"Amarillo" vom Teatro Linea de Sombra beim Festival Spielart

Vertiefter Stillstand

von Michael Wüst

Leise rieselt der Tod. Foto: Teatro Linea de Sombra

Kollektive Prozesse, direkte Adressierung des Publikums, Textflächen, Dokumentation, Multi-Media, Tanz, Körper - Hybridtheater wird das auch genannt und beinhaltet so ziemlich alles, außer einer Beziehung zwischen den Figuren auf der Bühne. Das freie Theater "Teatro Linea de Sombra" zeigte im Rahmen des Spielart-Festivals 2015 in der Muffathalle "Amarillo", die Geschichte eines "Nobodys", wie es im Begleittext heißt, der in der texanischen Wüste irgendwo vor der Stadt Amarillo verloren gegangen ist.

An eine unüberwindliche Grenzmauer gelehnt, sitzt der Migrant im passenden Look der Sportswear-Freizeit-Klamotten mit Wasserflasche und Bag, und stiert ins Nichts des einströmenden Publikums. - An das der mexikanische Nobody dann aber nach dem Schließen des Eingangs herantritt.

Links und rechts der Spielfläche Regale mit Wasserkanistern, an der Bühnendecke hängen Dutzende Sandsäckche, am Rand in der Spielreserve vier Frauen und ein Weißhaariger mit Cowboyhut und Bart. Vier Beamer beliefern die rückwärtige Grenzmauer mit Dokumentationen der Verlorenen, die sich auf den Weg nach Amarillo machten und anonym im Grab der Wüste verschwanden.  Eine Kamera spielt den aktuellen Moment des Nobody auf der Bühne in die Doku-Projektionen ein. Ein Ich, eine Identität wächst dem Nobody, der das Publikum, das auch in dieser Produktion mit flackerndem Blick zwischen Szene und Übertiteln hin und her hetzt, nicht zu.

Was guckst du? fragt der Übertitel. Und: Ich bin einer von 1000 Namen, ich sitze in einem Kofferraum, in einem Zug, du siehst mich schwimmend im Fluß oder durch die Löcher in der Wand. Um der Sache Nachdruck zu verleihen, rennt er paar Mal gegen die Wand. Manchmal träume er, dass er tot wäre. Obwohl er nur ein little, little, little of american life haben wollte. Dazu wird "Get Back" von den Beatles eingespielt. Und die Wüste ist ein Grab, immer wieder. Die Sprache scheint dort auch verdurstet zu sein. Grundsätzlich wäre das durchaus konsequent, wenn man sich in dieser Produktion an irgendeinem Punkt von der notorisch aufgerichteten Wand des humanitären Entsetzens gelöst hätte. Wenn in Inhalt und Form darauf gesehen worden wäre, dass dieser Mensch kein Nobody ist, sondern nur Body. Reduziert auf das nackte Leben, den Rohstoff Mensch, im Vernichtungskreislauf der Biopolitik. Das Stück stagniert in seiner Prämisse.

Choreografische Einsprengsel der vier Frauen, die unter dem Verlust ihrer Männer leiden, ästhetische Anordnungen von Wasserkanistern, irgendwie magisch inspirierte Kreise aus Sand, begleitet vom spirituell kehligen Gesang des Cowboys, scheinen auflockern zu wollen und vertiefen nur den Stillstand. Am Schluss steigen viele angestochene Sandsäckchen wie sich entleerende Herzen in die Höhe, eine Art sakrales Fresco wird projiziert, der Cowboy erstarrt in Pavarotti-Pose: Korrektes Theater, das vom Start nicht weggekommen ist.

Veröffentlicht am: 29.10.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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