Terpsichore-Gala XII für Ivan Liska am Staatsballett

Frohes Gestern, unbekanntes Morgen

von Isabel Winklbauer

Iana Salenko und Steven McRae im Tschaikowsky-Pas de deux. Foto: Charles Tandy

Ob es in Zukunft weiter Terpsichore-Galas gibt, ist ungewiss. Die zwölfte und letzte Gala der Amtszeit von Ballettdirektor Ivan Liska stand ganz im Zeichen von dessen Abschied. Es wurde teils recht düster und traurig. Doch Dynamik und die Hoffnung auf eine strahlende, neue Zukunft setzten sich immer durch - vor allem auch dank ungewöhnlicher und interessanter Gasttänzer.

Maria Eichwald und Friedemann Vogel in "Manon". Foto: Charles Tandy

Die Terpsischore-Gala XII war nicht nur dem Abschied von Ivan Liska gewidmet, sondern auch die letzte Gala, die sein Stellvertreter Wolfgang Oberender organisierte - auch er verlässt das Bayerische Staatsballett, um in den Ruhestand zu gehen. Da war es konsequent und auch mutig, nicht nur auf eine berührende Diashow aus Ivan Liskas letzten 18 Jahren zu setzen (er traf immerhin Größen wie Königin Beatrix und ist mit dem König von Kambodscha befreundet). Es stand auch der tragische Schluss-Pas-de-Deux aus "Onegin" auf dem Plan, der die Zuschauer merklich bewegte - trotz der merkwürdigen Paarung von Polina Semionova und Jason Reilly, die jeder für sich überirdisch gut sind, zusammen aber allzu irdisch. Alina Nanu und Giovanni Rotola vom Tschechischen Nationalballett Prag zeigten ein höchst innovatives, doch auch sehr beziehungsskeptisches, in dunklem Rot gehaltenes Duett von Petr Zuska. Am Besten kennzeichnete aber Manons Tod in den Sümpfen von Louisiana die Grundstimmung des Abends: Getanzt von Friedemann Vogel und der in München unglaublich beliebten - und mit den Jahren immer besser werdenden - Maria Eichwald zog der Schluss-Pas-de-Deux aus "Manon" die Zuschauer unfehlbar in den Bann des Todes.

Doch es gab guten Ausgleich. Iana Salenko an der Seite von Steven McRae verpasste dem Publikum in der Eröffnungsnummer zunächst einmal eine riesige Dosis Lebensfreude. Wie die Ausnahmetechnikerin vom Staatsballett Berlin ihren Körper quält, ist fast täglich auf Instagram zu bewundern, wie sie ihre Künste dann auf der Bühne mit dem unschuldigsten Frühlingslächeln garniert, ist phänomenal - ebenso wie ihr Kollege Steven McRae, der einen gut gelaunten Czardas steppte. A propos Frühling: Zur Liska-Diashow dirigierte Myron Romanul einen frischen, packenden Frühlingsstimmenwalzer, wobei wieder einmal klar wurde, dass es auch mit den musikalischen Leitern beim Staatsballett künftignicht allzu gut steht. Seit vielen Jahren erreicht kein Ballettdirigent Romanuls Einfühlungsvermögen ins Bühnengeschehen. Man darf gespannt sein, was Igor Zelensky, Ballettdirektor ab September 2016, hier in die Wege leitet.

Myron Romanul, Laura Hecquet, Karl Paquette (1. Reihe von links). Foto: Charles Tandy

Schimmernd wie Brillanten brachten auch die Gäste von der Pariser Oper Licht ins Dunkel. Niemand ist weiter davon entfernt, sich mit Sperenzchen ans Publikum anzubiedern als die Franzosen - Karl Paquette nahm sich alle Zeit der Welt, um mit hoher Miene seine Variation aus dem Esmeralda-Pas de deux darzubieten, Laura Hecquet tanzte die berühmte Tamburin-Variation mit der höfischen Aura einer Diane de Poitiers, aber charmant, fein und sehr weiblich. Den französischen Stil dürfte man auf Deutsche Bühnen gerne öfter einladen. Er ist ein schönes Kontrastprogramm zum amerikanischen Showwillen und zur russischen Erhabenheit.

Der vierte Satz aus Leonide Massines "Choreartium" führte die verschiedenen Stimmungen - auch Ashtons eigentlich einfallsreiches, aber mit kitschigen Kostümen verkleidetes "Birthday Offering" war dabei - schließlich zusammen. Eine erstaunlich futuristische Choreografie in dunkelgrauen Glitzerkostümen zeigte in scharfen Umrissen das, was Ivan Liska liebt und jetzt aufgeben muss: das Bayerische Staatsballett, seine Tänzer, seine Kompanie.

Ivan Liska mit seinem Förderer John Neumeier. Foto: Charles Tandy

Es war John Neumeier persönlich, der den scheidenden Ballettdirektor tröstete. Als Überraschungsgast kam er zum Schlussapplaus auf die Bühne. "Ivan, das Repertoire, das du hier aufgebaut hast - das soll mal einer nachmachen", schloss er seine Laudatio unter Goldregen. Womit er den Kern traf. Das vielseitige Repertoire ist die riesengroße Stärke des Staatsballetts. Auch wenn Liska geht - das muss bleiben.

Veröffentlicht am: 11.04.2016

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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