne), Ebony Williams, Yvonne Compana Martos und Joaquim de Santana (v.l.) in "Pop HD". Foto: Ray Demski

In "BoD" schwirren die Tänzer wie schöne Insekten herum und präsentieren sich einer nach dem anderen in dekorativen Posen. Zu den ausgesucht feinen Beats von DJ Haram postieren sich manche mit indischem Krishna-Port-de-bras, andere mit den griechisch gewinkelten Armen der Ballets Russes, und alle mit einer riesigen Freude am Tanz. Siegals choreografische Ideen sind so aufregend wie humorvoll. Die Zuschauer erleben eine Kanonade an nie gesehenen Hebungen. Vom Boden in die Lüfte wirbeln die Protagonisten, sie drehen ihre Beine wie Uhrzeiger, zeigen Pirouetten auf den Knien. Ein anderes mal schnappen die Herren die Damen mitten im Libellenflug weg und rasen mit ihnen davon, ein wundervoller, verspielter Einfall. Dazwischen gibt es immer wieder die klassische Tendu-Pose aus der "Mitte" des Ballettsaals, dazu kokettes Hüftwiegen oder Anklänge an den Bollywood-Tanz.

Und man muss es bemerken, noch eine weitere Tänzerin ist ganz besonders "different": Margarida Neto, vormals im Bayerischen Staatsballett II, besitzt einen Körper, als wäre sie gerade dem Balletthimmel entstiegen und setzt diesen auch mit Feuer in der Seele und Blingbling in der Attitüde ein. Sie ist der zentrale Charakter des Stücks, das sie zuletzt mit wilden Basta-Gesten beendet.

Insgesamt ist die Mischung wild und anspruchsvoll bis zum Umfallen – weswegen auch die zu kurze Probenzeit erkennbar ist. So manche Hebung wirkt noch wie ein Stunt, dabei soll doch alles leicht aussehen. Aber wieso soll ein Ballett nicht beim Publikum reifen, Tablet-PCs und Betriebssysteme tun das ja auch.

Diego Tortelli und Navarra Novy Williams in den "Chelsea Manning"-Fragmenten. Foto: Ray Demski

Die Fragmente des zukünftigen Chelsea-Manning-Stücks sind wesentlich schwieriger zu durchschauen. Eine göttinnengleiche Frau (charakterstark: Navarra Novy Williams), ein Mann (Diego Tortelli) und ein Überwesen (Joaquim de Santana) zeigen im traumhaften Reigen die inneren Konflike der berühmten Whistleblowerin. Diese war, bevor sie der Plattform Wikileaks Videos über Kriegsverbrechen der US-Streitkräfte zuspielte, ein Mann. Erst durch ihren Blow und während der anschließenden Inhaftierung bekannte sie sich zu ihrem wahren Geschlecht – ein Prozess, dessen inneren Vorgängen Siegal sich vorgenommen hat nachzugehen. Just in dem Pas de trois ist davon nicht viel klar zu erkennen. Dafür aber zu fühlen. Es ist eine emotionale Erzählung, keine lineare.

Generell vollführen im Ballet of Difference Männer und Frauen dieselben Bewegungen, es herrscht Geschlechtergerechtigkeit. Das ist gut zu erkennen in "BoD", wo die Herren Margarida Netos göttliche "Giselle"-Attituden aufgreifen. Aufblasbare Röcke oder Rockteile tragen sowieso alle. Im dritten Stück des Abends wiederum, in "Pop HD", bilden sich immer neue Gruppen und Paarungen, die nicht zwangsläufig aus Mann und Frau bestehen müssen – ebenso wie T-Shirts nicht zwangsläufig als Oberteil getragen werden müssen. Die bunten Sportklamotten hängen mit Halsausschnitt zwischen den Beinen nach unten, was besser aussieht als man denken mag.

Ebony Williams und Diego Tortelli in "Pop HD". Foto: Ray Demski

Ebony Williams hat hier nun ihren Auftritt. Ursprünglich hat Siegal "Pop HD" als "My Generation" für die New Yorker Cedar Lake Company geschrieben, die sich letztes Jahr auflöste und der Williams und weitere Mitglieder des Ballets of Difference angehörten. Jetzt hat er es neu arrangiert, wobei die große, athletische Solistin im Duett mit Joaquim de Santana perfekt den Geist der neuen Kompanie verkörpert.

Männer und Frauen sind gleich stark, egal in welchem Körper sie stecken. Alle Hautfarben und Haarlängen und Tanzausbildungen sind gleich stark, egal in welcher Kompanie sie vorher waren. Wenn diese Prinzipien zu neuen, ästhetischen und stabilen Formen finden, hat München vielleicht einen historischen Start erlebt.

Veröffentlicht am: 15.05.2017

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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