Ballettfestwochen in Muffathalle und Prinzregententheater

Bittere Gewehrsalven vor süßem Finale

von Isabel Winklbauer

Kevin Quinaou krümmt sich vor der Glamourwand. Foto: Ursula Kaufmann / Ruhrtriennale

Ein Mal schmerzhafter Dauerbeschuss, ein Mal Erdbeerbecher mit Sahne - so könnte man die beiden Premieren beschreiben, die die Ballettfestwoche fürs Publikum noch parat hielt. Mit Richard Siegal und Simone Sandroni wurden sie von zwei guten alten Münchner Bekannten kreiert - wobei Sandroni alle Erwartungen erfüllte, Siegal über das Ziel hinaus schoss. Er präsentierte Brachialklänge, wogegen Sandroni mit einem Seifenblasenregen endete.

Wenn Richard Siegal, Choreographer in Residence an der Muffathalle, sauer wird, dann mosert er nicht nur herum oder steckt seine Tänzer in schwarze Säcke. Nein, sondern er wird so richtig ungemütlich. "Model" heißt sein äußerst sperriges Werk, das bereits auf der Ruhrtriennale zu sehen war. Es hält die Zuschauer mit wenigen Pausen unter 40 Minuten Dauerbeschuss von Panzerfaustklängen, was unweigerlich zu mindestens zwölfstündigem Kopfschmerz führt. "Model" ist die Fortsetzung von "Metric Dozen", doch da waren die Industrialklänge von Lorenzo Bianchi Hoesch noch von pulsierendem Rhythmus getragen. Hier sind sie einfach nur chaotisch und somit höchstens in einzelnen Sequenzen erträglich.

Katherina Markowskaia zwischen Ideal und Chaos. Foto: Ursula Kaufmann / Ruhrtriennale

Lohnt sich der Schmerz? Die zehn Tänzer - acht Staatsballett-Mitglieder und die Gäste Katharina Christl und Kevin Quinaou - sehen in ihren Skelett-T-Shirts natürlich strahlend schön aus, so wie alle Protagonisten in Siegal-Stücken. Ihre Pirouettenreigen streben nach höchster Perfektion, ihre À-la-barre-Übungen könnten aus dem Lehrbuch stammen. Doch alles löst sich auf: Chaos durchzieht diese ideale Welt, die Körper und die Choreografien verformen sich zu etwas Neuem, Bizarren. Das Stück erreicht seinen Höhepunkt, als die Tänzer den Anfang des Schattenakts aus "La Bayadere" nachspielen: ungerührten Blicks schreiten sie die berühmte Serpentine ab, mit hochmütigem Hüftgeschiebe statt überirdischen Arabesken und Tendus, provozierend langsam. Eine von Siegals genialsten Ideen der letzten Jahre. Zuletzt geht es schließlich gar nicht mehr um den Anachronismus von klassischem Ideal und rauer Realität. Der neue Stil übernimmt mit erschreckenden Solis. Ein Tänzer windet sich mit einer langschnabeligen Pestmaske, zuletzt tobt und schreit der Hüne Quinaou wie ein gemarterter Schatten vor einer Leuchtwand.

Offenbar ist Siegal sowohl von den Pariser Terroranschlägen als auch vom europäischen Umgang mit der Flüchtlingsproblematik genervt bis aufs Blut. "For the rejected an inferno, for the elected paradise" flimmert mehrfach über die beweglichen Leuchtflächen, vor denen die Kompanie tanzt. Nur: Mit Gegengewalt wurde noch nie viel erreicht - aber genau das ist "Model".

Peter Jolesch (li.) und Ivan Liska wirbeln Judith Turos herum. Foto: Wilfried Hösl

Simone Sandroni hatte eine ganz andere Tufgabe, nämlich ein Stück für die "Seniors" Ivan Liska, Peter Jolesch und Judith Touros zu entwerfen. Es wurde ein rührender Pas de trois zu Iggy Pops "Passenger", und ein riskantes Unterfangen von Anfang an. Denn anders als die immer noch gestählte, federleicht schreitende und drehende  Judith Touros haben Liska und Jolesch bereits körperlich Abschied von der Bühne genommen. "Man sieht die Anstrengung", maulte man im Publikum. Dabei gehört genau das zum einzigartigen - und viel zu seltenen - Vergnügen, ältere Tänzer zu sehen. Liskas Ausdruck ist unvergleichlich, er hat dem der jungen Ensemblemitglieder so viel Tiefe voraus, dass diese sich frohen Herzens vor ihm verneigen dürfen. Seine Ports de bras, seine Pirouetten besitzen Sinn und Tragweite. Tanz darf nie unbedeutend sein, sagt erzählt er. Fast noch sensationeller ist aber Joleschs Einheit von theatralischer Mimik und Tanz. Schon 2009 gestaltete er damit die Hauptrolle in Jiri Kilians "Zugvögel". Wer eine gute Haltung lernen will, soll zu ihm gehen - was ja auch alljährlich an die 50 Münchner Schüler im Projekt "Heinrich tanzt" tun. Kurz, wer für so eine Darbietung nicht einen angestrengten Gesichtsmuskel oder ein kleines Wackeln in Kauf nehmen will, hat etwas nicht verstanden. Es gibt im Leben nichts geschenkt.

Ivan Liska "tauft" sein Staatsballett mit göttlichen Seifenblasen. Foto: Wilfried Hösl

Nachdem der Pas de trois durch den Auftritt der jungen Staatsballetttänzer aufgelöst ist und sich in liebevolle, wechselnde Pas de deux verwandelt, schwebt Liska an zwei Schnüren in die Höhe und verteilt Seifenblasen über alle seine "Kinder". So viel Mut zur Süßigkeit und gleichzeitig so ein gutes Gespür dafür, dass es trotzdem passt wie die Sahnehaube aufs Eis, hat nur Simone Sandroni.

Gewinner des Abends war aber nicht der bejubelte Ivan Liska, sondern Peter Jolesch: Er wurde nach der Vorstellung von Ballettbotschafterin Irène Lejeune mit dem Irène-Lejeune-Ballettpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. So endete der Abend in tosendem Applaus.

Veröffentlicht am: 17.04.2016

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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