Zur slowenischen Kultband Laibach anlässlich ihres Auftritts im Residenztheater

Spiegelbilder, die ertragen werden müssen

von kulturvollzug

Das Logo der Band. Foto: Laibach / Wikipedia

Wie fühlen Sie sich jetzt?“ fragte ein Kamerateam die serbische Schauspielerin Vedrana Seksan, als sie am 21. November 1995 aus einem Laibach-Konzert in Sarajevo kam. Trotz des damaligen Krieges in Jugoslawien tourte Laibach dort, wobei die Band nur mithilfe eines Nato-Konvois zu den Spielorten gelangte, wo sie ihr damaliges Album NATO mit dem Slogan präsentierte: "Laibach take NATO where NATO itself has refused to go".

„Großartig!“ antwortete damals die Schauspielerin. „Ein tolles Konzert!“ Doch das Kamerateam meinte den Friedensvertrag, der damals eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in Paris unterzeichnet wurde. Mit solchen persönlichen Geschichten der Schauspieler reflektiertder Regisseur Milo Rau im zweiten Teil seiner Europa-Trilogie, das Theaterstück „The Dark Ages“, das am 11. April 2015 am Münchner Residenztheater zur Uraufführung kam. Eine europäische Problematik, die nach dem Untergang des Dritten Reiches bis zum Jugoslawienkrieg als überwunden galt. Das Stück geht der Frage nach: Was geschieht mit Menschen, wenn ihre Überzeugungen und Staaten zerbrechen? Der Untergang des Dritten Reiches und die Schrecken des Jugoslawienkrieges bilden die historische Folie für ein intimes Kammerspiel über die finsteren Seiten des sich vereinigenden Europas.

Der Soundtrack zum Stück stammt von der Band Laibach, die gleich zweimal in den Erinnerungen der Darsteller eine zentrale Rolle spielt. Nicht zuletzt bestimmten die im Stück aufgeworfenen Fragen schon immer das Werk Laibachs, weswegen es für den Regisseuren Milo Rau nur konsequent war, wenn im Anschluss an die Premiere von „The Dark Ages“ Laibach selbst ein Konzert im Residenztheater spielt.

„Natürlich werden wir zu diesem Anlass unser Programm auch auf das vorausgegangene Theaterstück abstimmen. Genügend Stücke zum Thema Europa haben wir ja“, verspricht Ivan Novak von Laibach, die 1983 unter dem Titel „Occupied Europe“ erstmalig außerhalb Jugoslawiens tourte. In der Inszenierung ihrer Shows und den Arrangements ihrer Musik spiegelte Laibach vor allem die Mechanismen von totalitären Diktaturen. Selbst Rockhymnen, die jede Anpassung abzulehnen schienen, wie zum Beispiel „Sympathy For The Devil“ der Rolling Stones oder das Beatles-Album „Let It Be“, verwandelte Laibach in eine gleichschaltende Marschmusik, die ähnlich wie ihre Adaption des Opus-Schunkel-Schlagers „Live is Life“ mit einem wagnerianischen Bombast aufbereitet wurde, dass sie nicht selten an eine Ästhetik erinnerte, die man mit dem dritten Reich als untergegangen wähnte. Die nationalistische Gesinnung wurde dabei auch noch textlich verstärkt, wenn Laibach in „Live is Life“ statt vom „Feeling of the Band“ vom „Feeling of the Land“ sang. „Obwohl wir nie Uniformen trugen, wollte man uns damals ständig in Uniformen gesehen haben“, sagt Ivan Novak von Laibach. Dass aber selbst die Klamotten, die einige Kritikern sogar als Nazi-Uniformen entlarvten, in Wahrheit der jugoslawischen Armee abgeschaut waren, unterstreicht zum einen die Austauschbarkeit von totalitären Systemen, wurde von der jugoslawischen Regierung aber auch genutzt, um Laibach wegen ihrer angeblichen rechten Gesinnung zu verbieten. „Selbst der Name wurde uns vorgeworfen. Er sei das Wort der Nazis für die slowenische Stadt Ljubljana, wurde behauptet. Das ist natürlich Quatsch. Den Namen Laibach gab es schon im 19. Jahrhundert, als Slowenien noch von Österreich besetzt wurde. Im Grunde ist es nur ein Wort, so wie deutschsprachige Menschen zu Milano Mailand sagen, oder Italiener zu München Monaco.“ sagt Ivan Novak. Die unterstellte rechte Gesinnung, die zum Verbot führte, war also nur ein Vorwand: „In Wahrheit ertrugen die Mächtigen nur nicht das Bild, das sie in den Spiegeln sahen, die wir ihnen vorhielten“, meint Novak.

Statt sich in Folge des Verbots aufzulösen, expandierte die Band zusammen mit Malern, Philosophen, Architekten und Theatermachern in ein retro-avantgardistisches Kunstkollektiv „Neue Slowenische Kunst“. Die popkulturelle Bedeutung der Band war dabei schon so groß, dass ein Album auch ohne Bandnamen erscheinen konnte, trotzdem aber von Fans der Band zugeordnet wurde. In Deutschland engagierte der Intendant Peter Zadek die Slowenen 1987 als Musiker für Wilfried Minks „Macbeth“-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus. Und prompt wurde auch hierzulande eine unterstellte politische Gesinnung der Band argwöhnisch beäugt, die einmal mehr den von Shakespeare thematisierten Willen zur Macht musikalisch aufzubereiten wusste.

Derlei Gerüchte sind mittlerweile zum Glück widerlegt. Auf der Expo 2000 in Hannover spielte Laibach im slowenischen Pavillon, 2006 lieferte sie auf dem Bachfest in Leipzig eine Neubearbeitung der Kunst der Fuge, und für die Filmkomödie Iron Sky komponierte sie 2012 den Soundtrack. International greifen sowohl Galerien als auch Theaterhäuser die Ästhetik Laibachs auf, die neben Kraftwerk als die stilprägendste Electro-Pop-Band überhaupt gilt, ganz gleich, ob sie Bob Dylan covert, Nationalhymnen spielt oder eine unvollendete Oper von Edvard Grieg aufbereitet. Parallel zum neuen Album „Spectre“ hat Laibach übrigens eine neue Partei gegründet. Über die Internetseite der Band kann man sich als Parteimitglied registrieren. Den dazu gehörigen Parteiausweis gibt es im Laibach-Shop oder in der Deluxe-Edition des neuen Albums, von dem jüngst auch ein Remix-Album erschien.

Dirk Wagner

 

Veröffentlicht am: 13.04.2015

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