Die Kunsthalle München präsentiert den vergessenen Meister Joaquín Sorolla

Kosmos aus Licht

von Christa Sigg

Joaquín Sorolla. Trauriges Vermächtnis (1899) Öl auf Leinwand, 212 x 285 cm. Sammlung Bancaja Foundation

Es gibt Ausstellungen, wie jetzt in der Münchner Kunsthalle, die verlässt man beflügelt und betroffen zugleich. Betroffen von zwei, drei Bildern, die das Mitgefühl anstoßen, aber mehr noch von der Tatsache, dass mit Joaquín Sorolla (1863-1923) ein fabelhafter Maler einfach so aus dem Gedächtnis der europäischen Kunstgeschichte gerutscht ist.

Aus Spanien drang eh nur Vereinzeltes in den Norden. Größen wie Velázquez und Goya natürlich, ein bisschen Zurbarán und Murillos fragwürdig niedliche Straßenbuben. Picasso ließ sich sowieso von den Franzosen vereinnahmen – und hatte immerhin während der letzten zwanzig Lebensjahre Sorollas seinen Durchbruch. Aber so ist das mit neuen Superstrahlern, der Rest gerät in den Schatten. Wobei wir schon beim eigentlichen Thema sind. Denn wenn dieser Sorolla für etwas steht, dann ist es das Licht. Südliches Licht, das noch die bittersten Szenen aus ihrer bloßen Tristesse hebt und im Spiel mit den gerne mal gewagten Farben etwas ungemein Reizvolles entstehen lässt.

Da sind zum Beispiel diese Kinder. In Begleitung eines Priesters in schwarzer Kutte dürfen sie im Meer baden, an Krücken, die Blinden unter ihnen klammern sich ängstlich aneinander. Die Eltern hatten Syphilis, vermuten damals die Ärzte. Und Sorolla, der 1899 zufällig am Strand seiner Heimatstadt Valencia auf die Gruppe trifft, ist tief erschüttert und muss diese Begegnung sofort festhalten: die schmalen Körper, die sich erst zögerlich, dann bald lustvoll in die Wellen aus herrlichsten Blau- und Grüntönen werfen. Claude Monet hätte sie nicht anziehender auf die Leinwand bringen können.

Joaquín Sorolla. Mutter (1895-1900). Öl auf Leinwand 125 x 169 cm. Madrid Museo Sorolla

Für dieses großformatige „Traurige Vermächtnis“ erhält Sorolla 1900 auf der Weltausstellung in Paris den Grand Prix. Mitte dreißig ist er da und ein gefeierter Mann. Nicht nur in Spanien reißen sich die Auftraggeber um den Maler, der sämtliche Genres virtuos beherrscht und am liebsten draußen an der Staffelei sitzt.

Dabei hatte er denkbar schlechte Voraussetzungen. Im Alter von nur zwei Jahren verliert Joaquín die Eltern, in Valencia wütet die Cholera. Eine Tante adoptiert ihn, das ist sein Glück, und eigentlich soll er wie der Onkel Schlosser werden. Doch schon den Lehrern fällt sein Zeichentalent auf, und er darf mit fünfzehn an die Kunstakademie. Zielstrebig geht der Student seinen Weg und orientiert sich früh an den großen Vorgängern. Diego Velázquez ist das hauptsächlich, und er bleibt vor allen anderen Eindrücken, die Sorolla etwa in Paris erfährt, ein Leben lang Vorbild – gleichwohl in eine eigene, zeitgemäße Sprache transportiert. Ein spätes Knabenbildnis mit Hund (1906) erinnert an die Prinzen, die Velázquez am Madrider Hof verewigt hat, fast meint man, eine Habsburger Unterlippe zu bemerken.

Überhaupt sind es neben dieser fulminanten Feier des mediterranen Lichts die Porträts, an denen man kleben bleibt. Am Neurologen „Dr. Simarro“ (1897) etwa, dem die Kollegen bei einer Untersuchung gebannt über die Schulter sehen. Die Spannung überträgt sich unmittelbar auf den Betrachter, ohnehin übertreffen solche Szenen jede Momentaufnahme der Lichtbildnerei, mit der Sorolla durch seinen Schwiegervater, einen Fotografen, sehr vertraut war.

Dann die Familie. Einmal komponiert er seine Frau Clothilde und die drei Kinder in eine geistvolle Interpretation von Velázquez‘ „Las Meninas“ – mit der jüngsten Tochter im weißen Kleidchen, die wie die spanische Infantin Margarita im Zentrum thront und vom Bruder gezeichnet wird, während im Hintergrund der Vater mit seiner Palette aus einem Spiegel schaut (1901).

Und immer wieder die schöne Clothilde. Mal im grauen Alltagskleid, mal in mondäner schwarzer Robe. Oder im Kindbett, einem Ozean schillernder Weißtöne, aus dem nur die Köpfe der Mama und der winzigen Elena lugen. Dem gegenüber funkelt ein weiblicher Rückenakt – eine eigenwillige wie brillante Hommage an Velázquez‘ Rokeby-Venus. Die Dame delektiert sich allerdings an ihrem Ring statt am eigenen Antlitz und liegt auf einem Seidenlaken, das zwischen Lachs- und Altrosa changiert und gefährlich nah am Kitsch entlang gleitet.

Joaquín Sorolla. Das Nähen des Segels (1896). 222 x 300 cm. Galleria Internazionale d´Arte Moderne di Ca´Pesaro

Sorolla reizt die Palette aus, das tut manchmal weh in den Augen, aber so ist es ja auch mit dem gleißenden Licht in seinen Bildern, das für den Eindruck des Spontanen sorgt und irgendwo weit im Norden beim Schweden Anders Zorn abgekühlt wieder auftaucht. Doch bei aller Vereinnahmung durch den angesagten Impressionismus ist Sorolla auch ein Künstler des 19. Jahrhunderts, für den weder ein sozialkritischer Realismus, noch der minutiöse Naturalismus passé sind. Das gibt seinen Sujets Gewicht und seiner Licht-Lufthaftigkeit Halt.

Gleich im ersten Raum hängt ein Selbstporträt (1904), aus dem Sorolla dem Besucher mit tiefernsten Augen entgegenschaut. Kehrt man nach dem Rundgang noch einmal zurück, meint man, in seinem Blick auch einen leisen Vorwurf auszumachen. Wie konnte man diesen Maler nur so lange übersehen?

„Joaquín Sorolla. Spaniens Meister des Lichts“, Kunsthalle München, Theatinerstraße 8, nich bis 3. Juli 2016, täglich 10 bis 20 Uhr, Katalog (Hirmer) 29 Euro.

Veröffentlicht am: 24.06.2016

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