Kammerspiele-Auftakt mit Shakespeares "Kaufmann"

Wo war gleich noch mal die Substanz?

von Michael Weiser

Sind wir nicht alle Shylock? Walter Hess, Thomas Schmauser, Jelena Kuljić, Julia Riedler, Niels Bormann, Haqssan Akkouch (von links). Foto: David Baltzer / Bildbühne

Harter Stoff zum Saisonauftakt in der Kammer 1 (so heißt jetzt das große Haus an der Maximilianstraße): Zum Auftakt der Kammerspielsaison unter dem neuen Intendanten Mathias Lilienthal inszeniert Nicolas Stemann Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Und hinterlässt allgemeine Verunsicherung. Absicht? Wir werden sehen.

Es hat natürlich mehr als eine gelungene Szene gegeben als nur die, um die es gleich gehen wird. Und eigentlich ist sie die absehbarste aller Szenen mit dem absehbarsten Regietrick. Warum sie trotzdem ziemlich gut funktioniert, liegt daran, dass – wiederum absehbar bei den Kammerspielen – hervorragende Schauspieler zu sehen sind. Allen voran Thomas Schmauser, dessen irrlichterndes Spiel den Vorstellungen von Regisseur Nicolas Stemann so recht entgegenzukommen scheint.

Also natürlich ist da nicht ein Shylock zu sehen, sondern einige, man hatte sich das schon beim Lesen des Besetzungszettels denken können: Da sind alle irgendwann mal als Shylock gelistet. Und es liegt ja nahe, das Gefühl des Bedrohtseins durch die Mehrheitsgesellschaft von allen kundtun zu lassen. Frei nach Wolfgang Ambros: A jeder ist a Minderheit. Und Täter. Und Unterdrückter. Und überhaupt: einfach Mensch.

Allein auf weiter Versuchsflur: Walter Hess. Foto: David Baltzer / Bilderbühne

Also: Man hört den Juden den berühmten, zentralen Monolog sprechen und fragen: Wenn ihr uns stecht, bluten wir dann nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir dann nicht? Es folgen "der Moslem", "der Schwule", "die Frau". Es springt schließlich auf Thomas Schmauser, und er brüllt: "Ich bin ein Mann, ich bin heterosexuell." Auch eine Minderheit, wenn man so will, ja, das ist wirklich lustig, weil Schmauser das in Fassbinderschem Lederlook so spielt, wie es diese absurde Situation, dieser Wettstreit der Unterdrückten, erfordert: Mit verschwitztem Wahnwitz. Man hat diese Pointe, wie gesagt, kommen sehen. Dass sie doch funktioniert, zeigt, was für eine wunderbare Sache Theater doch sein kann.

Nicolas Steman hatte im Interview mit der "Süddeutschen" angekündigt, dass er keinen Schritt ohne oder gegen den Text von Shakespeare machen werde und hinzugefügt: "Bei Shakespeare ist das ganz extrem." Ja, Stemann erfüllte diese Garantie. Und, nein: er tat es nicht.  Der Text war wohl über Bildschirm zu verfolgen, mitnichten aber aus den Mündern der Protagonisten zu hören. Zumindest nicht ausschließlich aus den Mündern der Protagonisten, für die er geschrieben war, und in der Form, in der er geschrieben war. Eher muss man sich das so vorstellen wie bei "Rechnitz". Der Jelinek-Spezialist Stemann nimmt also die Stimmen des "Kaufmanns" und verwebt sie zu einer Wortfläche, einem Textteppich, sozusagen mit Jelena Kuljićs Gesang als buntem Faden.

Ein grelles Zerrbild

In seiner Wortwörtlichkeit ernst nehmen konnte, wollte (durfte?) Stemann den Text nicht. Weil da immer noch diese Frage im Raum schwebt: Ist der "Kaufmann von Venedig" ein antisemitischer Text? Der Jude Shylock verleiht Geld und verlangt ein ungewöhnliches Pfand dafür: Ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Antonio. Der die Schuld nicht pünktlich begleichen kann und vor Shylock erscheinen muss. Nur eine List rettet ihn vor einschneidenden Erlebnissen. Man kann den nach Rache dürstenden Shylock als grelles Zerrbild eines Juden betrachten, durchaus: wenn man die Verwundungen außer Acht lässt, die diesem Mann zugefügt worden sind. Da sich aber Stemann nicht auf wohltemperiert vorbereitete Zuschauer verlassen will, polstert er den Shylock sozusagen in ein Wortgeflecht ein. Ergebnis: Das ursprünglich holzschnittartige Bild verschwimmt.

Bloß kein Pathos: Hassan Akkouch trällert Schnulzen. Foto: David Baltzer / Bilderbühne

Das Bühnenbild von Katrin Nottrodt lässt uns zunächst in einen modernen Büroraum blicken, mit Schreibtischen und Mac-Books, mit Flipcharts und Flatscreens. Wir Zuschauer können das Ganze aber auch als Versuchsraum wahrnehmen, in dem die Schauspieler an und mit dem Text arbeiten, in einem Spiel zwischen Nähe und Distanz. Das Drama, das eine Komödie sein soll, wird in diesem Labor chemisch aufgelöst, auf dass man jenseits der Strukturen die Substanz erkenne. Mitunter zeitigt das Experiment hoffnungsvolle Ergebnisse, etwa wenn Niels Bormann den Clown gibt, mit Hakenkreuzbinde und aufgeklebter Hakennase: Da wird der Büroraum zum Redaktionsbüro von Charlie Hebdo. Bormann ist da allerdings kein Mitarbeiter, sondern mutiert unvermittelt zum terroristischen Alptraum allzu fester Gewissheiten: Eben hat er noch schreiend klargestellt, dass das hier eine Komödie sei. Im nächsten Augenblick eröffnet er aus einer Pistole das Feuer. Aber, keine Bange, auch das ist nur ein Witz.

Alles nur ein Als ob

Einen starken Eindruck hinterlässt auch Hassan Akouch, Breakedance-erfahrener Neuzugang bei den Kammerspielen. Er spricht zu Beginn arabisch, bringt von vornherein ein Moment der Verunsicherung in ein nur scheinbar bestens bekanntes Drama. Im Stemannschen Assoziationsgewitter wird er zu Conchita Wurst, darf eine Streisand-Schnulze trällern. Manchmal ist ja auch Party-Time. Und da tun die Schauspieler, was man so tut bei Partys. Man amüsiert sich, auch bei Gesprächen mit vorgespieltem Tiefgang. Alles nur ein Als-ob. Alles nur ein Was-wäre-wenn. Kennt man irgendwie, von vielen bedeutungsschwangeren Abenden her.

Stemann traut dem Text nicht, auch nicht seiner Dramaturgie. Wie kann man nach dem Rachefuror des Juden, wie nach der kalten bürokratischen Vergeltung der Christen - man trifft den Juden, wo es ihm am meisten wehtut: am Geld, haha - zum Ende kommen? Wie der zur Tragödie mutierten Komödie zu einem komödiantischen Schluss verhelfen? Bormann und Schmauser chargieren höchst amüsant und spielen das richtig munter runter. Walter Hess bleibt ganz am Ende alleine stehen, still erledigt. Als Antonio ebenso wie als Shylock: Alles hat ein Ende, nur dieses Drama leider zwei Verlierer.

Shakespeares "Kaufmann" als Textlabyrinth: Hassan Akkouch, Thomas Schmauser, Julia Riedler (v.l.n.r.). Foto: David Baltzer /Bilderbühne

Auch das bleibt hängen. Was nicht viel am zwielichtigen Eindruck ändert. Stemann will ein Drama von jeder Seite ausleuchten, so lange, bis man vor lauter Facetten jede Gewissheit verloren hat. Irgendwann verliert man auch die Orientierung. Die Substanz? Noch nicht ganz greifbar. Von gelungenen Szenen haben wir bereits gesprochen. Ein runder Theaterabend hat sich bei der Premiere noch nicht ergeben.

 

William Shakespeare, "Der Kaufmann von Venedig", mit Mit Hassan Akkouch, Niels Bormann, Walter Hess, Jelena Kuljić, Julia Riedler, Thomas Schmauser; Inszenierung Nicolas Stemann; Bühne Katrin Nottrodt; Kostüme Marysol del Castillo; Musik Thomas Kürstner, Sebastian Vogel; Video Claudia Lehmann; Licht Jürgen Tulzer; Dramaturgie Benjamin von Blomberg.  Nächste Vorstellungen am 15., 22. und 23. Oktober sowie am 8., 15. und 24. November 2015, Karten unter Telefon 089/233 966 00.

Veröffentlicht am: 14.10.2015

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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