Armenien auf der Ballettbühne im Carl-Orff-Saal

Geister durchschneiden die Lüfte

von Isabel Winklbauer

Armeniens Kraft und Ästhetik im Viererpack. Foto: Forceful Feelings.

Nach fünf Jahren kreativer Pause brachten die armenischen Tänzer von Forceful Feelings wieder eine Vorstellung auf die Bühne. Tigran Mikayelyan, Erster Solist am Bayerischen Staatsballett, versammelte diesmal eine etwas kleinere, aber feinere Runde um sich: Seine Freunde Arsen Mehrabyan und Vahe Martirosyan aus Ausbildungstagen in Eriwan und Zürich, dazu Staatsballett-Solist Ilia Sarkisov und ein ganz besonderes Damen-Trio. Man besann sich auf Leichtigkeit - trotz des 100-jährigen Gedenkens an den Völkernmord an den Armeniern, denen die Vorstellung gewidmet war.

Sara-Jane Brodbeck, Mia Rudic und Mariko Kida, diese ungewöhnliche Kombination springt einem Ballettdirektor nicht so schnell aus dem Hirn, das schafft nur der Zufall. Oder zumindest der freie Tänzerwille von Mikayelyan und Co. Rudic, Demi-Solistin am Bayerischen Staatsballett, macht sich an Mikayelyans Seite ausgesprochen selbstbewusst. Im Nationaltheater sind die beiden nur selten zusammen zu sehen, hier setzt die große, knabenhafte Ballerina dem Star der Kompagnie ihre ganz eigene Dynamik entgegen - ein spannungsgeladenes Spiel, das ganz ohne die lyrische Süße der Prinzipalinnen auskommt, die man sonst neben Mikayelyan sieht. In Terence Kohlers "Transcended" würgen und morden sich die zwei sogar nieder, nur um zuletzt herzhaft zu lachen. Später sieht man sie noch in einem verspielten Pas-de-deux von Vlademir Faccioni, ebenso unterhaltsam und trotz Hebungen mit Tiefblick ausgesprochen emanzipiert.

Starke Gefühle brauchen kein Oberteil. Foto: Forceful Feelings

Sarah-Jane Brodbeck, Erste Solistin am Royal Swedish Ballet, hat die ehrenvollste Aufgabe des Abends zugeteilt bekommen: In der Gruppenchoreografie von Arsen Mehrabyan für alle vier Tänzer spielt sie die zentrale, weibliche Figur. Ist sie eine Art Mutter Maria - Amenien ist ja christlich - oder symbolisiert sie das Land selbst? Würdig genug bewegt sie sich allemal, mit Klasse, Präzision und dem Profanen enthoben. Sie ist die glatte, helle Oberfläche, vor der sich männliche Kraft und Stolz abspielen. Mehrabyan spielt die Ästhetik der hervorragend trainierten Körper wieder einmal voll aus, was für kräftigen Applaus sorgt.

Doch nicht nur deswegen sind seine Choreografien erfreulich. Der Erste Solist am Royal Swedish Ballet (wie übrigens auch Martirosyan) hat ein Gespür für Synchronizität und Tempo, und auch für Mann und Frau im Raum: Für Vahe Martirosyan und Mariko Kida hat er den bemerkenswerten Pas-de-Deux "Enduring Winter" geschaffen. Die Kreation kann durchaus neben seinem Spiegelpart, Mats Eks "Sleeping Beauty" nach der Pause, bestehen. Wobei für die Benois-Preisträgerin Kida der Carl-Orff-Saal eindeutig zu klein ist. Unvorstellbar, dass in diesem schwerelosen Körper Herz und Lunge ihre Arbeit erledigen wie in Normalsterblichen. Kida zerschneidet die Luft mit ihren Arabesken und Sprüngen wie ein Geist, verwendet ihre ganze Energie auf das Gefühl und die Verbindung zum Partner. Glücklicherweise ist Martirosyan das genaue Gegenteil von ihr: groß, erdverbunden, voller Feuer. Die Duette der beiden sind die Höhepunkte der Vorstellung.

Forceful Feelings ist zu einer reiferen Truppe heran gewachsen. Die Choreografien sind sorgfältig ausgewählt (es gab etwa außerdem Stücke von Dustin Klein, Maged Mohammed und Jiri Bubenicek), ebenso die Zusammenstellung der Protagonisten. Drei starke Frauen geben der Show einen wirklich außergewöhnlichen Reiz. Andererseits muss an der Musikauswahl noch gefeilt werden. Die sehr leichte, romantische Auswahl von Philip Glass über Tschaikowski bis hin zu armenischen Komponisten erreichte teilweise das Spannungsniveau von Aufzugbeschallung. Womöglich lag es ja an der Technik. Da alles andere inhaltlich aber mehrere Stockwerke darüber spielte, sei das Prinzregententheater angeraten. Hier sollte sich eigentlich die nächste Entwicklungsstufe der "Tigran and Friends"-Truppe abspielen. Die Münchner sind dabei!

Veröffentlicht am: 25.06.2015

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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