Weihnachts-Premiere am Bayerischen Staatsballett

Adam ist ... die 80er

von Isabel Winklbauer

Ein Bär als Monolith dominiert die Uraufführung "Adam is". Foto: Wilfried Hösl

Ein riesiger Teddy grunzt, Balanchine blendet und Jerome Robbins' "In the Night" holt die Kastanien aus dem Feuer: Der neue dreiteilige Abend am Staatsballett ist eine ruhige, nordamerikanisch geprägte Zusammenstellung. Vieles ist gefällig, anderes witzig. Wirklich Aufregendes ist jedoch nicht dabei.

Sie liebe die "Arbeit mit der Körperlichkeit männlicher Tänzer" sagt Choreografin Aszure Barton im Programmheft zum neuen Dreiteiler das Bayerischen Staatsballetts. Die Kompanie hatte die Kanadierin mit einem Stück nur für Männer beauftragt - daraus geworden ist passenderweise "Adam is". Die Männer-Ode adelte als einzige Uraufführung den neuen Abend als "Premiere". Denn die übrigen Werke, George Balanchines "Sinfonie in C" und Jerome Robbins' "In the Night", sind in München schon aufgeführt und bekannt.

Kampf als männliches Lebensmodell: Matej Urban und Jonah Cook. Foto: Wilfried Hösl

Acht Männer in Leopardenanzügen tanzen also um einen riesigen Teddybären herum. Eine provokative Ausgangssituation ist das, die viele Gelegenheiten zur Komik gibt. Von diesen lässt die Inszenierung tatsächlich auch keine aus: Die Tänzer sitzen mal auf den Füßen des Bären wie kleine Jungs, ein anderes Mal beugen sie vor ihm gesammelt den Kopf wie vor einem Übervater. In der Mitte des Stücks brummt und jammert der Bär sogar das ganze Auditorium voll. Unvermeidlich setzt Gelächter ein - es ist zu albern. Sogar den zentralen Pas-de-Deux leitet das Tier grunzend ein. Man hätte das sein lassen sollen. Der Bär ist doch an sich ein fantasievoller Sympathieträger. Verwirrend ist auch das Intro zu dem Stück, die ellenlange Videoeinspielung eines Walds. Was er zu bedeuten hat, wird nie mehr wieder in Zusammenhang gebracht.

Die Tänze um das Kuscheltier strotzen nur so vor Testosteron. Barton lässt ihre Männer unentwegt die Beine zum Jeté in die Luft werfen und sich dabei drehen, alleine, zu zweit und im Team. Oft gleicht das einem Kampf, und dieser endet natürlich dort, wo er enden muss: auf dem Boden, wo die Beine weiter in die Luft fliegen oder mit dem Körper Purzelbäume schlagen. Männlich oder gar erotisch wirkt das Ganze nicht, denn abstraktere männliche Eigenschaften finden keinen Eingang - wie etwa Genius, die Fähigkeit zur Hingabe, Tapferkeit, ein Talent für den Untergang mit Mann und Maus oder was auch immer. Es bleibt bei Kampfgeist und ein bisschen Gefühl, aufgefangen im intimen, aber immer noch kämpferischen Pas de deux zwischen Matej Urban und Jonah Cook.

Ein wenig riecht das Stück auch nach Emanzentum. Ein Satz der Komposition besteht nämlich aus gescattetem Männergrunzen, dazu demonstrieren die acht Protagonisten Hüftgeklopfe und weitere "typisch" männliche Gesten, eine klassische Lachnummer.  Auf jeden Fall ist "Adam is" durch seine vielen Jazzdance-Elemente und die schwarz-weiße Leopardenoptik ein 80er-Jahre-Retro-Stück. Das ist auchder Auftragskomposition von Curtis Robert Macdonald anzuhören - einer stark schlagzeugbetonten Jazz-Suite mit Sprachcollagen.

Ekaterina Petina rettet Bizets "Sinfonie in C". Foto: Wilfried Hösl

Balanchines "Sinfonie in C" stellte die Fans superleichter Klassik da schon eher zufrieden. Als typisches Raumstück für zwölf Solistinnen, drei Solisten und einem reinen Damencorps gibt sie einer Kompanie die ideale Gelegenheit, ihre besten Ballerinen zu zeigen. Lucia Lacarra erteilt dem süßlichen Reigen denn auch seine Existenzberechtigung: Mit Gelassenheit und Humor fliegt sie an der Seite ihres Galans Marlon Dino durch die spektakulären Arabesken des zweiten Satzes und macht vergessen, dass Balanchine einer der miesesten Erzähler der Ballettgeschichte war. Auch die anderen verdienen Rettungsmedaillen. Hätten die Damen, vor allem Ivy Amista, Ekaterina Petina und Katerina Markowskaia nicht Charakter gezeigt, man hätte sich am Broadway gewähnt, so sehr ist die Choreografie mit Effekthaschereien überladen. Nicht alles, auf dem "B" steht, ist genial. Womöglich stand das Stück auch aus Spezialgründen auf dem Programm. Bestimmt werden nächste Spielzeit nicht alle Münchner Ballerinen in die Kompanie des neuen Direktors Igor Zelensky übernommen. Mit diesem Balanchine haben jene, die nach einer neuen Tanzheimat Ausschau halten müssen, für den Rest der Saison nun ein prächtiges Schaufenster.

Ivy Amista und Javier Amo frisch verliebt "In the Night". Foto: Wilfried Hösl

So bieb es also an "In the Night", Begeisterung zu wecken. Mehrmals erprobt, geht dieser geheimnisvolle Pas de six wieder einmal als Gewinner hervor. Nicht zuletzt wegen Lucia Lacarra und Cyril Pierre als drittem Paar, das sich streitet und dann doch versöhnt. Alles wird gut, auch wenn es schlimm aussieht, erzählen uns diese beiden Ersten Solisten, die tänzerisch immer noch zu einander passen wie Yin und Yang. Man darf hoffen, sie noch ein paar Mal öfter zusammen auf der Bühne des Nationaltheaters zu sehen als den Teddybären.

Veröffentlicht am: 21.12.2015

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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