"Proletenpassion 2015 ff" beim Festival Spielart in der Muffathalle

Verführung zur Revolution

von Michael Wüst

Die Herrschaft der Requisite. Foto: Yasmina Haddad

In Zeiten, in denen verbliebenen Revolutionären und Utopisten im Ruhestand der Untergang der Welt wahrscheinlicher erscheint als der des Neoliberalismus, mag die Wiederaufnahme der 1976 bei den Wiener Festwochen aufgeführten "Proletenpassion" der Polit-Rockband "Schmetterlinge" wie ein Griff in die Retro-Kiste anmuten. Dennoch war es ein glücklicher Griff, der sich für das Spielart-Festival und das Münchner Publikum in der Muffathalle gelohnt hat.

Arbeiterkampflieder und Revolutionskanzonen im Weill- und Eisler-Stil mögen Akzelerationisten und Deleuze-Guattari-Exegeten vorkommen wie Allerheiligen-Beigaben einer endgültig begrabenen Vergangenheit. Über solchen Gräbern, geschmückt mit den unechten Blumen der Farben-Revolutionen, läge nur der abgestandene Patschuli-Gauloises-Geruch von Hausbesetzer-Illusionen.

Dem daseinserschöpften, achselzuckenden Pragmatismus stellt sich jedenfalls die Neufassung "Proletenpassion 2015 ff" in der Regie von Christine Eder mit zum Teil neuen Texten von Heinz R. Unger mit voller Kraft entgegen. In einem Kraftakt von 140 Minuten verwandeln vier Frontsänger mit ihren fünf Kollegen an Tasteninstrumenten, Posaune, Trompete, Bass, E-Gitarre, Mandoline und Schlagzeug das ursprünglich von Willi Resetarits und Georg Herrnstadt 65 Lieder umfassende Opus einer Geschichte der Aufstände und Revolutionen zu einer akzeptablen Gegenwartsposition.

Zwischen den neu von Gustav (Eva Jantschitsch) und Knarf Rellöm arrangierten Songs gibt es jede Menge Text und Anarcho-Moderation zum ewigen politischen Ober sticht Unter-Spiel, von Thomas Münzer, den Bauernkriegen bis zum Sturm auf die Bastille, die Pariser Kommune, die Weimarer Republik, zum Nationalsozialismus und den demokratischen Fragezeichen der Europäischen Union. Die Bühne (Ausstattung Monika Rovan) ist seitlich und im Hintergrund mit Transparenten, hauptsächlich der 60-70er Jahre ausstaffiert mit Klassikern wie Krieg den Palästen...unter den Talaren Muff von tausend Jahren...etlichen Hämmern und Sicheln, schüchtern dazwischen eingeklemmt ein kleines bedingungsloses Grundeinkommen. Es ist die Requisite, die herrscht.

Riesige rote Fahnen werden vor dem Publikum geschwungen, Kommunarden fläzen auf Couchen, zwischen Pappkartons, auch die Kronen der Aristokraten sind von Pappe. Und die Fahnen wirbeln Bilder auf. Man sieht es vor sich: "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix, oder der Lärm der Massen in "Die Macht und ihr Preis" von Francesco Rosi. Konstrukt Geschichte, das ist eben auch das Wiedereinsetzen von Bildern, Symbolen, Ready Mades, Doku-Fetzen, Pastiches, Kopien, Illusionen. Daraus entsteht Emotion. Und da überzeugt diese Proletenpassion, sie besticht, sie verführt. Man erlebt Geschichte in der Überblendung mit sich selbst, in einem Affekt, der die eigene Biografie mit hineinreißt. Der Aufruhr eines kollektiv Unbewussten will nach oben steigen.

Die Bilder bekommen urwüchsigen Anschub durch einen dampfenden Ostinato-Rock, einpeitschende Frontsänger und "Gustav", die hochcharismatische Sängerin Eva Janitsch. Das Kanzonen-Material der alten Tage hat in der Neubearbeitung enorm gewonnen. Druckvoller, klarer Rock, der die Weillschen Wurzeln nicht verrät. Man spürt Lou Reed, Velvet Underground, Rio Reiser, Ton Steine Scherben und manchmal ein Zerbrechen wie bei Joy Division.

Nicht einmal die unendliche Fülle der real-historischen Bezüge ermüdet, da die Spieler nicht in Agitprop-Fallen geraten, zu sehr sind sie Ulk und Narren-Anarchie verhaftet. Klassisch kabarettistisch, vielleicht ein bisschen an Karl Napps Chaos Theater erinnernd, sind eine Unterhaltung von Thyssen und Krupp, der schnarrenden Absurd-Hitler von Claudia Kottal oder die Stakkato-Aufzählung der Leiden und Ängste der von der Krise beleidigten Märkte. Finanz-Biologismen, Seelenzustände des Kapitals: Ströme, Fluchten, Abstürze und Schluchten, das Erzittern, die Scheu. Resümee: Die Märkte sollten mal Urlaub machen. Gegen Ende, beim "Jalava-Lied" über Lenins Rückkehr nach Russland klatscht das Publikum frenetisch mit. War das Nostalgie? Irritation der Zeitwahrnehmung zwischen kultureller Stagnation und kommunikativer Beschleunigung? Vielleicht mehr.

Veröffentlicht am: 02.11.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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