Nina Hümpel über das von ihr kuratierte "Dance 2015"

"Innovativ sein heißt offen sein für fremde Künste"

von Isabel Winklbauer

"Dance"-Kuratorin Nina Hümpel. Foto: I. Winklbauer

Ab 7. Mai geht "Dance 2015", das Münchner Festival für zeitgenössischen Tanz, zum zweiten Mal mit Nina Hümpel als Kuratorin über die Bühne. Kulturvollzug traf die Tanzwissenschaftlerin und Chefredakteurin von "Tanznetz.de" zum Interview. "Noch wenige Tage", freut sie sich auf den Eröffnungstag. Alles läuft nach Plan - und für künftige Festivals hat sie noch eine Menge Ideen.

Kulturvollzug: Frau Hümpel, vor drei Jahren kuratierten Sie "Dance" gemeinsam mit Dieter Buroch vom Frankfurter Mousonturm, diesmal sind Sie weitgehend alleine. Macht die Arbeit noch Spaß?

Ich will nicht sagen, dass es wenig zu tun gibt. Aber ja, es macht Spaß! Die Arbeit, die wir 2012 gesät haben, trägt jetzt Früchte. Das Bayerische Staatsballett, die Kammerspiele, das Residenztheater und das Theater der Jugend setzen die Zusammenarbeit von damals mit Begeisterung fort. Auch zu vielen Kompanien ist der Zugang leichter geworden, da ich seit fünf Jahren ihre Werke intensiv verfolge. Es ist diesmal weniger kompliziert.

Das Publikum sieht nur das fertige Festival. Was geschieht in den zwei Jahren Vorlaufzeit?

Vor allem zu Beginn dieser Vorlaufzeit leiste ich den wohl angenehmsten Teil meiner Aufgabe: Ich reise viel, um die besten Produktionen für München zu finden. Vieles von dem, was ich sehe, kommt nicht in Frage - auf zehn indiskutable Stücke kommen vielleicht zwei, die wirklich toll sind. Es ist insgesamt aber eine beglückende Erfahrung, so viele Kompanien in ihrem heimischen Umfeld sehen zu dürfen. Man erkennt den politischen und kulturellen Kontext ihrer Werke viel besser. Zum Beispiel war ich letzten Herbst in China, beim Guangdong Dance Festival. Auch in Israel war es sehr spannend.

Haben Sie ein System, mit dem Sie sich in der Welt umsehen?

Entdeckerin des Unbekannten: Nina Hümpel. Foto: I. Winklbauer

Auf dem Plan stehen immer die großen Festivals wie das in Avignon, Tanz im August in Berlin oder Impuls Tanz in Wien. Zu anderen Veranstaltungen werde ich eingeladen oder sie werden mir empfohlen. Mich interessieren generell Plattformen in Ländern, aus denen man nicht viel kennt. Wie eben das Festival in Guangzhou, das nur Produktionen aus China, Taiwan und Hongkong zeigte, und dessen Rahmenprogramm viel über Land und Tanzkultur aussagt. Auch Montreal war toll - unglaublich, welche künstlerische Vielfalt diese Stadt parat hat!

Sie sehen sich schon seit 2008 gezielt arabische Produktionen an. Was war der ursprüngliche Plan dahinter?

2008 und 2010 gab es in Beirut eine Tanzplattform, die eine enorme Publikumsresonanz hatte. 2013 stellte ich dann fest, dass dort aufgrund der schwierigen politischen Lage die Besucher, vor allem die Veranstalter, plötzlich ausblieben. Mit dem Organisator der arabischen Tanzplattform, Omar Rajeh, entwickelte ich damals die Idee, die ganze Veranstaltung nach Deutschland zu verlegen, damit wieder mehr Besucher kämen. Leider bewilligte uns die Kulturstiftung des Bundes dafür keine finanziellen Mittel.

Zum diesjährigen "Dance"-Festival gab es nun doch eine arabische Plattform...

Ja, Dietmar Lupfer vom Muffatwerk hatte sich bereit erklärt, die Idee aufzugreifen. Dank Mitteln aus dem Accesstodance-Fördertopf und in Kooperation mit "Dance" brachten wir die Idee diesen März zwar kleiner als geplant, aber doch umfassend auf die Beine. Es gab nicht nur Tanz, auch Konzerte und Lyrik.

Wieso ist trotzdem keine arabische Produktion im Hauptprogramm von "Dance" zu finden?

Es war mir wichtig, dass die arabischen Stücke ein eigenes, großes Format erhalten! Die arabische Plattform ist genau so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Trotzdem hätte ich gerne noch mehr gezeigt. Der Nahe Osten ist eine Welt, in der der Tanz noch nicht von unseren westlichen Parametern geprägt ist. Zum Beispiel ist dort stilistische Vermischung von Streetdance und zeitgenössischem Tanz viel ausgeprägter. Viele der zeitgenössischen Tänzer kommen dort aus dem Hiphop, denn eine moderne Tanzausbildung gibt es ja praktisch noch nicht. In Marokko gibt es ein Festival, das ausschließlich im öffentlichen Raum spielt und dem Rechnung trägt.

Dieses Jahr hat "Dance" kein Motto. Geht das Konzept auf, einfach das Beste und Wichtigste aus aller Welt zu zeigen?

Wir haben zwar kein Motto, aber doch ein Thema: Doppelspiel. Der zeitgenössische Tanz gilt als innovativste Kunstform, weil er sich als erster anderen Künsten geöffnet hat. Das möchte ich diesmal in den Vordergrund rücken, ohne dass ich dabei irgendeine Produktion nur wegen des Mottos einladen müsste. Mit Richard Siegal sehen wir etwa einerseits ein abendfüllendes Stück im Nationaltheater, andererseits gibt er eine kleine, intime Lecture Performance. Oder Peeping Tom: Die niederländische Kompanie hat mit den Kammerspielen die tanztheatralische Uraufführung "The Land" erarbeitet, zeigt aber auch ihr eigenes Stück "Vader". Es geht um die Variationsbreite von zeitgenössischem Tanz.

Geht das Prinzip auch finanziell auf?

Mottos sind schon zugkräftig fürs Publikum. Doch die Kartenverkäufe laufen auch ohne absolut wünschenswert! Letztlich ist es die Qualität, die das Publikum anzieht. Und auch das Vermitteln dieser Qualität. Wie schon beim letzten Festival haben wir etwa für Stefan Drehers Tanzmarathon junge Tanzwissenschaftlerinnen abgestellt, die den Zuschauern bei der Interpretation helfen. Insgesamt haben wir das Programm bei Einführungen und auf Pressekonferenzen locker nach Genres eingeteilt, damit jeder schnell erkennt, was ihm gefallen könnte.

Sollten Sie 2017 "Dance" noch einmal kuratieren, hat das Bayerische Staatsballett einen neuen Direktor. Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit mit Igor Zelenskys künftiger Truppe?

Ich hoffe, ich darf 2017 noch einmal antreten! Das Bayerische Staatsballett hat mit Bettina Wagner-Bergelt eine erfahrene und engagierte Dramaturgin, die das Festival sicher weiter unterstützen wird. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass Herr Zelensky so klug ist, Choreografen wie Richard Siegal fest ans Haus zu binden. Er darf dieser breit aufgestellten Kompanie einfach nicht nur den klassischen Schuh anziehen.

"Dance 2015" startet am 7. Mai mit Stücken von Saburo Teshigawara und Kaori Ito. Das komplette Programm - darunter Produktionen aus Bangladesch, China, Kanada, USA, Belgien und Frankreich - ist unter www.dance-muenchen.de zu sehen. Kulturvollzug ist Medienpartner des Festivals.

Veröffentlicht am: 04.05.2015

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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