Midge Ure mit "Breathe Again" im Technikum

Nichts ist so überflüssig wie ein Synthesizer

von Michael Wüst

Midge Ure ganz bei sich. Foto: Michael Wüst

Midge Ure, kraft seiner erfolgreichen 40jährigen Musikerkarriere ausgestattet mit zahlreichen Prädikaten, Auszeichnungen und Orden, nähert sich mit "Breathe again" erneut den Ursprüngen seiner Musik, wie schon einmal mit "Breathe" vor 20 Jahren. Der lange Atem hat sich gelohnt. Ein konzentriertes Konzert im Technikum.

 

 

Der Schotte aus einem Vorort von Glasgow mit abgebrochener Schlosserlehre bekam mit zehn Jahren seine erste Gitarre, kam, noch nicht ganz 20, mit der Teenpop-Band Silk unter Plattenvertrag. Es folgte die Band Rich Kids mit dem Exbassisten der Sex Pistols Glen Metlock, für die später der Begriff New Wave greifen sollte. Hier sammelte er erste Erfahrungen mit Synthesizern. Was danach war, ist mit der Band Visage und Ultravox praktisch Pop-Allgemeingut. In jedem Falle haftet ihm seitdem das Prädikat Synthie-Popper an, mit dem er selbst nicht viel anzufangen weiß.

So zeigt die kurz vor dem Konzert im Technikum erschienene Doppel-CD "Breathe Again", wie es das Konzert auch unterstrich, die neuerliche Überflüssigkeit des technischen Fetisch Synthesizer für die Musik Midge Ures. Im Rückblick. In Gelassenheit.

Als Support des bestuhlten Konzerts sind zunächst Cole Stacey an Gitarre und Mandoline und Joseph O´Keefe an Geige und Akkordeon als "India Electric Company" auf der Bühne. Mit Indien oder Elektrik haben beide nichts zu tun, vielmehr spielen sie wunderbare Seefahrershantys aus dem 17. Jahrhundert und Cole Stacey beeindruckte mit Bruce Springsteens "I´m On Fire".

Als der Meister auf die Bühne kommt, stellen sich die beiden als seine Begleiter im Hauptact heraus. "Fields of Fire" und "Fallen Angel" sind getragen von der tänzerischen Geige, mit den die keltische Musik verzierenden Grace-Notes. Sie trägt das Thema kraftvoll und sonor. Über dem gleichmäßigen Begleitmarsch der Gitarren entfalten sich die hymnischen Räume von Midge Ure. Seine persönlichen und zwischenmenschlichen Geschichten rufen gleichwohl Bilder des Landes und der Geschichte hervor. "Guns and Arrows" ist eine private Liebesgeschichte in Kampf und Versöhnung und läßt trotzdem an Bravehearts Highlander denken.

Das vom Akkordeon wehmütig eingeleitete "Breathe" versetzt das Publikum endgültig in absolute Begeisterung. Aber nicht nur das neue traditionelle Material des keltischen Idioms funktioniert. Songs der Ultravox-Zeit wie "Lament" oder "Vienna" bestehen ebenfalls in dieser Instrumentierung mit den prächtigen Musikanten. Eine treibende Mandoline, attackierende Doppelklänge auf der Geige, dazu Midge Ure an der halbakustischen Slide-Guitar und ein Synthie-Bett scheint gemacht. So erlebte das Publikum zwei Seiten von Midge Ure als eine. Der Romantiker von Ultravox ist er geblieben, nur braucht er dafür keinen Synthesizer mehr.

Veröffentlicht am: 09.11.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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