"Ostwind" von Emre Akal und "transit@stuttgart" an den Kammerspielen

Ein Kessel Traurigkeiten

von Michael Wüst

Andrim Emini bei einer früheren Vorstellung. Foto: Wolfgang Knappe

Aus Migrationsbewegungen sind Flüchtlingsströme geworden. Innerhalb eines halben Jahres hat ein semantischer Paradigmenwechsel dazu geführt, gegenüber dem einzelnen Schicksal schmerzunempfindlicher zu werden. Darunter leidet möglicherweise "Ostwind" von Emre Akal und transit@stuttgart in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele.

Berivan Kaya und Ismail Deniz vom "postmigrantisch diversen Ensemble" transit@stuttgart befinden sich auf einer Art Baustelle mit Absperrgittern, zwischen blauen Müllsäcken vor Videoprojektion. Sie spielen Figuren, montiert aus den Biografien, die Emre Akal in Interviews in München und Stuttgart mit Zuwanderen aus Südosteuropa geführt hat.

Zu Beginn läuft das unscharfe Video des subjektiv unklaren Blicks eines Neuankömmlings in der deutschen Stadt zu den Klängen von "Fuck The Pain Away" von Peaches. Ismail Deniz masturbiert eine Plastikwasserflasche zwischen seinen Schenkeln und begattet gelegentlich fahrig das Absperrgitter, Berivan Kaya bereitet sich mit Billigperücke darauf vor, als Monika Freier zu empfangen. Ihn haben die ersten Nackten, die er in einer "Bravo" auf einem südosteuropäischen Autorücksitz erblickt hat, motiviert, nach Deutschland aufzubrechen, wo man sich Titten machen lassen kann, sie flüchtete vor Typen, die "von der Muschi bis zum Maul aufschlitzen" und Nachtlagern, wo man den Kindern die Ohren einband, damit die Ratten sie nachts im Schlaf nicht anknabberten. Eine Jurastudierte aus Ungarn berichtet über ihr Dasein als illegal beschäftigte Haushaltshilfe und Monika von ihrem Abrutschen ins Rotlichtmilieu, wie sie "dünn gemacht" wurde, weil sie schwanger kein Geld verdienen konnte. Heinzi, eigentlich eine ältere Frau, desinfiziert die eitrigen Stellen der Transen-Brustvergößerung und der rumänische Straßenmusiker mit Akkordeon und kabarettistischem Akzent ist stolz darauf, dass er seine Familie nachgeholt hat und überhaupt alles legal ist. Und ihn sogar schon deutsche Sorgen plagen: dass die Tauben den Balkon zuscheissen.  Drastisch, komödiantisch und komisch liefern die beiden Vollblutspieler das ab. Die Klamottenumzüge zwischen den sketchartigen Szenen fügen sich rhythmisch kontrolliert gut ein. Eine Art Anti-Varieté steckt da drin. Ein bunter Kessel von Traurigkeiten. Das Publikum nimmt´s erheitert.

Veröffentlicht am: 07.04.2016

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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