"Nullnummer", das neue Buch von Umberto Eco

Als hätte man was in der Hinterhand

von Michael Wüst

Das Cover des Buches. Abb.: Hanser

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama behauptete schon 1992 das Ende der Geschichte. Die Dynamik des geschichtlichen Prozesses hat seitdem unter dem Schleier der digitalen Echtzeit wohl weiter rapide an Kontur verloren. Verlarvt sich die Welt darin zum gesichtslosen Gerücht, über das ihre Medien in der heutigen Nachricht versprechen, morgen zu berichten? Aus Nachrichten werden Optionen auf Nachrichten? So oder ähnlich sieht es wohl auch der Großmeister des Zeichens, Umberto Eco, der mit "Nullnummer" einen Roman über das Italien des Jahres 1992 und seine Medien am Beginn sich global vernetzender Verschwörungstheorien durch das Verhüllungsmedium Internet geschrieben hat.

Zwölf Nullnummern, Testballons in kleiner Auflage, sollen ein Zeitungsprojekt mit dem Namen "Domani" lancieren, das einzig dazu dienen soll, in kleinen Dosen Nervosität in erlauchten Kreisen über mögliche zukünftige Enthüllungen zu bewirken. Chefredakteur Simei erläutert dem Übersetzer und Philologen Colonna, einem gebildeten Versager, wie sich der Ich-Erzähler, das Alter Ego Ecos, selbst bezeichnet, die Strategie: Es sei nämlich der Wunsch des Verlegers, des Commentadore Vimercate, dass der Schrecken des angedrohten Journalismus allein genüge, die politische Elite zu veranlassen, ihn, den aufstrebenden Mogul aus der Lombardei in ihren Reihen aufzunehmen. Klar, dass der Cavaliere Berlusconi gemeint ist, dessen Aufstieg in den Zeiten nach der Ermordung Aldo Moros und dem Zusammenbruch der Democrazia Christiana begann. Der schmierige Chefredakteur der Nullnummern verknüpft dies darüber hinaus mit der Idee über das Projekt ein Buch schreiben zu lassen mit dem Titel "Domani: ieri". Colonna, der gebildete Versager, soll mit diesem Buch einen Schwanengesang über das Scheitern des investigativen Journalismus anstimmen. Dafür bekommt er den Titel eines Direktionsassistenten.

Eine Redaktion aus optimalen Co-Versagern wird gebildet. Mit Colonna, Palatino, Costanza, Cambria, Lucidi, Fresia und dem zwielichtigen Braggadocio tragen sie die Namen von Schrifttypen in Word-Dateien. Das Zusammensetzen dessen, was diese Journalisten sind, scheint ein anderer Player zu bewerkstelligen. Im Grunde wahrscheinlich der Leser selbst, dessen Bedürfnis nach Nicht-Nachricht der Chefredakteur Simei immer wieder betont. Soweit also ein bitterböser Ansatz, der vor Plakativität nur so strotzt. Tatsächlich wird aber gerade dies zur Falle für den Semiotiker Eco. Denn im Ganzen gerät dem großen Romancier sein Werk diesmal allein nur zur Kulisse für ein Buch. Ein künstlerischer Griff, die (mediale) Welt als Kulisse zu beschreiben, schlägt fehl. Eco wirkt im Advertisemt seiner Überzeugungen vom Lügen-Journalismus wie ein Sandwich-Man, der nicht hinaus kommt, eingeklemmt in seiner eigenen allgegenwärtigen Message. Die Zweidimensionalität seiner satirischen Figuren ermüdet.

Man sieht sich gebeugt über das Modell einer Journalismus-Lügenburg. Die Figuren sind markenspezifisch gestanzt, alles ist auktorial monokausal gewillkürt. In endlosen Redaktionssitzungen mit der faden Didaktik von Powerpoint-Präsentationen erklären der Chefredakteur und sein zu jeder Schandtat bereiter Direktionsassistent dem Team wie man sich in einem Gelände ohne Standpunkte zu bewegen hat. Wie Zusammenhänge zu entschärfen seien mittels Insinuierungen durch vor Ort provozierte direkte Reden anständiger Menschen des Du-und-Ich. Zwischenmenschen. Wie grundsätzlich mit sämtlichen Finessen der Dekonturierung des reportierten Fakts der Eindruck entstehen soll, man hätte da investigativ noch was in der Hinterhand.

Und genau hier soll dann der Roman kriminologische Fahrt aufnehmen? Braggadocio, was auch Prahlhans heißt, soll neben den Journalisten der Todesanzeigen, Szenemeldungen und Kreutzworträtsel für echte Aufdeckungen sorgen. Es folgen wiederum endlose Aufzählungen ehemaliger Verschwörungstheorien aus dem Italien der 90er Jahre. In Cafés der Mailänder Altstadt, die dem Leser nicht mehr Atmosphäre als der Blick auf eine Stadtkarte vermitteln, spult der prahlende Mythomane eins ums andere Mal die Verwicklungen um Aldo Moro, die Vatikanbank, Gladio und die Brigate Rosse ab. Man erinnert sich: Am Anfang des Buches dozierte der Jobmotivierte Colonna über die Konstruktion von sinnlosen Neuigkeiten anhand der Iden des März, dem Verschwörungsklassiker um Caesars Ermordung... Die schmerzhafte Würze der Prahlhans-Investigation besteht nun darin, dass jener Broggadocio entdeckt haben will, dass Mussolini noch lebt. Dazu gehört das gerichtsmedizinisch durchdeklinierte Stilmittel der Läsionen des zu Brei getretenen Ducekopfes, der eben einem anderen gehört haben soll. Irgendwie hat anscheinend seine tote Geliebte Clara Petacci das aber nicht mitgekriegt. Kurz, Braggadocio wird darauf erstochen in einer Mailänder Gasse aufgefunden. Colonna fürchtet nun ebenfalls um sein Leben und verliebt sich in Fresia. Sie flüchten aufs Land.

Dort hört Colonna einen BBC-Bericht über die kriminellen Verwicklungen rund um das Schicksal von Aldo Moro - ohne Mussolini. Er ist beruhigt und desillusioniert, das Projekt der Nullnummer wird eingestellt, sein Buch mit dem Titel "Domani:ieri" kann er vergessen. Die Luft ist raus. Wir klappen den rückwärtigen Deckel der Buchkulisse zu. Man bleibt zurückgelassen in einem Gefühl der Leere. Schrifttypen sind verpufft. Bildlosigkeit. Als wäre hier einem semiotischen Zirkelschluss die literarische Qualität zum Opfer gefallen. Als hätte das Medium, die Fata Morgana des Nullnummer-Nachrichten-Nichts auch dieses Buch in sich hinein gesogen. Immerhin auch eine Message.

Veröffentlicht am: 30.12.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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