Vollrad Kutscher und Richard Thieler im Freisinger Schafhof

Leuchtende Werke

von kulturvollzug

Ein Still aus dem Kartoffelkino. Foto: Vollrad Kutscher

Licht ist Energie und macht die Dinge erst sichtbar. Diese schlichte Tatsache kommt selten so markant wie in der aktuellen Ausstellung im Schafhof in Freising zur Geltung. Ohne Strom nämlich wäre dort rein nichts zu sehen und somit avanciert diese Präsentation flugs zu einer Chiffre für unsere Abhängigkeit. Um dies zu visualisieren hat Eike Berg zwei namhafte deutsche Künstler eingeladen, die sich mit dem Thema Identität beschäftigen - womit ihre Arbeiten sich zudem in das Jahresthema des Hauses einfügen. Obendrein reflektieren beide das Phänomen Kino, was in einer kinolosen Stadt wie Freising freilich von besonderer Bedeutung ist. Im Schafhof gibt es regelmäßige Filmvorstellungen - ein Grund mehr für diese Ausstellung an diesem Ort.

Dementsprechend werden die Besucher gleich beim Eintreten von 21 unterschiedlichen Kinoeingangsbereichen empfangen, die Richard Thieler mit viel Geduld und einer Mittelformat-Kamera an verschiedensten Orten der Welt fotografierte und damit zugleich die Bedeutung des Kinos als Spiegelbild unserer gesellschaftlichen Identität herausarbeitet. Meist machte er seine Aufnahmen nachts, was die Strahlkraft des Lichtes steigert. Zur Steigerung des Eindruckes ging er regelrecht in Lauerstellung, suchte den passenden Standort, baute dort sein Stativ auf und wartete manchmal stundenlang, bis das Licht und die zufällig erschienenen Menschen das optimale Bild ergaben. Um dies so authentisch wie möglich zu transportieren, wurden alle Aufnahmen auf Folien projiziert und in Rahmen fixiert, so dass sie von hinten beleuchtet werden und damit ebenso von innen nach außen erstrahlen wie die realen Eingangssituationen der Kinos. Und dies gilt gleichermaßen für altgediente Lichtspielhäuser wie für moderne Kinozentren oder auch für unscheinbare, versteckte Eingangssituationen. All diese erleuchteten Eingangsbereiche locken die Besucher in eine dunkle Welt jenseits des Foyers, die wiederum nur durch das Licht des laufenden Films zum Leben erweckt wird.

Nach dieser perfekten Einstimmung wartet im Obergeschoß des Künstlerhauses die raffinierte Welt des Vollrad Kutscher, der als einer der Pioniere der deutschen Medienkunst gilt. Er hat sich im Lauf der Jahrzehnte einen Namen als Vermittler zwischen Tradition und Innovation gemacht und kreist mit seinen Konzepten um Themen wie Identität und Individualität und besonders um die Frage des Woher und Wohin. Ohne die Errungenschaften unserer Vorfahren wären wir nicht da, wo wir heute sind, wir bauen auf, auf unseren „Leuchtenden Vorbildern“, wie eine großangelegte Serie von Kutscher heißt. Diese setzt sich aus vielen kleineren Serien, die jeweils einzelnen Berufsgruppen gewidmet sind, zusammen. Das Besondere dabei ist deren ganz eigene Beschaffenheit. Die Portraits wurden nämlich mit Glasfarbe als Miniaturen auf Glaskappen gemalt, die ihrerseits von Halogenleuchten illuminiert werden und so die jeweilige Person in geheimnisvoller Unschärfe und in respektvoller Höhe aufleuchten lassen. Eigens für diese Ausstellung namens „Cinemaczz“ hat er zwei neue Serien mit Filmstars geschaffen, eine mit weiblichen und eine mit männlichen Schauspielern. Eine weitere Serie erinnert sinnigerweise an die Urväter der Elektrizität.

Aber Kutscher kann nicht nur klein, er kann auch groß, raumfüllend groß, und dies sehr überzeugend. Sein frappierendes „Kartoffelmovie“ füllt eine komplette Wand des Tonnengewölbes, handelsübliche Kartoffeln werden auf das zigfache vergrößert und deren Materialität lässt sich beim ersten Hinsehen gar nicht so eindeutig identifizieren. Schließlich sind es ja nicht einfach Kartoffeln, was da zu sehen ist, sondern unzählige geschnitzte Kartoffeln, die verschiedenste Charaktere wiedergeben. Nun liegt es aber in der Natur des Werkstoffes, dass dieser langsam vertrocknet und verholzt. Und genau dieser Prozess, der sich über fünf Monate hinzog, wurde komplett gefilmt und per Zeitraffer in ein gut fünfminütiges Video verdichtet, in dem sich nun die Kartoffelwesen regelrecht zu bewegen scheinen und dabei ihre Physiognomie verändern. Das ist großes Kino – sehenswert!

Elisabeth Hoffmann

Schafhof – Europäisches Künstlerhaus Oberbayern, Am Schafhof 1, Freising. Öffentliche Führung am 3. Mai 2016 um 17 Uhr. Geöffnet Dienstag bis Samstag von 14 bis 19 Uhr, Sonn- und Feiertage von 10 bis 19 Uhr. Kutscher ist zu sehen bis 5. Juni, Thieler bis 2. Juni 2016.

Veröffentlicht am: 27.04.2016

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