"Mittelreich" an den Kammerspielen

Ein Fluch noch ins übernächste Glied

von Michael Weiser

Eine Schlachtreihe: Start für "Mittelreich" an den Kammerspielen. Foto: Judith Buss

Großartiges Generationengemälde an den Kammerspielen: Wie man auf die Geschichte eines Dorfes und einer Familie ein deutsches Requiem singen kann, macht Anna-Sophie Mahler in ihrer Inszenierung von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" vor.

 

Der Abend beginnt mit dem Ende. Der Seewirt ist beigesetzt worden, und nun sitzt dem Publikum sorgfältig ausgerichtet eine Trauergemeinde gegenüber. Eine Schlachtreihe, die den Anlass der Beerdigung erkennbar nur zitiert. Denn da sitzen in Wirklichkeit die Personen des Dramas in künstlich herbeigeführter Gleichzeitigkeit: unter anderem der Seewirt kurz vor seinem Tod, der Seewirt als junger Mann, sein Sohn Semi, der Flüchtling, die Mutter, die aber auch schon längst tot ist, es ist Annette Paulmann, die gleich in die Rolle der zudringlichen Gesangslehrerin schlüpfen wird. Die Gegenwart ist nicht denkbar ohne die Vergangenheit, mehr noch: im Denken und Fühlen und erst recht im Unbewussten sind das Gewesene und das Sein verbunden. Die Geister der Vorfahren poltern durch die Häuser der Gegenwart. Und die Söhne nehmen die Lasten der Väter auf.

Blick in den entgötterten Himmel: Steven Scharf, Annette Paulmann, Stefan Merki. Foto: Judith Buss

Die Reihe auf der Bühne (Duri Bischoff) stimmt einen Ton an, sehr leise zunächst, sanft schwillt er an, es erklingt der erste Satz des "Deutschen Requiems" von Johannes Brahms. Als Musiktheater ist der Abend angekündigt worden, das klingt nach Musical, dabei ist der Begriff zu locker, zu frivol. Ein Singspiel, das trifft es eher. Fast unmerklich erhalten die Sänger auf der Bühne Unterstützung vom Rang. Das Junge Vokalensemble München meldet sich zu Wort, begleitet von Stefan Wirth, Sachiko Hara, Manfred Manhart, Anno Kesting und Bendix Dethleffsen (musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen; Dirigentin: Julia Selina Blank).

Man muss kein Fan von Theater-Filmmusik sein, diesen musikalischen Rahmen für ein Familiengemälde aber kann man loben. Kein atmosphärisches Grundrauschen ist das, die Musik öffnet vielmehr neue Ebenen. "Ein deutsches Requiem": Brahms' Großwerk liefert den Untertitel für eine deutsche Geschichte, eine von vielen, eine typische Geschichte. Autor Josef Bierbichler hatte diese entscheidende Zutat nahegelegt: In seinem Bestseller "Mittelreich" wird das Requiem tatsächlich bei der Beerdigung des Seewirts angestimmt.

"Mittelreich": Der Titel zitiert den Seewirt, der ja ganz und gar nicht arm und nicht wirklich steinreich ist, sondern eben - "mittelreich". Mittelreich ist aber natürlich auch irgendwo dazwischen, zwischen Leben und ewiger Ruhe, ein Fegefeuer, das nicht Söhne noch Väter verschont. Die Kriegserfahrungen des Vaters, der darüber aber erst sehr spät sprechen kann, über sein Mittun am großen Menschheitsverbrechen; der Missbrauch, den sein Sohn im Klosterinternat erfährt: Es ändern sich die Zeiten im Gasthof, es ziehen sogar moderne Geräte ein. Es bleiben: Schuld ohne Sühne und Leid für die Nachfahren. Ein Fluch ins nächste und übernächste Glied.

Mutter geht's nicht gut: Steven Scharf, Annette Paulmann, Jochen Noch. Foto: Judith Busse

Ein starker Abend, auch wegen des hervorragenden Ensembles. Wie Stefan Merki und Annette Paulmann mühelos zwischen quasi szenischer Lesung, Rahmenerzählung, und tief berührendem, auf die Situation fokussiertem Spiel wechseln, ist schon großes Kino. Und dann Steven Scharf: Beim Schlachten eines Schweins erinnert er sich des Leids an der Schule. Stakkatoartig bricht aus ihm die Erzählung seines Missbrauchs hervor. Das getötete Schwein, das er über die Rampe hievt, ist sein jüngeres Alter Ego. An diese Szene wird man sich lange erinnern. Auch daran, wie er seine gelähmt auf dem Stuhl sitzende Mutter umarmt, sie umklammert, sie hochstemmt, sich fast schon über die Schulter wirft: Man denkt da an ein Bild von Neo Rauch, den Sohn, der den nur noch kindsgroßen Vater nachdenklich auf dem Arm hält. Übergroße Elternfiguren werfen einen Schatten. Erst recht zur Last werden sie, wenn sie unter Normalgröße schrumpfen.

Ein starker Abend, wie gesagt, den wir der Regisseurin Anna-Sophie Mahler verdanken. Für sie und ihr Team, für die Schauspieler, aber auch für die Sänger und Musiker, gab es langen, lauten Beifall, viele Bravos.

"Mittelreich", an den Kammerspielen nach dem Roman von Josef Bierbichler. Nächste Termine: 27. November, 5., 6., 13., 26. und 28. Dezember 2015. Mit: Steven Scharf, Thomas Hauser, Stefan Merki, Annette Paulmann, Jochen Noch, Damian Rebgetz; Regie: Anna-Sophie Mahler; Bühne: Duri Bischoff; Kostüme: Pascale Martin; Musik: Stefan Wirth, Sachiko Hara, Manfred Manhart, Anno Kesting, Bendix Dethleffsen; Licht: Jürgen Tulzer; Dramaturgie: Johanna Höhmann; Musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen; Chor: Junges Vokalensemble München; Dirigentin: Julia Selina Blank

Veröffentlicht am: 24.11.2015

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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