Zur Eröffnung der Ballettfestwoche 2015

Tour de Siegal für starke Nerven

von Isabel Winklbauer

Javier Amo, Ivy Amista, Zuzana Zahradníková in "Unitxt". Foto: Wilfried Hösl

"Portrait Richard Siegal" hieß das Eröffnungsstück der Ballettfestwoche am Bayerischen Staatsballett. Gleich drei moderne Stücke desselben Künstlers, so viel Ehre wurde einem Choreographer in Residence noch nie zuteil. Mit "Unitxt" und "Metric Dozen" hatte Siegal zuletzt haufenweise Lorbeeren geerntet. Es war also spannend. Würde er sich mit einer neuen Uraufführung selbst übertreffen können? Doch niemand ist andauernd genial, und so kam das Erwartete: Das schön anzuschauende "In a Landscape" wirkt zwischen seinen Vorgängern etwas fad. Die ruhige Tour funktioniert bei Siegal, dem Hochspannungskünstler, nicht so richtig. Dafür fegt der Rest das Publikum zuverlässig vom Sitz - den einen vor Entrüstung, den anderen vor Begeisterung.

Siegal ist nichts für Weicheier. Wer seine Werke sieht, muss die blaue Pille wählen oder die rote - wie in dem Film "Matrix", in dem der Held die Wahl zwischen schmerzhafter Erkenntnis und sanfter Ahungslosigkeit hat. Wer die blaue nimmt, verzichtet auf Siegals Tempo und Laustärke und geht. Nach der ersten Pause war folglich so mancher Platz leer. "Unitxt" fährt zu eindringlich durch Mark und Bein, es gibt kein Entkommen vom unglaublichen Sog des Augenblicks, den das Stück einfängt. Geschwindigkeit paart sich mit perfekter Bewegung, die Tänzer wirbeln in atemberaubenden, doch gleichzeitig perfekt geordneten Figuren und Paarungen durch den Industrial-Soundtrack von Carsten Nicolai und Alva Noto. Das Stück führt die irrsinnige Ordnung unserer Gesellschaft vor, unsere Welt, wie sie jetzt gerade entsteht. "Untxt" hat die Realität eingefangen und fesselt damit wie eine Raum-Zeit-Singularität. Wo William Forsythe stochert, öffnet Siegal die ganze Kiste. Es ist an der Zeit, es zu sagen: Er hat sein Vorbild überholt.

Verdächtige Schönheit: "In a Landscape". Foto: W. Hösl

Nach diesem Ritt also das nagelneue "In a Landscape" - ein fließendes, ruhiges Stück wie aus einer Unterwasserwelt. Wie ein einsames U-Boot schwirrt eine Leuchtdrohne durch den Bühnenraum und um die Tänzer herum, die wie bunte Fische vor zwei simplen, hohen Kulissenwänden umher gleiten. Die Pas-de-deux sind gemessen und formvollendet. In Siegals Universum sind Männer und Frauen so unterschiedlich, wie sie sind und sprechen doch auf Augenhöhe miteinander. Jedoch, wo "Unitxt" von Partnerschaft erzählt, geht es in "Landscape" nicht mehr so harmonisch zu. Die Gefährten treten sich schon mal in den Unterleib und stoßen sich heftig, aber immer in schönster Normalität.

Siegal experimentiert in "Landscape" auch mit neuen Körpersprachen. Man sieht indische Einflüsse in den Händen und Armen. Auch Klassikzitate sind erkennbar, wie die vier kleinen Schwäne, jedoch durch überathletische Interpretation ins Groteske verzerrt. Nicht dass es deswegen irgendwelches erzählerisches Aufhebens gäbe. Die Paare und Gruppen schweben weiter harmonisch unter den Klängen von Ryuchi Sakamoto herum, nur unter der Oberfläche scheint es zu brodeln. Was das Ganze darstellt? Vielleicht die völlig unpolitische, gleichgültige Trance, mit der die Menschheit in die totale Vernetzung auswandert. Der kleine Schockeffekt zum Schluss wirkt in dieser künstlichen, verschlafenen Welt jedenfalls wie eine Erleichterung.

Katharina Christl in "Metric Dozen". Foto: W. Hösl

"Metric Dozen" feuert schließlich wieder aus allen Rohren. Das Stück entstand letztes Jahr für das Ballet de Marseille und erlebte nun seine Münchner Erstaufführung. Würde das Staatsballett es mit "Unitxt" auch unter seinem neuen Chef Zelensky im Repertoire behalten, wäre das zu schön. Was ist Mann, was ist Frau? In diesem androgynen Theater gibt es nur rasende Engel in schwarzem Lamé, die sich gebärden wie Teilchen, die sich nicht auf einen festen Zustand hin messen lassen wollen. Es sei denn, sie stehen freiwillig still und zeigen wie Diven einer Revue, was sie haben. Die tänzerischen Anforderungen sind, wie in allen Siegalstücken, enorm. Dass Modernes leichter zu tanzen wäre, wird hier zum Witz: Drehungen, Hebungen und Arabesken gehen bis an die äußerste Dehnungsgrenze, und die Geschwindigkeit, die die Tänzer halten müssen, wäre von einer mäßigeren Kompanie als dem Staatsballett gewiss nicht zu bewältigen. Ivy Amista, Katherina Markowskaja und Suzanna Zahradnikova haben in dieser Hinsicht sicher einen besonders großen Blumenstrauß verdient, ebenso wie Javier Amo. Das Publikum hatte aber auch viel Vergnügen an den Gasttänzern Katharina Christl und Corey Scott-Gilbert, zwei Typen, die bei der Staatsballett-Audition wegen ihrer Underdog-Aura nicht  weit kämen. Sie zeigten, wie brutal, schillernd und mondän Ballett im Rest der Welt sein kann.

Zum Schlussapplaus gab es noch mehr leere Plätze. Der verbliebene Club der roten Pillen dagegen war völlig aus dem Häuschen. Wer weiß - vielleicht gibt es so große Portionen Richard Siegal bald nicht mehr zu sehen. Die neue Ballettdirektion, die 2016 antritt, ist eher für ein klares Bekenntnis zur Klassik bekannt. Wenn man auch über den monothematischen Ansatz dieses Eröffnungsabends diskutieren kann: Den Spaß ist er 1000-prozentig wert. "Porträt Richard Siegal" rockt das Nationaltheater.

Veröffentlicht am: 20.04.2015

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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