"Inszeniert" - Werke aus der Sammlung Goetz in der Kunsthalle

Es ist wirklich alles nur Theater

von Christa Sigg

Elmgreen & Dragset. Tala (2007) Foto: Christian Kaufmann. Rechte bei Elmgreen & Dragset. VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die Sammlung Goetz präsentiert sich: mitten in München und erstmals in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Spielend könnte man mit dieser Sammlung gleich mehrere Ausstellungen füllen. Hochkarätige dazu, Ingvild Goetz hat ihre Kollektion zeitgenössischer Kunst mit Bedacht und dem gewissen Riecher zusammengetragen. Seit ein paar Jahren zeigt sich das nicht mehr nur im eleganten Herzog & De Meuron-Quader in Oberföhring, den sie mit ihrer Mediensammlung 2013 dem Freistaat Bayern vermacht hat. Inzwischen kommen die Exponate auch zu den Leuten, sprich in gut frequentierte Museen quer durch Europa. Vor allem aber ins Haus der Kunst und die Pinakothek der Moderne.

Noch mehr Menschen dürfte die Sammlung jetzt allerdings bei einem Intermezzo in der Kunsthalle, mitten in der Münchner Fußgängerzone, erreichen. Zumal das Thema der (eigenen) Inszenierung so wichtig ist wie nie und sich durch alle Bereiche des Daseins frisst. Vom Modellieren des Körpers bis zum Workshop „Erfolgreich auftreten im Beruf“. Alles also eine Frage der Show? William Shakespeare würde das lapidar mit „yes“ beantworten, „die ganze Welt ist Bühne“, heißt es in „Wie es euch gefällt“. Und das hat niemals nur die Leute vom Theater umgetrieben. Schein und Sein, „Spektakel und Rollenspiel“ sind ein Dauermotiv der Kunst – erst recht in der Gegenwart.

Janet Cardiff & George Bures Miller, Playhouse 1997. Foto: Wilfried Petzi. Videoinstallation. Courtesy Sammlung Goetz.

Dass sich mit den fast 90 Werken von mehr als 20 Künstlern ein so breites Spektrum auftut, ist dann aber doch erstaunlich. Das reicht von den tiefgründigen Maskeraden der Gillian Wearing bis zu den begehbaren Theaterinstallationen des kanadischen Duos Janet Cardiff und George Bures Miller. Im Inneren eines mächtigen Sperrholzkastens öffnet sich ein Kino wie man es aus den 30er Jahren kennt. In typisch roten Plüschsesseln schaut man vom Balkon aus auf eine vermeintlich ferne Leinwand – Palladio hat’s in Vicenzas Teatro Olimpico auf der perspektivisch ausgetüftelten Bühne vorgemacht. Und zum wirren Krimi wird das Rundum-Erlebnis gleich mitgeliefert: Das Popcorn knackt, die Nachbarn flüstern („Hast Du den Herd ausgemacht?“ – Sekunden später brennt im Film ein Haus), und schwups ist man drin in diesem „Paradise Institute“ (2001), das den Mord auf Zelluloid am Ende in den Saal holt. Schließlich ist alles perfekt „arrangiert“ und unser Gehirn ein fabelhafter Komplize.

Denn das bastelt sich nonchalant den Rest dazu, sei es im Reich des „Lonely Vampire“ (2005), den Mike Kelley durch einen rotierenden Stuhl samt Umhang in Szene setzt. Oder vor den meist leeren Bühnen der Skandinavier Elmgreen & Dragset. Für Menschen mit reger Fantasie wäre das Go-Go-Girl fast greifbar, hätte die Reinigungsfachkraft nicht Eimer und Wischmopp auf dem Stangenpodest hinterlassen. Dafür ist schon von weitem klar, was die beiden Männer hinterm Vorhang eines Fotoautomaten treiben. Und fiel nicht bereits das erste Feinripp-Dessous auf den Boden?

Liebend gerne lassen wir uns etwas vormachen. Hans-Peter Feldmann greift das mit seinem grandios aufgeblasenen Schattentheater auf, dem nichts weiter zugrunde liegt als eine banale Nippes-Menagerie. Der megalomane Matthew Barney lässt sich dagegen nicht wirklich in die Karten schauen. Sein legendärer „Cremaster Zyklus“ aus den 90er Jahren – das Gesamtkunstwerk ist in voller, fast sechsstündiger Länge zu sehen! – bleibt so kryptisch wie eh und je. Sportliche Körper und Architektur, Autos und Sexualitätsfantasien, Kulturgeschichte und banale Warenwelt muss man erst einmal mit so viel geheimnisvollem Dräuen verbinden können, ohne dass einem die Luft ausgeht.

Mike Kelley, Lonely Vampire, 2005. Video-Installation. Courtesy Sammlung Goetz. Rechte bei Art, Mike Kelley Foundation of Arts, VAGA, New York. VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Anders schräg, verspielter und ohne Barneys maskulinen Anspruch, das Universum zu fassen, taucht Ulrike Ottinger in fremde Kulturen ein. Ihre Filmhelden sind Exzentriker, Außenseiter und körperlich auffällige Menschen. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, doch ihr „Kleines Welttheater in fünf Episoden“ (1981) ist eine faszinierend schrille Zeitreise, die einem ganz nebenbei den Voyeurismus austreibt.

Wobei das lustvolle Hingucken schon auch dazu gehört. Die sich selbst inszenierende Cindy Sherman blickt unter ihren aufwändigen Larven mindestens so genüsslich, ja hämisch zurück und serviert dabei eine bitterböse Rollen-Demontage. Fasching geht jedenfalls anders. Genauso kann sich vor den scheinbar harmlosen Puppenstuben-Arrangements ihrer Kollegin Laurie Simmons bald Beklemmung breit machen. Dafür wartet gegenüber wieder ziemlich Komisches in Form von Geburtstagstorten auf Beinen und einer herrlich amüsanten Meryl Streep, die sich mit einem Puppen-Lover durch die Herz-Schmerz-Kammern des Broadway-Musicals trällert („The Music of Regret“, 2006). Sich davon zu lösen, fällt tatsächlich schwer.

„Inszeniert! Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst“ bis 6. November 2016 in der Kunsthalle München, täglich von 10 bis 20 Uhr, Katalog (Hirmer) 19 Euro.

Veröffentlicht am: 13.10.2016

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Wolfgang Z. Keller
16.10.2016 22:18 Uhr

Habe auch diesen Artikel wieder mit großer Freude gelesen und wollte dann zum wiederholten Male (m)einem Obolus auf´s "Konto" zustimmen.

Das hat die letzten 2x nicht geklappt, und nun gibt´s nicht mal mehr einen Hinweis darauf.

Wie kömmt´s?

M.Grill
21.10.2016 10:28 Uhr

Lieber Herr Keller,

Laterpay ist derzeit aus technischen Gründen nicht geschaltet. Es geht darum, dass wir erst aufwändigere Modifikationen bei der Einbindung des Tools vornehmen müssen. Das wird einige Zeit dauern. Herzlichen Dank für Ihr Interesse! Beste Grüße, M. Grill, Red. KV

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